Schauspiel im Kloster: N.N. Theater bringt Luther in Heisterbach ins Trockene

Schauspiel im Kloster : N.N. Theater bringt Luther in Heisterbach ins Trockene

Regen zwingt das Ensemble des N.N. Theaters zum Umzug in die Zehntscheune. Dem Vergnügen des Publikums tut das keinen Abbruch.

„Wolken, die über den Himmel ziehn, ohne Regen zu geben, sind die Gerechtigkeit des Gesetzes, das viel verheißt, aber nichts gibt als Schauspielerei!“ Sagte Reformator Martin Luther. Ausgerechnet als das N.N. Theater Köln sein Stück „Ich fürchte nichts – Luther 2017“ vor der Chorruine des Klosters Heisterbach aufführen wollte, gaben die Wolken jede Menge Regen ab. Die Theatertruppe um Regisseur Gregor Höppner disponierte in Windeseile um – quasi frei nach Luther: Gaff nicht in den Himmel, wo sich doch am Boden die trockene Zehntscheune als Ersatztheater anbietet.

Schnell waren die Freigabe für die Nutzung eingeholt und der Raum präpariert worden durch eine verlängerte Bühne und mit eigener, flott herangekarrter Bestuhlung des Ensembles, um den rund 250 Besuchern Platz zu verschaffen. Freilich, die Aufführung vor der imposanten Chorruine hätte dem Stück sicher zusätzlichen Reiz verschafft und auch mehr Zuschauer zugelassen, aber die Truppe erbrachte den Beweis, dass die 1723 erbaute Scheune der Zisterzienser durchaus theatertauglich ist.

Trotz dieser beschwerlichen Umstände gelang es den Schauspielern, frisch und präsent von der ersten bis zur letzten Minute auf der Bühne zu stehen und die Geschichte über die Reformation zu spielen. Dabei hatten die fünf Akteure alle Hände voll zu tun. Jeder steckte in zig Rollen, wechselte ständig in atemberaubendem Tempo Kleidung und Habitus. Bewundernswert. Selbst Oliver Schnelker als Martin Luther hatte noch zwei „Nebenrollen“ als Schwester Immaculata und als Bauer. Bernd Kaftan spielte alles, von Schwester Hildegard bis zu Luthers Tochter Lissi, und überdies war er für die Musik verantwortlich. Michl Thorbecke schlüpfte in zehn verschiedene Rollen – vom Satan über Thomas Müntzer bis zum Kaiser und zu Luthers Sohn Johannes.

Gleich 14 Charaktere spielte Irene Schwarz – von Lucas Cranach bis Philipp Melanchthon und der Botin, die auf Rollen über die Bühne fuhr, Zeitsprünge absolvierte, über die Zeiten philosophierte und sie verband. Und Aischa-Lina Löbbert verzückte als Katharina von Bora genauso wie als Papst oder Bilderstürmer. Das Ensemble wurde wieder einmal seinem Ruf gerecht, unkonventionell seine Stücke mit Slapstick, Humor und Tragik zu würzen.

Lediglich einige Säulen und Tonnen dienten als Kulissen. Und schon der Auftakt, als Luther unwohl auf einer dieser Tonnen thronte, ließ die Frage aufkommen, wie wohl seine chronische Verstopfung die Reformation beeinflusst haben könnte. Ei verbibbsch nochema! Auch dieser vielleicht berühmteste sächsische Ausdruck fehlte nicht auf der Bühne als Verortung der Ereignisse vor 500 Jahren.

Witzig auch die Verknüpfung zur Neuzeit. Selbst die „Ehe für alle“ hatte Autor George Isherwood noch schnell ins Drehbuch geschrieben. Geschickt war die musikalische Untermalung. So erklingt zum Beispiel Kurt Weills Lied „Fürchte dich nicht“, als Katharina von Bora nach ihrer Flucht aus dem Kloster allein auf dem Marktplatz steht und auf den richtigen Mann wartet. Und der kam bekanntlich in Person von Martin Luther.

Die 95 Thesen, der Ablasshandel, die Nonnenflucht, das Verhältnis zwischen Luther und Thomas Müntzer, Luthers antisemitische Aussagen – ein Rundumschlag in Sachen Reformator und Reformation. Was so leicht und einprägsam herüberkam, hatten sich die Akteure durch immenses Literaturstudium, ja sogar durch eine Exkursion zu den Plätzen der Reformation hart erarbeitet.

Das Ergebnis war im Lutherjahr ein amüsanter, aber auch nachdenklich machender Theaterabend über eine bedeutende Epoche der Geschichte und einen Menschen, dessen Einfluss auf die Nachwelt kaum zu überblicken ist.

Kontrastprogramm: Am Samstag und Sonntag zeigte das N.N. Theater die Nibelungen und Heidi.