Glücklich auf der grünen Insel: Von Medinghoven nach Nordirland

Glücklich auf der grünen Insel : Von Medinghoven nach Nordirland

Alexandra Bellinghausen aus Medinghoven hat in Nordirland eine zweite Heimat gefunden. Vor mehr als 20 Jahren hat die Bonnerin ihren Lebensmittelpunkt nach Nordirland verlegt.

Eine Frau mit einer positiven Ausstrahlung. Und eine Frau, die sich in ihrer Wahlheimat wohlfühlt. Diesen Eindruck erweckt Alexandra Bellinghausen – auch wenn an diesem Frühjahrsmorgen die Wolken in Belfast tief hängen und der Wind durch alle Ecken pfeift. Vor mehr als 20 Jahren hat die Bonnerin ihren Lebensmittelpunkt nach Nordirland verlegt und ist dort mit Mann und zwei Söhnen glücklich geworden. Ihre deutschen Wurzeln pflegt sie und freut sich immer wieder mal aufs Wiedersehen mit Familie und Freunden, auf ausgiebige Spaziergänge im Kottenforst oder auf einen gemütlichen Cafébesuch in der Bonner Fußgängerzone.

Wie lebt es sich im Norden der grünen Insel? „Gut“, sagt Alexandra Bellinghausen ohne lange überlegen zu müssen. „Wir dürfen uns nach wie vor einer hohen Lebensqualität erfreuen – auch wenn wir seit mehr als einem Jahr keine handlungsfähige Regierung mehr haben und viele Bereiche wie zum Beispiel das Gesundheitssystem sehr darunter leiden.“ Aufgewachsen ist die 49-Jährige in Medinghoven, hat dort Grund- und Realschule besucht. Nach dem Abitur am Hardtberg-Gymnasium hat sie eine Ausbildung zur Buchhändlerin absolviert. „Und dann habe ich eines Abends in einem irischen Pub in Bonn meinen späteren Mann, einen gebürtigen Nordiren, kennengelernt.“ Nach der Geburt von Sohn Bernard entschloss man sich, in die Heimat des Mannes umzuziehen. Dort kam 1998 auch Sohn Tobey zur Welt.

Von politisch schwierigen Zeiten, in denen sie mir ihrer Familie in einer voll militarisierten Zone wohnte und man an bis zu den Zähnen bewaffneten Soldaten vorbei musste, um ins eigene Haus zu gelangen, berichtet Bellinghausen. Aber auch davon, dass viele Nordiren Deutschen gegenüber nach wie vor sehr reserviert seien. „Die Schlacht an der Somme, bei der 1916 viele nordirische Soldaten beim Kampf gegen deutsche Stellungen starben, ist immer noch in den Köpfen“, sagt sie. Nicht nur der Erste Weltkrieg sei nach wie vor präsent. „Meine Söhne wurden in der Schule nicht selten als Nazis beschimpft.“

Mann 2013 verstorben

Dass sie nach so vielen Jahren in Nordirland immer noch als das „kleine deutsche Mädchen“ bezeichnet wird, ist für sie eher ein Grund zum Schmunzeln. Beruflich hat sich Bellinghausen neu orientiert, hat schon 1996 einen Job als Touristenführerin für die Stadt Newry bekommen. 2009 hat sie ihren Bachelor gemacht und seit 2017 ist sie als „Blue Badge Guide“ zertifiziert. Kreuzfahrtgäste aus Dublin oder Belfast begleitet sie auf Tagesausflügen, ist mit unterschiedlichen Gruppen auch auf mehrtägigen Touren unterwegs. Auch der Traum eines eigenen Häuschens wurde verwirklicht. Schon früh hat sich Bellinghausen in der Friedensbewegung engagiert und Frauengruppen gegründet. „Die Spiritualität spielt in meinem Leben eine große Rolle“, sagt sie.

Als deutsche Katholikin ist sie heute Mitglied der nordirischen Lutherischen Gemeinde und Vize-Vorsitzende eines interreligiösen Forums, in dem über den eigenen Tellerrand hinausgeblickt und viel über Gott und die Welt diskutiert wird.Dass viele Nordiren derzeit Angst vor dem von ihnen mehrheitlich nicht gewollten „Brexit“ hätten, davon berichtet die 49-Jährige mit Sorge. Und davon, dass die allgemeine Frustration groß sei, weil es die protestantisch-unionistische DUP und die katholisch-republikanische Sinn Fein seit Monaten nicht schafften, eine neue Regierung zu schmieden.

Die Söhne sind erwachsen geworden. Ihr Mann ist 2013 nach schwerer Krankheit gestorben. Mittlerweile lebt sie in einer neuen Partnerschaft. Ihr Wohnort liegt nur fünf Kilometer von der Republik Irland entfernt. Angesichts der aktuellen politischen Situation wird darüber nachgedacht, zu ihrem deutschen zusätzlich auch den britischen Pass zu beantragen. Für Bellinghausen hat sich vieles verändert. Nichts geändert hat sich an ihrer Liebe für Irland und Nordirland. „Ich habe hier alles. Nette Leute um mich herum, die unbeschreibliche Natur, das Meer – und sogar Berge“, sagt sie mit Blick auf den immerhin 850 Meter hohen Slieve Donard. Und sie vermisst nicht viel. „Na ja, die deutsche Brotkultur schon“, sagt sie lachend. „Und wenn sich die Sonne zu lange nicht blicken lässt, bin ich auch schnell im Flieger und für ein paar Tage zu Hause in Bonn.“