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80 Jahre Pogromnacht: 49 Stolpersteine halten Erinnerung in Bornheim wach

80 Jahre Pogromnacht : 49 Stolpersteine halten Erinnerung in Bornheim wach

Am 10. November 1938 setzten SA-Mitglieder die Synagoge der jüdischen Gemeinde an der Königstraße in Brand. Für das Feuer zapften sie noch Benzin an der Tankstelle.

Heute erinnern Gedenktafeln und 49 Stolpersteine an die jüdische Gemeinde in Bornheim. Ende der 1930er Jahre wohnten etwa 110 Juden in dem Ort. Sie waren Teil des Vereinslebens, engagierten sich in der Freiwilligen Feuerwehr oder gehörten dem Schützenverein an. Umso unbegreiflicher erschienen daher die Ereignisse am Abend des 10. November 1938, wie Jens Löffler, Stadtarchivar von Bornheim, erklärt. Damals steckte ein Trupp von SA-Männern aus Bonn die Synagoge an der Königstraße 55 in Brand. Wohnhäuser, Geschäfte und Werkstätten von jüdischen Anwohnern wurden zerstört.

Im Gegensatz zu anderen Nachbargemeinden, in denen die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November Synagogen und jüdische Geschäfte und Wohnhäuser anzündeten und zerstörten, ereigneten sich die Übergriffe in Bornheim und auch in Alfter einen Tag später. An diesem Samstag jährt sich der Tag des Pogroms zum 80. Mal (siehe dazu den Infokasten mit den Gedenkveranstaltungen).

Einige Bornheimer beteiligten sich an dem Vandalismus, andere wiederum versteckten ihre jüdischen Nachbarn vor dem SA-Trupp. So wurde beispielsweise die Werkstatt des Schumachermeisters Jakob Goldstein komplett zerstört und ihm und seiner Familie somit die Lebensgrundlage genommen. An Jakob Goldstein, seine Frau Julie und die Tochter Else erinnern heute drei Stolpersteine vor Hausnummer vier in der Straße Im Burgbenden.

Stadtarchivar geht von etwa 70 NS-Opfern aus

Anhand von Zeitzeugenberichten, dem Gedenkbuch des Bundesarchivs und der Gemeindeliste hat Löffler die Geschehnisse rund um den 10. November, aber auch die einzelnen Biografien der Mitglieder der jüdischen Gemeinde zusammengetragen. 1855 gründete sich in Bornheim gemeinsam mit Wesseling eine Synagogengemeinde. Die Synagoge wurde schließlich 1866 nach Plänen des Bonner Kreisbaumeisters Paul Richard Thomann an der Königsstraße in Bornheim errichtet.

Die erste Boykottwelle gegen jüdische Geschäftsleute gab es bereits 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. In jener Zeit zeigten sich die Bornheimer Händler solidarisch. Als die Geschäfte der jüdischen Bewohner geschlossen bleiben sollten, weigerten sich die anderen Händler aus Protest ihre Läden zu öffnen und sich an den Sanktionen gegen ihre Nachbarn zu beteiligen. Auch in Alfter stieg zu der Zeit der Druck auf die jüdische Bevölkerung, um die Geschäftsleute zur Aufgabe ihrer Betriebe zu drängen. Mitte der 1930er Jahre lebten in Alfter 18 Juden. Am 10. November wurden auch dort Geschäfte und die Einrichtung von privaten Wohnhäusern zertrümmert. Neun Stolpersteine erinnern bisher an das Schicksal der Alfterer Juden.

Für das Feuer in der Synagoge in Bornheim zapften die SA-Männer an der Tankstelle an der Königstraße noch Benzin. Die Flammen ließen von dem Gotteshaus nur noch eine Ruine übrig. Für den Abbruch der Ruine machte die Versicherung die jüdische Gemeinde verantwortlich, sie musste den Abriss ihres zerstörten Gotteshauses sogar noch zahlen. Stück für Stück werden einzelne Biografien wieder rekonstruiert. Für 49 Menschen hat Löffler den Lebensweg nachverfolgen können. An sie erinnern mittlerweile 49 Stolpersteine im Stadtgebiet, die jeweils in die Straße vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort eingelassen wurden.

Zeitzeugen wollen über die Geschehnisse von damals reden

Seit dem Jahr 2006 gibt es Gedenksteine in Roisdorf, Bornheim, Walberberg, Hersel, Widdig, Merten, Sechtem und Waldorf. Verlegt wurden die Messingquader von dem Künstler Gunter Demnig, der auf diese Weise an die Opfer des NS-Regimes erinnert. Inzwischen liegen Stolpersteine in 1265 Kommunen Deutschlands und in 21 Ländern Europas.

Im Dezember kommen sechs weitere hinzu. Geplant sind sie für Hermann Schmitz vor dem Haus an der Rheinstraße 245 in Hersel sowie für die Familie Nathan vor dem Haus an der Königstraße 121 in Bornheim. „Wir haben schon Vormerkungen für neue Stolpersteine“, sagt Löffler. Der Stadtarchivar geht von etwa 70 Opfern der Nationalsozialisten in Bornheim aus. „Es kommt immer noch viel nach Gedenkveranstaltungen“, erzählt Löffler.

Und auch 80 Jahre nach der Pogromnacht melden sich Zeitzeugen, die erstmals über die Geschehnisse während der NS-Zeit reden möchten. Nach Bornheim sind keine jüdischen Familien mehr zurückgekehrt. Anders als in Rheinbach wurden die Friedhöfe in Bornheim, Hersel und Walberberg nicht verwüstet. Löffler: „Es sind heute die letzten Zeugnisse der jüdischen Gemeinde.“