1. Region

Die Balance ersetzt den Zügel

Die Balance ersetzt den Zügel

Westernreiten ist eine Philosophie, wie bei einem Lehrgang am Ittenbacher Laagshof deutlich wird

Königswinter-Ittenbach. Den Cowboyhut auf dem Kopf und klirrende Rädchen-Sporen an den Stiefeln machen aus einem Pferdenarren noch längst keinen Westernreiter. Ebenso wenig wird der treue Vierbeiner mit dem Westernsattel auf dem Rücken und einem amerikanischen Hackamore, einer gebisslosen Zäumung am Kopf, automatisch zum Westernpferd.

"Westernreiten ist die Fähigkeit, ein Pferd zwischen zwei lockeren Zügeln so auszurichten, dass die Vorhand immer über der Hinterhand ist, das Pferd also versammelt ist", sagt einer, der es wissen muss: Jean-Claude Dysli hat in den siebziger Jahren die ersten amerikanischen Quarter-Horses und damit die Westernreitweise nach Europa gebracht. In einem Lehrgang am Gut Laagshof in Ittenbach gab er sein umfängliches Wissen an Amateurreiter weiter.

"Viele Leute denken, Westernreiten wäre einfacher als die herkömmliche Reitweise, aber sie sehen nicht, welche Arbeit in einem gut ausgebildeten Westernpferd steckt", so Nicole Schemberger-Mühlhoff. Die Westernreittrainerin aus Eitorf, die zu dem Lehrgang auf den Laagshof eingeladen hat, ist sogar der Meinung, dass Westernpferde noch besser ausgebildet sind als die Dressurcracks, "weil sie ja nahezu ohne Zügeleinwirkung geritten werden". Balance, Timing und Feeling, sowohl beim Reiter als auch beim Pferd - darauf kommt es beim klassischen Westernreiten an.

"Das Pferd wird nicht über den Zügel, sondern über die Balance geritten", erklärt Dysli. Gemeint ist, dass der Reiter sein Tier am losen Zügel mittels Gewichtsverlagerung dorthin dirigiert, wo es hin soll. Gemeinsam mit seinem Quarter-Hengst "Okie" führte der gebürtige Schweizer dies in der großen Reithalle des Laagshofs in eindrucksvoller Manier vor.

Mit seiner Art zu reiten hat der Pferdemann sogar schon einem waschechten "Wüstenschiff", einem Trampeltier, Galoppwechsel, wie man sie von großen Dressurprüfungen kennt, beigebracht - auf Bitten eines arabischen Scheichs. In Ittenbach waren es unter anderem Haflinger, Araber, Quarter-Horses und Appaloosas, die trotz der schwülen Hitze arbeitseifrig durch die Halle trabten und galoppierten.

Dysli war lange Jahre selbst Verfechter der klassisch englischen Reitweise. "Ich war früher bei der Kavallerie und dachte eigentlich, ich könnte reiten." Eine Reise in die USA brachte 1960 ein Umdenken. Ursprünglich wollte der gelernte Bauingenieur in den Staaten promovieren. Eines Abends lud ihn sein Professor zu einer Vorführung in den "Cow Palace" ein. "Dieser 5. November 1960 war entscheidend für mein Leben. Eigentlich hätte ich eine wissenschaftliche Karriere einschlagen sollen, stattdessen wurde ich zum Schrecken meiner Familie Cowboy."

Was war an diesem Abend passiert? Dysli lernte im "Cow Palace" die typisch amerikanischen Westernpferde, die Quarter-Horses, und die gebisslose Reitweise kennen und war derart fasziniert, dass er sein Leben fortan dem Westernreiten verschrieb. Die erste Erfahrung: Mit Zügeleinwirkung, wie er sie von daheim kannte, ging bei den Westernpferden gar nichts. "Irgendwann ist bei mir der Groschen gefallen, und ich habe es mit einem losen Zügel probiert." Mit Erfolg. Heute lebt er auf einer Finca in Andalusien und reist mit seinem Pferd durch Europa, um anderen Reitern sein Wissen weiterzugeben.

Sein Wunsch: "Ich hoffe, dass bei den Leuten, die Westernreiterei betreiben wollen, auch irgendwann der Groschen fällt". Immer wieder muss er bei seinen Lehrgangsteilnehmern - auch auf dem Laagshof - die zu intensive und harte Einwirkung der Reiterhand bemängeln.

Dysli ist überzeugt davon, dass man einem Pferd mit seiner lockeren Methode mehr Disziplin beibringt als mit der herkömmlichen englischen Reitweise - und das obendrein tiergerechter. Von Turnieren hält er nichts - und zwar beim Westernreiten genauso wenig wie im Dressur- oder Springbereich. "Die, die Turniere gehen, richten ihre Pferde ab, andere bilden sie aus", ist seine Überzeugung. Kurzum: "Wettkampfsport ist nichts fürs Pferd."