Staatsanwaltschaft prüft Ermittlungsverfahren: Finanzskandal um Bonner Münsterpfarrei bahnte sich an

Staatsanwaltschaft prüft Ermittlungsverfahren : Finanzskandal um Bonner Münsterpfarrei bahnte sich an

So schockierend der Finanzskandal auf die breite Öffentlichkeit und viele Bonner Geistliche wirkt: Anzeichen auf finanzielle Schwierigkeiten der Gemeinde hatte es zuletzt mehrfach gegeben. Nun könnte die Staatsanwaltschaft ermitteln.

Der Paukenschlag ertönt pünktlich zum Mittagsläuten. Eigentlich. Dass die Glocken des Münsters am Freitag stumm bleiben, hat nichts mit der Nachrichtenlage zu tun, denn sie sind wegen der laufenden Sanierung außer Betrieb. Um zwölf Uhr bestätigt das Erzbistum, was bereits seit Stunden Stadtgespräch ist: Wilfried Schumacher gibt seine Ämter als Stadtdechant und Leitender Seelsorger der Münsterpfarrei Sankt Martin auf. Der Rücktritt erfolgt auf Druck des Erzbistums unter Rainer Maria Kardinal Woelki.

Von einer „unzulässigen Verwendung von kirchlichen Finanzmitteln“ ist in der Mitteilung die Rede. Die Leitung in Köln macht Schumacher mitverantwortlich dafür, dass ein Millionenbetrag unrechtmäßig aus langfristigen Rücklagen in den laufenden Etat der Pfarrei umgeschichtet worden sei, um dort akute Löcher zu stopfen. Welcher Flurschaden der katholischen Kirche in Bonn ins Haus steht, ist nicht absehbar.

Durchgesickert war die Nachricht bereits am Donnerstag. Doch schon in den vergangenen Wochen hatten sich in der Stadt die Hinweise darauf verdichtet, dass die Münsterpfarrei in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten steckt. Einer dieser Hinweise war die Schließung des Münster-Ladens zum 1. September, die nach entsprechenden Gerüchten vor einigen Tagen von der Pfarrei bestätigt wurde. Offizieller Grund war der zu geringe Umsatz. Die aktuellen Vorwürfe deuten darauf hin, dass weitaus mehr dahinter steckte und das Erzbistum die Notbremse zog. Zuletzt umgab die Basilika das Gerücht, der gesamten Münsterpfarrei drohe die Zahlungsunfähigkeit. Das mag übertrieben gewesen sein. Doch der defizitäre Münster-Laden mit seinen Andenken für Gläubige und Touristen war offenbar nur eines von mehreren Problemen. Von „Liquiditätsengpässen“ bei Baumaßnahmen spricht auch das Erzbistum und beziffert den Schaden am Freitag mit knapp zwei Millionen Euro.

Vermögen schmolz dahin

Vor allem sind es unzulässige Umschichtungen, die den Verantwortlichen vorgeworfen werden. Hohe Beträge seien zwischen 2009 und 2014 aus dem langfristig angelegten Substanzvermögen regelmäßig in den laufenden Etat der Pfarrei verbucht worden. Dort seien mit dem Geld dann kurzfristig Löcher gestopft worden. Das Anlagevermögen von Bonns Innenstadtgemeinde hingegen schmolz dahin wie am Milchpavillon das Milcheis in der Maisonne. Bei einer turnusgemäßen Prüfung, so das Generalvikariat, sei dies aufgefallen. Es wirft Schumacher nun vor, seine Aufsichtspflicht verletzt zu haben. Den Vorwurf, die Abläufe nicht ausreichend kontrolliert zu haben, heißt es, habe der Dechant in den Gesprächen auf seine Kappe genommen.

Eine Strafanzeige, wie in ersten Meldungen kolportiert worden war, hat das Generalvikariat nicht erstattet. Weder gegen den Rendanten, also den Finanzbeauftragten der Münsterpfarrei, noch gegen Schumacher oder den Kirchenvorstand. Dass die Angelegenheit damit ohne juristische Konsequenzen bleibt, bedeutet das allerdings nicht unbedingt. „Über die strafrechtliche Relevanz werden die zuständigen Behörden entscheiden“, sagt das Generalvikariat auf Nachfrage. Und tatsächlich erklärt auch der Sprecher der Bonner Staatsanwaltschaft, Sebastian Buß, auf Anfrage des General-Anzeigers: „Wir prüfen von Amts wegen die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen des Verdachts der Untreue.“

Dieser Tatverdacht könnte theoretisch den Rendanten, aber auch Schumacher und die Aufsichtsgremien wegen Beihilfe treffen. Sollte es zu Ermittlungen kommen, könnten sie auch einige atmosphärische Störungen zutage fördern, die es nach Informationen des General-Anzeigers in der Münsterpfarrei gegeben haben soll. So soll hinter vorgehaltener Hand gar der Vorwurf im Raum stehen, Mitarbeiter seien unter Druck zu den Transaktionen verleitet worden. Inwieweit derlei Anschuldigungen von Substanz und Wahrheit oder aber durch Ablenkung von eigenem Fehlverhalten und Verleumdung geprägt sind – solche Fragen wären dann womöglich von der Justiz zu klären.

