Gedenktag in Hennef: "Ein Hund hat uns gerettet"

Gedenktag in Hennef : "Ein Hund hat uns gerettet"

Die Holocaust-Überlebende Tamar Dreifuss erzählt Hennefer Fünftklässlern ihre Geschichte.

Es ist still im Klassenraum der Gesamtschule Meiersheide, als Tamar Dreifuss beginnt, ihre Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte einer Frau, die es geschafft hat, als Kind auf wundersame Weise den Holocaust zu überleben. Auf Einladung der Schule und des Kreisarchivs ist Tamar Dreifuss nach Hennef gekommen, um am 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz von ihren Erlebnissen zu berichten. Als Grundlage ihres Vortrages dient ihr Kinderbuch "Die wundersame Rettung der kleinen Tamar 1944: Ein jüdisches Mädchen überlebt den Holocaust in Osteuropa".

Dreifuss führt die Kinder behutsam in die Zeit des Nationalsozialismus und des mörderischen Antisemitismus hinein - ohne sie zu überfordern. "Ich möchte nicht auf die Details eingehen, damit ihr keine schlimmen Träume habt", sagt Dreifuss, als sie nach den Gaskammern befragt wird. Überhaupt ist Dreifuss anzumerken, dass sie ein Gespür dafür hat, was sie den rund 50 Fünftklässlern zumuten kann. "Ich hatte keine Kindheit. Deshalb bin ich Erzieherin geworden, um mit Kindern zu arbeiten", sagt die Pädagogin.

1938 in der litauischen Stadt Wilna geboren, erlebte sie die Gräuel des Holocausts am eigenen Leib. Sie musste als kleines Mädchen ihre Familie verlassen und wurde bei einer Tante versteckt. Ihre Mutter und andere Verwandte fanden Zuflucht in einem Nonnenkloster. Als die Nazis das Kloster auflösten, landete die Familie im Ghetto von Wilna. Und auch Tamar musste ihre Tante verlassen und in das Ghetto. Ihre Großeltern fielen Massenerschießungen zum Opfer, ihr Vater starb im Konzentrationslager. Tamar und ihre Mutter wurden in Viehwaggons zu einem sogenannten Übergangslager in Estland deportiert.

Nach der Reise im Lager angekommen, mussten die Häftlinge duschen. Ihre Mutter habe sich danach auf einen Wäscheberg gestürzt und sich ein schickes Kostüm und ihrer Tochter ein Kleid angezogen. "Den gelben Judenstern hat sie abgerissen", so Dreifuss. Dann sei ihre Mutter mit ihr an der Hand aus dem Lager gegangen. "Aufrecht und stolz war meine Mutter. Sie sah nicht wie eine Gefangene aus. Vermutlich konnten wir deshalb passieren", sagt Dreifuss. Mit ihren Russischkenntnissen habe sich die Mutter mit ihr bis zum Kriegsende auf Bauerngütern durchgeschlagen. Bei einem Bauern versteckten sie sich in einer Hundehütte vor den Häschern und teilten sich mit dem Wachhund das Essen. "Dieser Hund hat uns das Leben gerettet."

Gebannt hörten die Kinder zu, während Dreifuss zu den passenden Buch-Illustrationen ihre Kindheit Revue passieren ließ. "Von 80 000 Juden aus meiner Heimatstadt Wilna sind nur wenige am Leben geblieben", sagt Dreifuss, die heute in Köln lebt. "Ich bin eine von ihnen, weil meine Mutter uns beide gerettet hat. Meine Geschichte ist aufregend und traurig. Aber Hauptsache, das Ende ist gut. Und das Ende ist gut, denn ich bin ja da", sagt Dreifuss. Zum Schluss singt Dreifuss mit den Kindern das Lied "Hevenu Shalom Alechem - Wir wollen Frieden für alle".

Auch die Gedenkstätte "Landjuden an der Sieg" in Windeck-Rosbach widmete sich mit einem Vortragsprogramm dem Holocaust-Gedenktag. Schüler des Siegburger Anno-Gymnasiums berichteten dort am Nachmittag über ihren Besuch des Konzentrationslagers in Auschwitz.

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