Echnaton

Opernpremiere in Bonn

Bonn. Laura Scozzis packende Bonner Inszenierung von Philip Glass' Oper „Echnaton“ feiert in Bonn Premiere.

Auf den ersten Blick scheint hier einiges nicht so richtig zusammenzupassen: Aus dem Orchestergraben flutet und wogt Philip Glass' Musik zu seiner Oper „Echnaton“, deren endlose repetitiven Muster sich zu einem mystischen Klangraum verbinden, und darüber auf der Bühne stürmen sehr heutige Jugendliche in abgerissenen Jeans in ihre Schulklasse. Sie sind laut, respektlos, prügeln sich, und ihr Lehrer hat Probleme, sie unter Kontrolle zu bekommen. Von Anfang an bricht in der Bonner Inszenierung des „Echnaton“ die nüchterne Realität der Gegenwart in die von der Musik beschworene Vergangenheit der ägyptischen Antike ein.

Für die in Mailand geborene Regisseurin Laura Scozzi ist der Schluss von Glass' Opernwerk, bei dem es sich nach „Einstein on the Beach“ und der Gandhi-Oper „Satyagraha“ um das dritte Werk seiner Stuttgarter Trilogie handelt, die Einfallstür für ihre rigorose Neudeutung. Glass lässt Touristen der Gegenwart das Ruinenfeld von Achetaton bestaunen, der Stadt, die Echnaton erbauen ließ und die beim gewaltsamen Ende seiner Herrschaft von den Umstürzlern zerstört wurde.

Die Kopplung der Zeitebenen ist also durchaus im Werk angelegt, doch Scozzi denkt diesen Ansatz radikal und intelligent weiter. Sie zieht mit der Schülergruppe und dem Lehrer, der identisch mit Glass' Erzähler Amenhotep (Thomas Dehler) ist, einen ganz neuen Handlungsstrang in das Werk ein. Protagonistin ist die junge Marie (Katharina Platz in einer stummen Rolle), die unter den schwer erziehbaren Jugendlichen noch Außenseiterin ist. Die ägyptische Geschichte, die der Lehrer seiner Klasse mit einiger Mühe vermittelt, beginnt sie plötzlich zu interessieren. Vor allem die Idee des Monotheismus, den Echnaton im 14. vorchristlichen Jahrhundert sozusagen zur Staatsreligion erhob, als er einzig die Sonnenscheibe Aton als Gottheit anerkannte.

Während im ersten Akt musikalisch Tod und Begräbnis von Echnatons Vater Amenophobis III. in nicht enden wollendem a-Moll untermalt wird, sieht man zugleich, wie der an der Wand stehende Sarkophag sich öffnet und in Weiß gekleidete Ägypter die Szene betreten. Gegenwart und Vergangenheit mischen sich auf der Bühne, die von Natascha Le Guen de Kerneizon im Wesentlichen aus verschiebbaren Mauerelementen gestaltet wurde. Die Aufhebung der Zeit ist übrigens eine spannende Parallele zu Reichs Musik, in der eine chronologische Entwicklung durch das Wiederholungsprinzip aufgehoben wird.

Ähnlich verfährt Scozzi mit dem Motiv des Monotheismus, wenn sie Parallelen von Echnatons Herrschaft zum Judentum, zum Christentum und zum Islam aufzeigt. In einer Szene empfängt Marie ein Buch aus den Händen Echnatons, es könnte auch die Bibel sein oder der Koran. Entscheidend ist, dass die Lektüre sie verändert, sie radikalisiert. Irgendwann gibt sie sich einer rituellen Waschung hin, lässt ihre Haare schneiden und kleidet sich in Weiß wie Echnaton und die Ägypter. Die weitere Karriere Maries kennt man aus neuerer Zeit zur Genüge. Sie wird zur Gotteskriegerin, bespuckt nach der Erstürmung des Amuntempels durch Echnaton und sein Gefolge die toten Gegner. Und am Ende sprengt sie sich selbst in die Luft.

Scozzi erzählt das alles sehr schlüssig und vor allem bühnenwirksam, sie zaubert mit Hilfe von Videotechnik (Stephan Broc) Synagogen, Kathedralen und Moscheen auf die Bühne, lässt eine Mauer mit religiösen Sprüchen von einem Sprayer mit einer Friedenstaube übermalen, die Schüler entpuppen sich als virtuose Hip-Hop-Tänzer. Dass die Musik dabei nicht untergeht, ist dem großartigen Chor- und Extrachor der Oper (Einstudierung Marco Medved) ebenso zu verdanken wie dem Beethoven Orchester, das unter Stephan Zilias' Leitung auch ohne die von Glass weggelassenen Violinen einen eindrucksvollen Gesamtklang erzeugt. Und natürlich den fabelhaften Solisten, angeführt von Benno Schachtner als Echnaton.

Seine reine, klangschöne Countertenorstimme verleiht der Figur selbst etwas Überirdisches. Nicht weniger beeindruckend Mezzosopranistin Susanne Blattert als seine Gemahlin Nofretete und Marie Heeschen als seine Mutter Teje. Und auch Giorgos Kanaris, Johannes Mertes, Martin Tzonev, Rose Weissgerber und Sheva Tehoval bringen sich überzeugend ein. Am Ende gab es für alle Beteiligte begeisterten Beifall, nur getrübt von einem Buh fürs Regieteam.

Weitere Termine: 16., 23. März, 12., 21., 29. April, 9., 13., 31. Mai, 14., 20., 28. Juni. Karten in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.