75 Jahre Befreiung von Auschwitz: Wie Juden aus Bornheim den Holocaust überlebten

75 Jahre Befreiung von Auschwitz : Wie Juden aus Bornheim den Holocaust überlebten

Die jüdische Familie Salm überlebte den Holocaust, weil die Breniger Familie Clasen sie 1944/45 in ihrem Hof wohnen ließ. Kurz vor ihrer angeordneten Deportation flüchtete das Ehepaar mit Kindern und Enkel aus Köln ins Vorgebirge.

In Haus und Hof von Familie Clasen ist immer was los. Dafür sorgen schon die elf Kinder, die um Vater Johann und Mutter Gudula Clasen herumwuseln. Im Jahr 1944 kommen noch fünf „Gäste“ hinzu. Es sind das jüdische Ehepaar Adele und Herbert Salm, deren Tochter Inge mit Ehemann Walter Blumenthal sowie deren Söhnchen, das sie ebenfalls auf den Namen Walter getauft haben. Die Gastfreundschaft der Clasens, bei denen sie unter dem Namen „Mühlhäuser“ wohnen, rettet der Kölner Kaufmannsfamilie das Leben. Ihnen hätte ansonsten – wie Millionen von Juden – die Deportation und die Ermordung in einem Vernichtungslager im Osten bevorgestanden. Anlässlich der Befreiung des Lagers Auschwitz durch die Rote Armee heute vor 75 Jahren erinnert der GA an die Geschichte der Familien Clasen und Salm, die der Bornheimer Heimatforscher Jakob Claren 1995 im Heft „Bornheimer Beiträge zur Heimatkunde“ dargelegt hat.

1944. Der Krieg ist nicht mehr zu gewinnen. Die Russen rücken von Osten näher. Die Alliierten bereiten die Landung in der Normandie vor. Unterdessen werden im Deutschen Reich Millionen von Juden deportiert und in den KZs vorwiegend in Osteuropa ermordet.

Zwei Söhne sind Soldaten

Johann Clasen ist Landwirt. Der 63-Jährige führt seinen Hof an der Ecke Vinkelsgasse/Breite Straße in Brenig mit Hilfe seiner 15 Jahre jüngeren Frau Gudula. Auch die älteren Kinder packen mit an. Zwei Söhne sind als Soldaten im Krieg. Gudula Clasen betreibt auch noch einen Gemischtwarenladen, in dem sie Lebensmittel und Textilien verkauft.

Ihre Stoffe kauft sie beim Textilgroßhändler Herbert Salm in Köln-Ehrenfeld. Salm, damals 52, ist Jude. Seine Frau Adele, 51, Christin. Für seine Tapferkeit als Soldat im Ersten Weltkrieg hat er das Eiserne Kreuz erhalten. 1938 schließen die Nazis das Geschäft der Salms und beschlagnahmen deren Vermögen. Die Salms leben von einer kleinen Rente, die der Nazi-Staat ihnen aus ihrem eigenen Vermögen auszahlt. Salms Mutter ist bereits 1941 verhaftet worden. Sie stirbt im KZ Theresienstadt. Im Sommer 1944 erhalten die Salms die Aufforderung zur Deportation. Sie packen ein paar Sachen zusammen, gehen aber nicht zur befohlenen Sammelstelle in Müngersdorf, sondern kommen zunächst bei Freunden in Köln unter.

Flucht aus dem zerbombten Köln

Dann schlagen sie sich mit Tochter, Schwiegersohn und Enkelkind nach Brenig durch. Denn Adele Salm hat an das Angebot ihrer Kundin Gudula Clasen gedacht: Wenn es brenzlig wird, kommt ihr zu uns. So gibt Christine Breuer, die heute 85-jährige Tochter der Clasens, die Erzählung ihrer Mutter wieder. Christine ist 1944 zehn Jahre alt. „Wir Kinder mussten enger zusammenrücken“, erinnert sie sich. Denn ein Zimmer wird für die Bekannten namens „Mühlhäuser“ aus dem ausgebombten Köln freigemacht. So lautet jedenfalls die Geschichte, die die Eltern den Kindern erzählen. Die Wahrheit dürfen sie nicht erfahren, „denn Kinder haben sich schnell mal verplappert“, so Christine Breuer heute.

