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Wahlzeit, Plakatzeit, Nervzeit: Hinter der Fassade des Wahlkampfs

Wahlzeit, Plakatzeit, Nervzeit : Hinter der Fassade des Wahlkampfs

Tatsächlich, es ist Bundestagswahlkampf. Das ist, so eine Studie der Universität Hohenheim, auch der Hauptzweck der Plakate – ans Wählen zu erinnern. Zudem fanden die Forscher heraus, dass Plakate die Bürger zunehmend nerven.

Vielleicht unterhalten sie auch: Ein Kandidat wirbt nicht für ein Herrenparfüm, sondern für die FDP.

An den Straßen hängen – wieder – kleine und große Plakate. Botschaft: Bundestagswahlkampf. Vorher war NRW-Wahlkampf. Wo vorher Laschet hing, hängt jetzt Merkel, und Schulz hat Kraft ersetzt. Meist geht es via Gesicht nur um Sympathie-Fishing.

Bei den kleinen Versionen ist es wie immer: Lächelnde Kandidaten, einfältige Slogans, und Kinder machen sich wieder mit Filzstiften an den Gebissen der Politiker zu schaffen. Immer wieder erstaunlich, wie sehr so ein winziges schwarzes Quadrat in der Zahnreihe optisch dominieren kann. Bei großen Plakaten sind mehr Buchstaben aneinandergereiht, manchmal reicht es sogar zu kompletten Sätzen.

Volksparteien und Familienpolitik: Die CDU-Werbeagentur hat ein Foto aus der Abteilung „heiteres Familienleben“ platziert. Mutter im Hintergrund, Vater lacht mit Tochter über einem Topf, der fliegende Pfannkuchen soll Esprit versprühen. Text: „Jede Familie ist anders. Und uns besonders wichtig.“

Daneben steht in einem Bonner Kreisverkehr die Kreation von PR-Profis, die die SPD zum selben Thema inszenieren. Das Foto zeigt ein Mädchen mit weit aufgerissenem Mund. Text: „Unsere Familienpolitik ist genauso: laut und fordernd.“ Beides nebeneinander erinnert an diese sich verwechselnd ähnlich sehenden Quiz-Bildchen, die fragen: In welchen winzigen Details unterscheiden sich die Bilder? Ein „Detail“ aus der deutschen Alltagswirklichkeit fehlt allerdings völlig: die wachsende Zahl der Alleinerziehenden in prekären Lebensverhältnissen.

Die Mitte der Gesellschaft ist diffus

Während die Werbeprofis einen ungeheuren Aufwand treiben und wissenschaftliche Erkenntnisse umsetzen, etwa dass 70 Prozent der Betrachtungszeit auf den Bildanteil entfallen, geben die Parteien Themen und Strategie vor. Dazu gehört das verständliche Ziel, an keiner Ecke potenzielle Wähler zu verprellen.

Tatsächlich buhlen die Volksparteien alle in der sogenannten Mitte der Gesellschaft – eine diffuse Größe, die sich ökonomisch oder bildungsmäßig erfassen lässt, aber trotzdem konturenlos bleibt, weil die unterschiedlichsten Sozialmilieus mehr oder wenig alle dazu gehören: Die Hedonisten, die Konservativ-Etablierten, die Sozial-Ökologischen, die Adaptiv-Pragmatischen.

Sie alle essen und trinken und haben wahrscheinlich höchst unterschiedliche Meinungen zur Ernährung im Allgemeinen und zu Fleischkonsum/-produktion im Besonderen – eben zur Landwirtschaft: Sollen die Bauern weiter nach einem von der Politik vorgegebenen Kompass agieren? Dieser diktiert ihnen beispielsweise, maximal effizient – Tierschutz hin oder her – mit der Kreatur umzugehen, damit eine Rendite gesichert ist.

Tatsächlich produziert der industrielle Maststall nicht nur Fleisch, sondern auch schädliche Klimagase, Grundwasser-Desaster (Gülle), Antibiotika-Resistenzen – Probleme, die alle Wähler betreffen. Würde eine politische Partei sich dazu eindeutig und unmissverständlich positionieren, ginge sie erhebliche Wählerverprellungsrisiken ein.

Die FDP durchbricht die Wenig-Text-Regel

Auch reine Kopfplakate (Name, Partei, Slogan) sind inzwischen parteiübergreifend risikobehaftet, „denn viele Menschen sind früher oder später von diesen Plakaten genervt“, sagt Professor Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim. Auffällig seien hier die FDP-Produkte mit dem Kopf von Spitzenkandidat Christian Lindner, weil sie die Wenig-Text-Regel durchbrechen. Die langen FDP-Plakattexte würden „zwar nicht gelesen“, aber diese sollten „signalisieren: Wir haben viel zu sagen“.

