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Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI.: Die Heilige Stadt im Chaos der Gefühle

Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. : Die Heilige Stadt im Chaos der Gefühle

Die Blicke der Römer gingen am Morgen in den Himmel. Er würde grau sein, das wusste man schon aus dem Wetterbericht vom Vorabend. Aber würde es wirklich zu der Katastrophe kommen, die angekündigt worden war?

Schnee sollte fallen und die Stadt wie meist in diesen Fällen ins Verkehrschaos stürzen. Als der Vormittag zu Ende ging, war vom ängstlich erwarteten Schnee keine Spur. Stattdessen lagen die Stadt Rom und der Vatikan in einem nie dagewesenen Chaos der Gefühle.

Drei Worte waren gegen 12 Uhr immer wieder auf dem Petersplatz und den anliegenden Straßen zu hören. "Ma é vero?" - Stimmt es wirklich? Die Nachricht vom Rücktritt des Papstes hatte sich verbreitet. Nichts war plötzlich unwichtiger als der Schnee. Manche dachten zunächst an einen Witz, so unwirklich wirkte die Nachricht vom Rücktritt des Oberhirten der Christenheit.

[kein Linktext vorhanden] Die ersten Kamerateams und Korrespondenten stellten sich mittags in der Via della Conciliazione auf, die vom Tiber zum Petersdom führt. Die Passanten fragten die Journalisten, die das Unglaubliche in die Welt berichten sollten und es selbst noch kaum glauben konnten. Ihre Antwort lautete: "È vero." Es stimmt. Benedikt XVI. tritt Ende Februar zurück. "Aus gesundheitlichen Gründen", wie er selbst in einer Erklärung sagte. Im März folgt das Konklave, in dem die Kardinäle seinen Nachfolger wählen.

Benedikt selbst hatte die Nachricht am Montagvormittag in einem Konsistorium den Kardinälen bekannt gegeben. Die hatten sich planmäßig versammelt zur Heiligsprechung der Märtyrer von Otranto. Eine Routineveranstaltung in der Kurie, doch sie endete grotesk. Mit dem Rücken zu großen Wandteppichen, im roten Talar saßen die alten und mehrheitlich weißhaarigen Männer in einer Reihe, am Kopfende des Saales der Papst im warmen Hermelinmantel. Als das letzte Gebet gesprochen war, verlas Benedikt XVI. eine Erklärung auf Lateinisch. Zwar haben die meisten Kardinäle Grundkenntnisse im Lateinischen, doch dass ihnen der Inhalt der Rede sofort klar wurde, ist zu bezweifeln. Auch Vatikansprecher Federico Lombardi berichtete später von den verdutzten und fragenden Gesichtern.

Es war ein Schlusspunkt, den sich ein großer Dramaturg nicht besser hätte einfallen lassen können. Der Papst tritt zurück und keiner versteht ihn. Hier, in diesem denkwürdigen Moment, gipfelte das Unvermögen der katholischen Kirche, sich mitzuteilen. Jedenfalls waren die Kommunikation und ihr Misslingen ein nicht zu übersehender Fixpunkt dieses Pontifikats. "Wir sind Papst", hatte die "Bild"-Zeitung vor acht Jahren jubiliert, als am 19. April 2005 der Deutsche aus Marktl am Inn von den Kardinälen auf den Stuhl Petri gewählt wurde. Die Medienwelt sprach von einer Sensation und erkor einen alten Mann, der die Kirche gedanklich und theologisch festigen wollte, zum Popstar. Die Gleichung funktionierte nicht.

[kein Linktext vorhanden] Auch jetzt wundern sich viele noch einmal. "Papa Ratzi", wie ihn die Italiener halb zärtlich, halb verächtlich nennen, hat mit 85 Jahren seinen Job gekündigt. "Papa Schock", titelte das italienische Fernsehen am Mittag. Auch den Kardinaldekan Angelo Sodano, der Joseph Ratzinger 2005 in der Sixtinischen Kapelle fragte, ob er die Wahl zum Papst annehme, erwischte die Botschaft auf dem falschen Fuß. "Wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel" habe er die Nachricht vom Rücktritt empfunden. Ein "Gefühl der Verlorenheit" herrsche nun vor, sagt der Vorsitzende des Kardinalskollegiums.

Das italienische Fernsehen zeigte Bilder von Sodano, wie er zum Ende des Konsistoriums mit seiner Fassung rang. Sodano stand auf, nachdem Ratzinger seine Erklärung auf Lateinisch vorgelesen hatte, und sprach in ein Mikrofon. Seine Stimme war brüchig, nur mühsam fanden die Sätze den Weg aus seinem Mund. Der Kardinal sprach sich selbst und den anderen Trost zu. Noch bei vielen Gelegenheiten würden er und die Gläubigen die "Stimme des Hirten" hören, bei den Audienzen am Mittwoch, bei den Angelusgebeten am Sonntag. Dabei wusste auch Sodano, dass die gemeinsamen Tage gezählt sind. Offiziell endet das Pontifikat Joseph Ratzingers in etwas mehr als zwei Wochen, am 28. Februar 2013 um 20 Uhr.

