Die letzte "Reise": Lebensende im Stationären Hospiz im Ahrtal

Die letzte "Reise" : Lebensende im Stationären Hospiz im Ahrtal

„Von hier gehe ich nie wieder zurück“, sagt der Heimerzheimer Bernd Uhlmann. Der todkranke 75-Jährige verbringt seine letzten Lebenswochen im Stationären Hospiz im Ahrtal.

„Ich bin alt, ich bin todkrank und ich werde hier sterben“, sagt der Mann im Rollstuhl, der aussieht wie das blühende Leben und sein Gesicht der wärmenden Frühlingssonne entgegen streckt. Bernd Uhlmann (75) aus Heimerzheim ist seit einigen Wochen Gast im Stationären Hospiz im Ahrtal in Bad Neuenahr.

Dort, mit Blick auf die Weinberge, fühlt er sich derart geborgen und wohl, dass er sich ohne Umschweife bereit erklärt, über Gott und die Welt, die „Geldmacherei“ von Ärzten und Kliniken, abgelehnte Krebstherapien, die immense Bedeutung der Hospizarbeit im Allgemeinen und die Arbeit der Ehrenamtlichen im Besonderen zu sprechen.

Und über seine Jugendliebe, die er für Jahrzehnte aus den Augen verlor, sie und damit das Glück des Lebens vor drei Jahren wiederfand, als ihn schon ein Schlaganfall von 2007 linksseitig lähmte. Ihr wünscht er heute im Angesicht seines Todes, „dass sie aus dieser Geschichte seelisch gut herauskommt, dass sie weiß, dass ich bis zur letzten Sekunde an sie denken werde und ich hoffe, dass sie die paar Jahre, die wir hatten, gut in Erinnerung behält“. Das bleibt während eines zweistündigen, intensiven Gespräches ohne Tabus auf seiner dem Zimmer angegliederten Terrasse der einzige Moment, in dem der souveräne, hellwache, selbstbestimmte Bernd Uhlmann mit den Tränen kämpft.

"Nie zur Vorsorge beim Urologen gewesen"

Im Berufsleben war der gebürtige Zwickauer, der 1968 heiratete, in Heimerzheim ein Haus baute und ein Jahr später Vater eines Sohnes wurde, für das Kölner Traditionsunternehmen „4711“ ein Vierteljahrhundert im Außendienst tätig, danach weitere 25 Jahre als Prokurist für eine große Kosmetikfirma in Aachen. Der erste gesundheitliche Tiefschlag fesselt ihn an den Rollstuhl, vergangenes Jahr folgt die niederschmetternde Diagnose „unheilbarer, schwerster Prostatakrebs mit Metastasierung im Skelettbereich“.

„Ich gehörte zu den Männern, die nie im Leben zur Vorsorge beim Urologen waren“, räumt er ein folgenschweres Versäumnis ein. Es folgt eine Ärzte- und Klinik-Odyssee, die Uhlmann und seine Partnerin physisch und psychisch an den Rand der Belastungsgrenze bringen.

Chemo- und radiologische Therapien lehnt er ab. Sätze eines Arztes wie „ohne Bestrahlungen verdiene ich 87 Euro, mit 60 Bestrahlungen 16 000 Euro“ oder der Umstand, dass eine Verwechslung dazu führt, dass ihm Mediziner im OP nicht vorhandene Nierensteine entfernen wollen, statt eine notwendige Nierenschiene zu legen, lassen ihn am Gesundheitssystem zweifeln und verzweifeln. „Dann kam im Januar der entscheidende Satz: 'Wir können nichts mehr für Sie tun, Sie sind austherapiert'.“

