Blick aufs Siebengebirge: Königswinter war immer Tom Simons Sehnsuchtsort

Blick aufs Siebengebirge : Königswinter war immer Tom Simons Sehnsuchtsort

Schauspieler Tom Simon, bekannt als Mitglied der Stunksitzung-Crew, hat es schon als Kind von Bad Godesberg auf die andere Rheinseite gezogen. Inzwischen wohnt er im Siebengebirge. Und er erzählt, was ihn daran immer faszinierte.

Ist es der Traumblick von der Terrasse der „Bastei“ in Bad Godesberg mit der freien Sicht auf das Siebengebirge oder das Traumwetter? Oder doch eher der Bornheimer Spargel mit Schinken und das Glas Grauburgunder, die Tom Simon bestellt hat?

Der 56-Jährige, der seit 1998 zum Ensemble der Kölner Stunksitzung gehört, lässt vom ersten Moment an keinen Zweifel daran, dass er für unseren Perspektivwechsel „Königswinter – von der anderen Rheinseite aus“ eine Idealbesetzung ist. Der Blick von seiner alten Heimat Bad Godesberg, wo er aufgewachsen ist, auf sein neues Zuhause inspiriert ihn. Seit 2002 ist er ein Oberpleiser.

Bis zu seinem 14. Lebensjahr lebte Tom Simon bei seinen Eltern in der Sankt-Augustinus-Straße im sogenannten „Bendel“. Dort wohnten viele Arbeiter und Handwerker, wie auch sein Vater einer war. „Ich war ein verhaltensauffälliger junger Mann, und meine Eltern kamen mit mir nicht so zurande“, erinnert er sich.

Geburtstagspartys mit Cornelia Scheel

Also zog er bei seinem 13 Jahre älteren Bruder Klaus ein, der damals in Kessenich wohnte und heute ein bekannter Bildhauer ist. Der Freundeskreis blieb aber auch nach dem Umzug der gleiche. Zu ihm gehörte Cornelia Scheel, die Adoptivtochter des Bundespräsidenten, die Tom zu ihren legendären Geburtstagspartys in die Villa Hammerschmidt einlud.

Solange Tom Simon bei seinen Eltern wohnte, war das Siebengebirge aus dem Leben der Familie nicht wegzudenken. „Wir waren sechs Kinder und meine Eltern hatten nicht viel Geld. Das Siebengebirge war unser Naherholungsgebiet“, erzählt er. Samstags um halb acht setzten sie mit der ersten Fähre von der Rheinallee nach Niederdollendorf über den Rhein. Oder es ging mit dem Boot nach Bad Honnef und von dort ins Gebirge. Ein bevorzugtes Ziel war der Stenzelberg.

Einkehr hielt Familie Simon gerne im Kloster Heisterbach. Weil der Vater ein großer Weinliebhaber war, endete manche Tour in einem Weinlokal. Gerne auch im Weingut Sülz, wo Vater Simon mit dem Godesberger Männergesangverein für Stimmung sorgte. „Das Bild von Königswinter, an das ich mich erinnere, ist ein romantisches, fast kitschiges. Wir sitzen in einer Weinlaube – und es sind viele Touristen da“, sinniert Tom Simon. Darunter viele Holländer. Klar. Schließlich war der Drachenfels damals der höchste Berg Hollands.

Mit der Familie zu Fuß ins Siebengebirge

Der kleine Tom war nach solchen Wanderungen in der Regel völlig platt. „Da ging nichts mehr.“ Vielleicht dienten die Touren auf die andere Rheinseite ja aber auch gerade diesem Zweck. So erinnert sich Tom Simon daran, dass er bereits im Alter von sechs oder sieben Jahren manchmal um vier Uhr morgens aufwachte, je nach Windrichtung die Kolben der großen Schiffe hörte, sich auf sein Rädchen setzte und am Rhein entlang bis nach Remagen und zurück fuhr. Mit 13 Jahren durfte er mit einem Freund drei Wochen durchs Elsass radeln.