Der Kardinaldekan lief dann einige Schritte auf den Papst zu. Der erhob sich, deutete ein Lächeln an. Sodano küsste den Papst auf beide Wangen, wie es unter Kardinälen üblich ist. Ratzinger fasste Sodano fest mit beiden Händen an den Armen. Er wirkte in diesem Moment sehr alt. Schon lange gab es Gerüchte über die gesundheitliche Verfassung Benedikts. Immer wieder hörte man zuletzt von der nachlassenden Sehkraft Ratzingers. Auch Gerüchte von einem Rücktritt machten in Rom seit einigen Wochen die Runde, doch sie wurden als undenkbar abgetan. So etwas war seit Coelestin V. schließlich keinem Papst mehr in den Sinn gekommen.

[kein Linktext vorhanden] Doch im Nachhinein fügen sich die Teile des Puzzles. Lange Pastoralreisen vermied Benedikt schon länger, Flüge und öffentliche Auftritte wurden mit Rücksicht auf das vorgerückte Alter des Papstes bis ins Detail geplant, besonders anstrengende Auftritte vermieden. Auch das Arthrose-Leiden vor allem im rechten Knie war schon länger kein sorgfältig gehütetes Geheimnis mehr. Doch genügen 85 Lebensjahre, schlechte Augen und ein schmerzendes Knie als überzeugende Begründung für einen derartigen epochalen Schritt? "Das Alter drückt. Mein Bruder wünscht sich mehr Ruhe", sagte Georg Ratzinger, der Bruder und enge Vertraute des Papstes.

Die meisten Kurienmitglieder und Vatikandiplomaten reagierten fassungslos auf die Nachricht. Ein hoher Kuriendiplomat bat um Bedenkzeit für einen ersten Kommentar und sagte mit zitternder Stimme: "Ich bin selbst noch völlig durcheinander und muss mich erst sortieren." Auch im deutschen Priesterkolleg Collegio Teutonico im Schatten des Petersdoms, wo Ratzinger selbst während des Vatikanischen Konzils in den 60er Jahren logierte, herrschte Ratlosigkeit. "Ich bin total überrascht", sagte ein deutscher Priester. Viele rätseln, ob es noch andere Gründe für den Rücktritt gab.

Benedikt selbst ließ immer wieder verlauten, wie sehr ihn die jüngsten Affären der Kirche, der Missbrauchsskandal und insbesondere der Vatileaks-Skandal getroffen hätten. In der Kurie war zuletzt von einem deprimierten und amtsmüden Papst die Rede. Benedikt wusste offenbar nicht mehr, auf wen er sich innerhalb der Leoninischen Mauern verlassen konnte. Sein Kammerdiener Paolo Gabriele hatte Geheimdokumente aus seinem Büro gestohlen. Machtkämpfe wurden innerhalb der Kurie offen ausgetragen. Einer der wenigen Getreuen, auf die sich Ratzinger offenbar noch verließ, war sein Privatsekretär Georg Gänswein. Ihn hatte er erst vor Wochen zum Erzbischof und Verwalter des Päpstlichen Hauses ernannt.

"Er hat uns alle überrascht", fasste Vatikansprecher Federico Lombardi die Reaktionen zusammen. Dabei wirkte der Jesuitenpater und Sprecher des Vatikans sehr gefasst an diesem Tag. Lombardi leitete die Pressekonferenz für die am Vatikan akkreditierten Journalisten im Pressesaal schräg gegenüber des Petersdoms und ließ sich die Nervosität, die auch ihn erfasst haben muss, nicht anmerken. Jetzt war er, der oft am Ende der vatikanischen Informationskette steht, endlich der Herr über die Nachrichten.

[kein Linktext vorhanden] Lombardi sitzt auf einem der mit blauem Samt bezogenen Stühle im Pressesaal. Seine Linke ruht auf dem Band des K anonischen Rechts, das nun die Regeln vorgibt. Der Papst müsse niemanden um Akzeptanz seiner Entscheidung bitten, er müsse nur mit freiem Willen entschieden und seine Entscheidung bekannt gegeben haben. So sieht es das kanonische Recht vor.

Lombardi erinnert an ein Interview, das Ratzinger vor Jahren dem deutschen Journalisten Peter Seewald gegeben hat. Dort sei der Papst gefragt worden, in welchem Fall ein Rücktritt angebracht sein könnte. Lombardi zitiert die Antwort Ratzingers auf Deutsch: "Wenn er zu der klaren Erkenntnis kommt, dass er physisch, psychisch und geistig zur Ausübung seines Amtes nicht mehr im Stande ist." Der Papst sei kohärent, sagt Lombardi.

Ob Benedikt zuletzt traurig und depressiv gewesen sei, will eine Journalistin bei der Pressekonferenz wissen. Noch während die Frau die Frage stellt, schüttelt der Vatikansprecher den Kopf. "Absolut nicht", sagt er. "Spirituelle Fröhlichkeit", "Selbstkontrolle", "Helligkeit" sind die Begriffe, mit denen der Sprecher die Wirklichkeit zu schönen versucht. Obwohl die Schwäche des Pontifex in diesem Moment allen offensichtlich ist, hält Lombardi das Bild eines starken Papstes aufrecht. Es ist ein letzter Dienst an seinem Herrn. Nur soviel lässt der Jesuitenpater durchblicken: Vielleicht hätten alle zuletzt doch etwas von der Müdigkeit Benedikts wahrgenommen.