Familie war mit Pflege überfordert

Nach der Entlassung mit dem Hinweis auf eine ambulante Palliativversorgung, liegt Uhlmann nur noch apathisch im Bett, ernährt sich von Grießbrei, verliert zehn Kilo und dämmert nur noch vor sich hin. „Dann begann ich alles zu regeln bis hin zum Text meiner Todesanzeige im General-Anzeiger, den ich seit 50 Jahren lese. Für meinen Sohn und meine Partnerin war klar, dass ich im Haus in Heimerzheim sterbe.“

Als er spürt, dass er seine Familie mit der Pflege überfordert, kommt ihm das Wort „Hospiz“ in den Kopf. Er recherchiert, stößt auf Anhieb auf das neue Stationäre Haus in Bad Neuenahr und fällt eine Entscheidung, mit der seiner Partnerin ein Stein vom Herzen fällt. „Hier gehe ich hin und von hier nie wieder zurück“, betont Uhlmann.

Da sitzt er nun auf seiner Terrasse im Grünen. Während die Hauswirtschafts-Mitarbeiterin Annette Frings einen Kaffee serviert und Leiterin Yasmin Brost mal eben rein schaut und sich nach seinem Wohlbefinden erkundigt, zündet sich der 75-jährige Morphiumpatient eine Zigarette an. „Damit habe ich wieder angefangen“, lacht er verschmitzt. „Dass rauchen tödlich sein kann, stört mich ja nicht“, fügt er selbstironisch hinzu. Er kennt jede Mitarbeiterin im Haus mit Namen, wechselt mit jeder ein freundliches Wort.

Vorliebe für Spaghetti mit Soßen

„Das Gefühl, auch noch so kleine Bitten erfüllt zu bekommen, ist nicht zu bezahlen.“ Da wäre zum Beispiel seine Vorliebe für Spaghetti mit Soßen in allen Varianten. „Selbst mein Besuch bekommt hier frisch zubereitetes Essen angeboten“, lobt er den Service. „Hier riecht es nicht nach Tod und Krankheit, hier herrscht auch im übertragenen Sinne ein gutes Klima.“ Dann fällt sein Blick auf sein Armband mit rotem Knopf, den er im Ernstfall drücken kann. Eine Panikattacke hatte Uhlmann nach einer Woche in Bad Neuenahr ereilt, doch das sofortige Eingreifen einer Schwester nahm ihm die Not, dass der Moment des Sterbens gekommen sei.

„Das ist eines meiner Anliegen: Ich würde jedem Angehörigen empfehlen, ein Hospiz zu besuchen und bedauere jeden, der um diese Alternative nicht weiß. Klar muss aber sein, dass das hier kein Pflegeplatz ist, sondern man nur einzieht, wenn man sterbenskrank ist“, so Uhlmann. Denn: „Heilung ausgeschlossen“ und „begrenzte Lebenserwartung von Wochen oder Monaten“ sind die Kriterien, die eine Aufnahme in einem Stationären Hospiz möglich machen. Ebenso wünscht er sich, dass sich jeder mal mit dem Gedanken einer Hospizbewegung befasst, eventuell gar Mitglied in einem Verein wird.

Und den engagierten Ehrenamtlichen gibt er mit Blick auf die vielen alten Menschen, die alleine zu Hause leben und um die sich keiner kümmert, mit auf den Weg: „Tun Sie auch was für den Zusammenhalt der Generationen. Zum Beispiel mit Schul-Arbeitsgemeinschaften, in denen junge Menschen für Senioren Dienste übernehmen wie Einkaufen, Rasenmähen oder einfach nur ihnen Gesellschaft leisten.“

Uhlmann hat seinen Frieden gemacht, hadert mit niemandem, hat keine Rechnung offen. Der Mann, der nie gläubig war, „aber gläubiger geworden ist“, hat sich für eine Trauerfeier im Hospiz entschieden. Er hat festgelegt, was er auf seinem letzten Weg tragen wird und freut sich über die Symbolik zweier sich reichender Hände. „Die werden nach dem Tod meiner Partnerin auf unser beider Grabplatten auf einem Bonner Friedhof zu sehen sein.“