Was heutige Helikopter-Eltern um den Schlaf bringen würde, war für Toms Eltern offensichtlich normal. „Weil ich so ein ADHS-Kind war, waren meine Eltern wohl ganz froh“, vermutet er. An die sorgenvollen Worte seiner Mutter kann er sich noch gut erinnern. „Was soll aus dem Jungen nur werden?“

Da die Tochter des damaligen Pächters im Weingut Sülz seine Freundin war, hatte Tom als Zehnjähriger auch einen ganz besonderen Grund, mit der Fähre nach Niederdollendorf überzusetzen und den Rest des Weges mit seinem Rad zurückzulegen. Die Freundin kam später tragischerweise bei einem Mofaunfall ums Leben.

In einer Höhle am Ufer erlebte er eine angstvolle Nacht

Auch sonst meinte das Leben es in diesen Jahren nicht gut mit Tom Simon. Weil sich die häusliche Situation zuspitzte, wollte er von zu Hause abhauen. „Eines Morgens bin ich mit der Fähre nach Niederdollendorf gefahren und habe mir dort in der Uferböschung eine richtige Höhle gebaut, in der ich bleiben wollte.“

Am Abend sei dann jedoch ein fürchterliches Gewitter aufgezogen. Da nahm er lieber die letzte Fähre zurück nach Godesberg. „Damals habe ich die einzigen Schläge von meinem Vater bekommen, weil ich keine Hausaufgaben gemacht hatte.“ Der Fluchtversuch blieb den Eltern hingegen verborgen.

Besonders intensiv und positiv sind seine Erinnerungen ans Siebengebirge aus den Jahren, als er in Kessenich wohnte. „Als ich 18 oder 19 Jahre alt war, sind wir mit der gesamten Wohngemeinschaft meines Bruders auf dem Stenzelbergplateau gelustwandelt. Es wurde gemalt, geschrieben, musiziert oder Indiaca gespielt“ erinnert er sich. „Free and easy“ habe sich das angefühlt.

Damals verspürte Tom Simon, der eine Ausbildung zum Grafiker machte, in der Natur eine echte Inspiration. Danach verlieren sich seine Spuren im Siebengebirge für viele Jahre, von gelegentlichen Spaziergängen mit seiner damaligen Freundin Molly in den 90er Jahren einmal abgesehen. „Das Gefühl von Romantik war damals besonders stark“, sagt er. Da sich bei diesen Touren aber auch die Altstadt oft nicht umgehen ließ, blieb ein zweiter Eindruck bei ihm haften: „Sie wirkte auf mich wie eine verlassene Westernstadt.“

Kulturell hat Königswinter mehr Potenzial

Seit dem Jahr 2002, als er mit seiner eigenen Familie nach Oberpleis zog, ist er selbst ein Königswinterer. Und macht sich so seine Gedanken über die Entwicklung. „Es kommt mir heute so vor, als ob Secondhand- und Zwei-Euro-Läden der soziale Mittelpunkt der Altstadt sind. Ich frage mich dann, wo eigentlich das Herz der Stadt ist.“ Und was an die Stelle der früheren Maschine Tourismus getreten sei.

Er ist froh, dass das Factory Outlet Center vor einigen Jahren an Königswinter vorübergegangen ist. Es wäre für ihn ein ähnlicher Fehler gewesen wie einst das Altstadtcenter in seiner Heimat Bad Godesberg. „Ich habe das Gefühl, dass Königswinter kapieren muss, welche Möglichkeiten es hat“, meint Tom Simon. So könnte er sich einen Skulpturenpark wie in Wuppertal vorstellen, der in der wunderbaren Landschaft des Siebengebirges in Szene gesetzt werden könnte.

„Königswinter hätte das Potenzial, kulturell anders wahrgenommen zu werden. Ich glaube, dass da viel mehr drin wäre.“ So schwebt ihm zum Beispiel eine Ausstellung auf den Kribben vor. „Ich wünsche mir diese Fantasien.“ Einen kleinen Teil zur kulturellen Belebung der Stadt trägt er selber mit den Auftritten seines Kölner N.N.Theaters in Heisterbach bei.

Auch an diesem Tag wird er nach Düren fahren, wo er am Abend mit seinem Ensemble „Stunk unplugged“ spielt. Aus dem Jungen ist schließlich – entgegen den Befürchtungen seiner Mutter – doch noch etwas geworden.

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