Wer ist verantwortlich?

Eine ganz andere Frage lautet derweil: Hätte das Controlling in Köln, seit zehn Tagen unter neuer Leitung von Generalvikar Markus Hofmann, nicht eigentlich viel früher auf die Unregelmäßigkeiten stoßen müssen, zumal es sich nach dessen eigenen Angaben um eine „turnusmäßige Prüfung“ handelte? Manche Experten sind sich nur Stunden nach Bekanntwerden der Vorgänge in Bonn sicher, dass eine Mitverantwortung in Köln liegt. Ihr Credo: „Misswirtschaft in solchem Umfang hätte dem Generalvikariat längst auffallen müssen.“ Ein Bonner Kenner des kirchlichen Finanzwesens kommt auf GA-Anfrage zu einer anderen Einschätzung. Er sagt: „Grundsätzlich liegt die Verantwortung für das eigene Vermögen in den Gemeinden.“

Sofern er Recht hat, spricht ein Ereignis der vergangenen Tage deutlich dafür, dass rund ums Münster etwas „im Busch“ war: Als die Schließung des Münster-Ladens bekanntgegeben und unter anderem mit der Konkurrenz durch den Onlinehandel begründet wurde, verwiesen die hiesigen Verantwortlichen ausdrücklich auf „intensive Erörterungen“ mit dem Generalvikariat, die der Entscheidung vorausgegangen seien. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es bei diesen „Erörterungen“ nicht nur um das Ladenlokal mit seinen Postkarten und Weinen ging.

Erst 2016 hatte Rainer Maria Kardinal Woelki den Bonner Stadtdechanten für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt. Schumacher hatte damals nicht nur die Neuausrichtung der Innenstadtgemeinde, sondern auch die 20 Millionen Euro teure und größtenteils vom Erzbistum finanzierte Generalsanierung des Münsters als Aufgabe angenommen.

Ein schwarzer Tag

Die Spenden, die der Münster-Bauverein unter dem Motto „Mein Herz schlägt fürs Bonner Münster“ zu diesem Zweck ergänzend gesammelt hat, sind vom Finanzskandal nicht berührt. „Die Gelder sind auf die Konten des Münster-Bauvereins eingegangen“, sagt Vorstandsmitglied Karl Wilhelm Starcke dem GA. Der Münster-Bauverein ist nach eigenen Angaben ein Verein bürgerlichen Rechts. Er ist von der vom Erzbistum veranlassten Sonderuntersuchung ebenso wenig betroffen wie die Münster-Stiftung. „Die gesetzlich vorgeschriebene Prüfung beider Institutionen erfolgt jährlich durch einen neutralen Wirtschaftsprüfer, der bisher uneingeschränkt die ordnungsgemäße Verwendung der finanziellen Mittel im Sinne der Stifter beziehungsweise der satzungsgemäßen Aufgabe des Vereins bestätigt hat“, teilt der Vorsitzende beider Einrichtungen, Ludwig Klassen, mit. Die Spendenkampagne laufe ungehindert weiter.

Wilfried Schumacher zieht es an diesem für ihn schwarzen Tag vor zu schweigen. Seit 1998 stand er an der Spitze der rund 120 000 Katholiken in der Stadt, in der er 1949 geboren wurde. Dass der 68-jährige Theologe für den Finanzskandal in seiner Gemeinde nun schlimmstenfalls mit der Zerstörung seines geistlichen Lebenswerks bestraft wird, könnte über den Finanzskandal hinaus auch eine Ursache in den strukturellen Zwängen der katholischen Kirche haben: Im Erzbistum Köln gilt er als entschiedener Gegner der pastoralen Reformen mit der Zusammenlegung ehemals selbstständiger Pfarreien.

Am Mittag sitzen die leitenden Pfarrer Bonns um den kommissarischen Stadtdechanten Bernd Kemmerling zum Krisengespräch beisammen. Viele trifft die Nachricht aus heiterem Himmel, mancher, so hört man, ist sprachlos. Dabei werden sie viele Worte brauchen, um die Kirche in Bonn wieder aufzurichten.

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