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Apotheker sehen Umstrukturierung positiv: Kontroverse um Apothekennotdienst

Apotheker sehen Umstrukturierung positiv : Kontroverse um Apothekennotdienst

Samstagabend und das Geschrei will nicht aufhören. Seit Stunden krümmt sich der Säugling und lässt sich nicht beruhigen. Offenbar quälen ihn die gefürchteten Dreimonatskoliken und lassen Eltern und Kind verzweifeln. Da hilft nur eines: Ab in die nächste Apotheke, um krampflösende Tropfen zu besorgen.

Ein Blick auf den aktuellen Plan genügt, um zu wissen, wo es auch spätabends oder nachts die dringend benötigten Medikamente gibt. Doch während man in Bonn bis vor einigen Monaten ausschließlich Standorte innerhalb der Stadtgrenze ansteuerte, erfahren Betroffene heute auch, welche Apotheken im Umland außerhalb der regulären Zeiten geöffnet haben. Dafür hat die Apothekerkammer Nordrhein die Notdienstplanung neu geregelt. Bisher orientierte sich das System an starren Gebietsgrenzen, jetzt werden die Notdienste über die ganze Region hinweg koordiniert.

"Diese Neuerung bringt keinen Nachteil für Patienten", sagt Dr. Stefan Derix, Geschäftsführer der Apothekerkammer Nordrhein. "Auch jetzt ist die Entfernung zur nächsten Apotheke kaum größer als früher." Während man in Bonn bislang durchschnittlich rund 1,5 Kilometer fahren musste, um an Sonn- und Feiertagen Arzneimittel zu bekommen, sind es heute durchschnittlich 1,8 Kilometer.

Zwar würde jetzt eine Apotheke weniger als früher öffnen, doch die Neuorganisation bringe Vorteile, argumentiert Derix. "Wenn man beispielsweise im Auerberg wohnt, dann ist der Weg nach Hersel kürzer als nach Endenich", nennt er als Beispiel. Vor der Neuregelung hätte ein Patient nicht erfahren, wer in der Nachbargemeinde Dienst hat. "Wir wollen die traditionellen Wege verändern und haben geografische Grenzen aufgehebelt." Der Bereich Bonn sei nach wie vor optimal versorgt. Schließlich kennt der Geschäftsführer der Kammer mit Sitz in Düsseldorf die hiesigen Strukturen besonders gut. Derix hat in Bonn studiert und promoviert und "in fast allen Stadtteilen schon einmal Apothekennotdienst gemacht." Er weiß noch ganz genau, an welchen Tagen "Hochbetrieb" herrschte: "Am zweiten Weihnachtstag und Ostermontag".

Keinen Grund zur Klage gibt es auch für Martina Brambring von der Adler-Apotheke am Bonner Talweg. Sie hat mehr als 20 Jahre lang den Notdienstplan für Bonn erarbeitet. "Das neue System hat sich bewährt. In einigen Regionen hat es sogar zu einer besseren Versorgung geführt", bewertet sie die Umstellung. Sie macht rund elf bis zwölf Notdienste im Jahr. "Vielleicht müssen Betroffene in den Bonner Randbezirken schon mal etwas weiter fahren, aber eigentlich ist die Situation gut. Ich habe bisher nicht eine einzige Klage gehört." Sie plädiert jedoch dafür, dass bei der aktuellen Diskussion über die Neuorganisation des Ärztlichen Notdienstes auch der Apothekennotdient berücksichtigt wird. "Man kann das eine nicht ohne das andere betrachten."

Dass Patienten am Wochenende oder nachts weitere Wege für ein Medikament fahren müssen, das hat Dr. Franz Roegele von der Notdienstpraxis am Malteser Krankenhaus schon beobachtet. "Derjenige, der zur Notfallpraxis gefahren wird, hat natürlich kein Problem. Denn mit dem Auto kommt man bequem zur diensthabenden Apotheke." Schwierig sei es jedoch für die, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. "Aber dieses Problem hatten sie ja auch vor der Umstellung des Notdienstes", beobachtet Roegele, Vorsitzender des Vereins Notdienstpraxis Alfter/Bornheim/Bonn-West.

Der Bürger Bund Bonn allerdings sieht die Entwicklung kritisch: "Die neu geschaffenen Strukturen scheinen für Teile der Bürgerschaft kaum zu Verbesserungen geführt zu haben", stellt Fraktionsvize Marcel Schmitt fest. Er hat einen Antrag eingebracht, dass die Kammer aufgefordert werden soll, künftig in allen vier Stadtbezirken auch außerhalb der normalen Öffnungszeiten einen Notdienst sicherzustellen. Mit der aktuellen Lage soll sich der Bonner Stadtrat in seiner heutigen Sitzung ab 18 Uhr im Ratssaal des Stadthauses beschäftigen.

Apothekennotdienst

Im Kammerbezirk Nordrhein wurde der Apothekennotdienst vergangenes Jahr neu organisiert. Dafür hat die Apothekerkammer auf eine IT-gestützte Lösung umgestellt. Notdienste werden nun nicht mehr innerhalb einzelner Städte oder Gemeinden, sondern flächendeckend über das gesamte Kammergebiet ermittelt. Das neue System soll für eine gleichmäßigere Verteilung der diensthabenden Apotheken führen und "Löcher" im Versorgungsnetz verhindern. Grund für die Umstellung waren unter anderem die zahlreichen Apothekenschließungen der letzten Jahre.