Damals tauchen oft NS-Leute im Dorf auf, um in den Häusern nach Männern für den Volkssturm zu suchen. Auch den Nachbarn wird die Version mit den ausgebombten Bekannten aus Köln erzählt, die man vorübergehend bei sich wohnen lasse. Damals durchaus glaubhaft, denn die Stadt ist ein einziges Trümmerfeld.

Leben unter falschem Namen

So werden die Salms/Blumenthals im Hause Clasen von allen stets mit „Herr oder Frau Mühlhäuser“ angeredet. Deshalb können sich die „Mühlhäusers“ auch im Ort frei bewegen, ohne dass jemand Verdacht bezüglich ihrer Identität schöpft. Gelegentlich empfangen sie auch Besuch von Freunden.

Der Bezug von Lebensmittelkarten ist für die Salms natürlich nicht möglich. Deshalb versorgt das Ehepaar Clasen sie mit Naturalien, die auf ihrem Land wachsen. Hin und wieder verkauft Herbert Salm auch noch Textilien, die ihm ein befreundeter Fabrikant aus dem Bergischen Land überlässt. Das junge Ehepaar Blumenthal ist bereits in Köln bei der Gotha-Versicherung tätig gewesen. Der Zufall will es nun, dass das Unternehmen kriegsbedingt eine Abteilung nach Brenig in die Gaststätte „Op de Kant“ verlegt. So können die Blumenthals dort ganz offiziell ihrem Beruf nachgehen. Dennoch leben beide Familien mit der ständigen Angst, dass die wahre Identität der „Mühlhäusers“ herauskommen könnte. Eine Entdeckung hätte den sicheren Tod der Eltern bedeutet. Deshalb wendet sich Gudula Clasen kurz vor Kriegsende an Vikar Theodor Breitbach. Der Geistliche sagt zu ihr: „Wissen Sie, was Sie da riskieren? Beten wir gemeinsam, dass alles gut geht.“ Offenbar werden die Gebete erhört: Es geht alles gut, die „Mühlhäusers“ werden nicht entdeckt. In der Nacht auf den 7. März 1945 rücken die Amerikaner in Brenig ein. Walter Blumenthal, der englisch spricht, berichtet den Soldaten, dass das Ehepaar Clasen seiner Familie das Leben gerettet hat.

Eine offizielle Ehrung erlebt das Ehepaar Clasen nicht mehr.

Ehrenung erst nach dem Tod

Johann Clasen stirbt 1968, seine Frau Gudula bereits 1967. Erst 1995 benennt die Stadt Bornheim den Platz vor der Breniger Pfarrkirche nach Gudula Clasen.

Nach dem Krieg setzen die Amerikaner Herbert Salm als Wirtschaftsleiter in Bornheim ein. 1953 erwirbt er vom Jüdischen Claim in London das Grundstück an der Königstraße, auf dem bis 1938 die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Bornheim gestanden hat. 1956 erbaut er dort das Wohn- und Geschäftshaus, in dem er ein Textilgeschäft eröffnet, das heute von seinem Enkel Wolfgang Blumenthal geführt wird. Herbert Salm stirbt 1963, seine Frau Adele 1989.

„Mein Opa hat nie über diese Zeit gesprochen“, sagt Wolfgang Blumenthal, der heute 69 Jahre alt ist. Das Erlebte sei zu grauenhaft gewesen. So habe seine Mutter auch nie davon erzählt, wie ihre Großmutter deportiert und in Theresienstadt ermordet wurde. Wolfgang Blumenthal ist dem Ehepaar Clasen heute noch dankbar: „Wenn sie nicht gewesen wären, würden wir jetzt nicht miteinander sprechen. Dann wäre ich nicht geboren worden.“ Er wendet sich gegen jede Form von religiösem Fanatismus: „Ob Jude, Christ oder Moslem: Jeder soll glauben, was er will. Religion muss immer Privatsache sein. Jeder ist in erster Linie Mensch.“

Christine Breuer nimmt rechtsradikale Tendenzen in der Gesellschaft mit Sorge wahr. Sie sagt: „Das erinnert mich an den Krieg. Viele Menschen wissen gar nicht, wie gut es ihnen heute geht. Sie mussten ja den Krieg nicht erleben.“