Bonner Kirchennacht am 6. Juni: Spannende Geschichten auf Gleis 1

Bonner Kirchennacht am 6. Juni : Spannende Geschichten auf Gleis 1

Die ersten Einträge in den Tagebüchern der Bonner Bahnhofsmission sind die dramatischsten. Da hat die Ehrenamtliche dieses kirchlichen Hilfsdienstes auf Gleis 1 im Februar 1946 dem völlig heruntergekommenen Soldaten erst einmal einen Tee gekocht.

Aus der Hölle von Stalingrad und aus russischer Kriegsgefangenschaft komme er, hat der Mann bruchstückhaft erzählt und seinen verkrüppelten Arm hochgereckt. "Er macht den Eindruck eines gehetzten und geprügelten Tieres", verzeichnet die Hilfskraft erschrocken im Tagebuch.

Sie und ihre Kollegen werden den Mann, der in Bonn studierte und in Düsseldorf Gerichtsreferendar war, die nächsten Tage weiter betreuen müssen: Sie finden sogar einen Bekannten in Bad Godesberg, der ihm spontan unter die Arme greift. Die Polizei beschafft Pass und Empfehlungsschreiben für Behörden. Und dann wartet der Soldat, dass ihn der Bekannte abholt - und wird versetzt. Der Stalingrad-Überlebende muss also wieder in den Bonner Bunker zur Übernachtung geschickt werden.

Zu Herzen gehende Geschichten wie diese werden bei der 6. Bonner Kirchennacht morgen ab 20 Uhr zu jeder vollen Stunde am Ende von Gleis 1 im Hauptbahnhof zu hören sein.

"Wir schauen in die täglichen Eintragungen der Bücher, die seit 1946 geführt wurden", berichtet Gregor Bünnagel, der die in Trägerschaft von Diakonie und Caritas stehende Einrichtung mit seinem Ehrenamtlichenteam bestreitet. Bei einer Tasse Tee und bei Musik des Sidonia-Ensembles seien die Besucher herzlich willkommen.

Wie das Team auf Gleis 1, so stecken auch die anderen Veranstalter dieses kirchenmusikalischen Events in den letzten Vorbereitungen. Etwa auch die katholische Jugendpastoral um Bernward Siemes, dessen Jugendkirche in der Campanile St. Franziskus, Adolfstraße 77, sogar mit einem Feuerschlucker-Workshop und Rockmusik aufwartet.

Gregor Bünnagel zeigt derweil gerne die rund 50 Tagebüchlein, Kladden, Ordner und Kalender, die die Mission wie einen Schatz hütet. Ob in alter Sütterlinschrift, ob mit Tinte, Bleistift oder Kugelschreiber, ob ausführlich und emotional oder sachlich kurz geschrieben - die Wucht der Berichte aus sechs Jahrzehnten nimmt sofort gefangen.

Da wird der Fall der jungen Frau dokumentiert, die beim Zugeinstieg vom Trittbrett gestoßen wurde. Ihr rechter Arm riss ab. Die Bahnhofsmission band ihn sofort ab und alarmierte einen Rettungswagen. Da bricht dem Zuckerkranken am Bahnsteig die Injektionsspritze ab - die freundlichen Helfer sind sofort an seiner Seite.

Da werden alleinreisende Kinder aufgegriffen, deren weiter gefahrene Eltern kontaktiert werden müssen. Und da wird auf den Notruf einer anderen Mission reagiert: Die im ICE liegengelassene Tasche einer Dame wird aus dem Waggon gefischt und im nächsten zurückfahrenden Zug dem Personal übergeben - Fall glücklich gelöst.

"Das klappt natürlich nicht immer", erzählt Gregor Bünnagel. Dem abgebrannten, Arbeit suchenden Italiener, der in Bonn aufschlägt, kann man höchstens den Kontakt zum Konsulat verschaffen, damit er in die Heimat zurückkommt. Vielen kann man vor allem erst einmal nur zuhören und sie an mögliche Hilfsangebote weiterreichen. Die Mission selbst halte weder Essensausgabe, Schlafplätze oder Kleiderkammer vor. "Das Wichtigste ist, dass wir für alle, die Hilfe brauchen, da sind", sagt Bünnagel.

Die 6. Bonner Kirchennacht

Erstmalig sind Besucher der Bonner Kirchennacht für Freiatgabend von 20 bis 24 Uhr auf die zum Kirchenschiff umfunktionierte "Filia Rhein" geladen. Kirchen aller Konfessionen laden unter dem Motto "Feuer und Flamme" ein, ein Programm in mehr als 40 Gotteshäusern zu erleben.

Pressepfarrer Joachim Gerhardt sowie Pfarrer Ernst Jochum, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, erwarten 15.000 Besucher. Bei freiem Eintritt gibt es 128 Angebote: Konzerte, Andachten, Theater, Märchenlesungen, Klezmer, Kino, Taizé- Singen und Kirchenturmbesteigungen.

Weitere Informationen auf www.bonnerkirchennacht.de

Mehr von GA BONN