Erzählkünstlerin Karin Weiss in Gespräch: „In vielen Märchen steckt ein Fünkchen Wahrheit“

Erzählkünstlerin Karin Weiss in Gespräch : „In vielen Märchen steckt ein Fünkchen Wahrheit“

Erzählkünstlerin Karin Weiss erzählt im Gespräch über Märchen, ihre Deutung und die Resonanz bei den Zuhörern. Und, dass Märchen nicht nur für Kinder interessant sind.

Frau Holle, Rumpelstilzchen und Hans im Glück: Diese Märchen kennen die meisten Menschen aus ihrer Kindheit und verbinden damit einen gemütlichen Abend am Kamin oder bei der Oma auf dem Sofa. Märchen sind aber nicht nur für Kinder interessant, sagt die Erzählkünstlerin Karin Weiss aus Meckenheim-Altendorf. Über Typen von Märchen, Reaktionen der Zuschauer und ihren Weg zur Märchenerzählerin sprach die 59-Jährige mit Bettina Thränhardt.

Was ist Ihr Lieblingsmärchen?

Karin Weiss: Es gibt ein jüdisches Märchen, das ich eigentlich immer als Intro erzähle. Es heißt „Die Wahrheit“. Darin geht es um die Wahrheit, die niemand sehen will, bis das Märchen ihr die Kleider borgt. Am Ende schmückt die Wahrheit sich mit den Kleidern des Märchens und wird von den Menschen gehört. Es gefällt mir so gut, weil es sagt: In vielen Märchen steckt ein Fünkchen Wahrheit.

Deuten Sie die Märchen auch oder lassen Sie die Zuschauer das Fünkchen Wahrheit selbst entdecken?

Karin Weiss: Jeder sieht in den Märchen etwas, was ihn persönlich anspricht. Das ist sehr individuell. Ich möchte mit den Märchen unterhalten und sie nicht deuten.

Es gibt ja auch tiefenpsychologische Ansätze bei der Märcheninterpretation...

Karin Weiss: Ja, das finde ich spannend. Da wird die Symbolsprache der Märchen interpretiert, zum Beispiel haben die großen Zähne der Frau Holle eine bestimmte Bedeutung so wie viele andere Symbole in den Märchen etwas aussagen. Ich habe mal einen Vortrag von Eugen Drewermann dazu gehört, der viele Märchen so interpretiert hat. Das ist aber nicht mein Feld, da müsste ich mich ganz neu einarbeiten.

Welche Märchentypen unterscheidet man und welche erzählen Sie?

Karin Weiss: Es gibt zum einen die Volksmärchen, zum Beispiel von den Gebrüdern Grimm, die auf mündlich überlieferten Erzählungen basieren. Dann gibt es die Kunstmärchen von einem Dichter oder Schriftsteller. Die haben immer eine feste Moral. Ich erzähle Volksmärchen, gerne von den Brüdern Grimm, aber auch aus der ganzen Welt. Ich erzähle sehr gerne lustige Märchen, aber auch Nachdenkliches. Zum Ende hin geht es mehr in Humorrichtung. Ich möchte, dass das Publikum mit einem wohligen Gefühl hinausgeht.

Zum Thema Kinder und Märchen gibt es unterschiedliche Ansichten. Manche meinen, Märchen sind für Kinder zu grausam. Andere sagen, Kinder brauchen Märchen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Karin Weiss: Ich habe da eigene Erfahrungen, weil ich an den Grundschulen in Wormersdorf und Flerzheim Märchen-Arbeitsgemeinschaften anbiete. Einmal habe ich „Die sieben Raben“ erzählt. Da schneidet sich ein Mädchen das Fingerchen ab und schließt damit die Tür auf. Ich habe gesehen, wie die Kinder darauf reagiert haben und mit ihnen über die Stelle gesprochen. Die Kinder haben mir gesagt, sie möchten, dass ich die Stelle abändere. Jetzt erzähle ich es immer so, dass das Mädchen mit einem Stöckchen aufschließt.

Sie erzählen meist für Erwachsene. Was geben Märchen den Erwachsenen?

Karin Weiss: Erinnerungen an die Kindheit, ein Gefühl von Gemütlichkeit, Wärme, Geborgenheit und Gemeinschaft. Einmal hat eine Frau geweint, als ich ein philippinisches Märchen erzählt habe. Sie hat gesagt: „Sie haben das Märchen für meinen Mann erzählt.“ Ich vermute, ihr Mann war Philippino.

Wie reagieren Ihre Zuhörer noch?

Karin Weiss: Sie sind still. Hören zu. Wenn was zu lachen ist, wird gelacht. Manchmal bedanken sich die Leute auch. Einmal habe ich eine Märchenwanderung in Wormersdorf gemacht, wo ich an drei Stationen im Wald Märchen erzählt habe. Da hat mir eine Frau gesagt, das sei so entspannend. Oft sagen mir Zuhörer auch, dass sie sich gut in die Geschichten einfühlen können. Eine Zuhörerin hat mir mal gesagt, sie spürt den Wind auf den Armen.

Warum erzählen Sie Märchen?

Karin Weiss: Als ich vor ein paar Jahren in den Ruhestand ging, wollte ich etwas für Menschen, mit Menschen tun. Ich habe Nachbarskindern vorgelesen und wollte dann eigentlich nur lernen, besser zu lesen. Da bin ich an die Erzählkünstlerin Jana Raile geraten. Sie hat den „Teufel mit den drei goldenen Haaren“ erzählt. Da hatte es mich gepackt. Ich wollte nicht mehr nur vorlesen, ich wollte erzählen.