Überhaupt tanzt die Lindner-Kampagne aus der Reihe, weil sie optisch dem „Blümchen-Design“ gewohnter Parteienplakate widerspricht. Da lässt sich ein Politiker in Starpose inszenieren, als würde Fußball-Superstar Ronaldo mit Dreitagebart (und natürlich ohne Krawatte) ein neues Herrenparfüm bewerben. Das polarisiert und soll es wohl auch. Die Botschaft ist einfach: Seht her, ich bin anders als die anderen – und das könnte reichen, um die angestrebte Über-Fünf-Prozent-Nische wieder zu besetzen. Denn wer – Hand aufs Herz – liest schon Parteiprogramme?

Das sollen Journalisten leisten oder jene Informationsverdichter, die hinter dem „Wahlomaten“ im Internet stecken. Aber schon das Beantworten der Wahlomat-Schlüsselfragen dürfte die Aufmerksamkeitsspanne vieler junger Menschen, so einschlägige Studien, deutlich überschreiten. Eine Microsoft-Studie merkt an, es würden sich halt neue „kognitive Leistungen“ aus dem „digitalen Lebensstil“ entwickeln. Es heißt, mit der selektiven und alternierenden Aufmerksamkeit käme man am besten durch die digitale Welt.

Da die Menschen allgemein weniger oder mehr Kurzes lesen, regierte bei den Wahlprogrammen „Fasse dich kurz“: Sie schrumpften von durchschnittlich 46.000 auf 37.000 Wörter. Den längsten Text bieten die Grünen (60.206 Wörter), den kürzesten die AfD (16.010). Das alte Problem bleibe das neue: Es hapert mit der Verständlichkeit. „Mit ihren teilweise schwer verdaulichen Wahlprogrammen schließen die Parteien einen erheblichen Teil der Wähler aus und verpassen damit eine kommunikative Chance“, sagt Brettschneider, der mit weiteren Wissenschaftlern die Papiere der politischen Parteien analysierte.

Die AfD formuliert am kompliziertesten

Zum Check entwickelten sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“, der von 0 (völlig unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) reicht. Auf Platz eins rangieren in puncto Verständlichkeit CDU/CSU (10,8 Punkte), gefolgt von Grünen (10,0), Linke (9,3), FDP (9,1) und SPD (8,4). Am unverständlichsten sei das AfD-Programm. „Die vermeintliche Volksnähe, die die AfD beansprucht, pflegt sie in ihrer Sprache jedenfalls überhaupt nicht“, resümiert Brettschneider.

Welches Thema wird die Wahl entscheiden? Flüchtlinge, Steuerprogression, Bildungspolitik oder die EU-Politik? Familienpolitik wird es jedenfalls nicht sein und Klimaschutzpolitik erst recht nicht. Oder entscheidet sich das Ganze eher sachfremd über die Kandidaten, wobei das unausgesprochene, vage und fast personifizierte „Weiter so“ der Kanzlerin vielen bereits als programmatische Aussage reicht?

Nachdem „Dieselgate“ und städtische Feinstaubbelastung als Aufreger um die Ecke kamen, böte sich eine erstaunliche Chance, denn, so heißt es, vielen Deutschen sei ihr Auto heilig: Eine Partei könnte – wie auf dem Niveau der Familienpolitik – zum Beispiel erklären: „Ihr Diesel bleibt Ihr Diesel“. Wären, zumindest theoretisch, immerhin 15 Millionen Wählerstimmen. Den 29 Millionen Benziner-Besitzern wäre das (fast) egal. Zudem würde keiner verprellt und die Botschaft sogar auf das Wahlplakat-Format an der Straßenlaterne passen.

Die Nichtwähler wären die zweitstärkste Partei

Stimmt: Der Vorschlag ist polemisch, fast zynisch, korrespondiert aber mit den pointiert-provokanten Worten von Kurt Tucholsky: „Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie längst verboten.“ Das Zitat spiegelt vereinfacht den Eindruck vieler Menschen („Es ändert sich sowieso nichts“) und durchzieht wie ein roter Erklärfaden die Ergebnisse diverser Studien zum Thema Wahlbeteiligung.

Diese haben herausgefunden, dass jene Menschen, die sich sozial oder gesellschaftlich abgehängt fühlen, meist gar nicht erst zur Wahl gehen. Dabei könnte diese Nichtwählergruppe – rein numerisch und idealtypisch gedacht – aktuell die zweitstärkste Partei stellen.

Mit einer Wahlbeteiligung von 78,5 Prozent starteten die Deutschen nach dem Krieg 1949 in ihre neue Demokratie, steigerten sich 1991 auf 91,1 Prozent und sind seitdem wachsend wahlmüde. Auch demokratiemüde? Zuletzt blieben – 2009 und 2013 – stets rund 30 Prozent zu Hause. Nichts deutet in diesem faden Bundestagswahlkampf darauf hin, dass die große Müdigkeit endet.