Ausstellung in Bonn: Bundeskunsthalle zeigt Kunst über Gen und Gender

Ausstellung in Bonn : Bundeskunsthalle zeigt Kunst über Gen und Gender

Die Bonner Bundeskunsthalle präsentiert das Installationsprojekt „Kalbträgerin“ von Aleksandra Domanovic. Statt sich wie sonst politisch zu positionieren, zieht die Künstlerin die Aufmerksamkeit dieses Mal auf wissenschaftliche Streitthemen.

Kein Problem: „Wenn die Tochter eines wohlhabenden Mannes ein Einhorn zum Geburtstag haben will, so können wir das machen!“ Das meinte der Biologe Kevin Esvelt auf einer Podiumsdiskussion im Oktober 2016 in New York, bei der es um die CRISPR/Cas9-Technologie ging, eine biochemische Methode, um den Träger der Erbinformation DNA gezielt zu schneiden und zu verändern (Genome Editing).

Lebewesen à la carte sozusagen, mit einer würzigen Note Zynismus und der Hybris wissenschaftlicher Allmacht. Alles scheint möglich in den Biolaboren von heute und morgen. Sogar dem vor 10 000 Jahren domestizierten Hausrind, Nachkomme des zwei Millionen Jahre alten eurasischen Auerochsen, die Hörner genetisch wegzudesignen, funktioniert. Weil's praktischer in der Haltung ist.

Ein Drama unter Bullen nimmt seinen Lauf

Spotigy und Buri könnten ein Lied davon singen. Wobei das bei Spotigy nicht mehr möglich ist, da der mittels Biotechnologie „enthörnte“ Jungbulle geschlachtet wurde, um festzustellen, ob das Fleisch durch den DNA-Eingriff zu Schaden kam. Der ebenfalls hornlose Buri hatte bessere Karten. Mit seinem Sperma wurden sechs Kühe beglückt, und die Spannung ist groß, ob die zu erwartenden Kälber Hörner ausbilden oder nicht.

Ein Thema, das auch perspektivisch keinen kaltlassen kann. Erst recht keine Künstlerin, die eigentlich für ihre politischen Statements bekannt war. In der Bundeskunsthalle zeigt die 1981 in Novi Sad, im damaligen Jugoslawien, geborene Aleksandra Domanovic ihren Werkblock „Kalbträgerin“ mit hohen farbigen Stelen, auf denen oben jeweils ein weißes Kalb zu sehen ist, das von zwei Händen gehalten wird. An der Wand hängen Großfotos von Spotigy und Buri in verschiedenen Altersstufen. Zwischen den Zeilen ploppt neben der Gen-Problematik das Thema Gender auf. Einzelne Symbole auf den Stelen und die Lektüre von Saalzetteln und des Begleithefts – ohne die der Besucher in dieser Ausstellung rein gar nichts versteht – geben Hinweise auf den Verdrängungskampf männlicher Wissenschaftler gegenüber Kolleginnen.

Gen und Gender, zwei Riesenthemen, die zu deutlichen Kommentaren reizen. Nicht bei Domanovic. Sie lasse es offen, äußere keine Meinung, interpretiert Kuratorin Susanne Kleine, „sie will, dass die Besucher ihre eigene Haltung entwickeln“. So einfach ist das aber nicht, denn sie nimmt wohl eine Haltung ein, aber eben durch die Kunstblume: Die bunten Stelen mit den per 3 D-Drucker hergestellten schönen Kälbern sind edel und schick, könnten in jeder Modeboutique oder im Restaurant stehen, in dem die Tochter des wohlhabenden Mannes Geburtstag feiert und ihr gendesigntes Einhorn auspackt. Die Hochglanzfotos an den Wänden zeigen ausnahmslos süße, glückliche Rinder. Die Brisanz des Themas verpufft in einer hochästhetischen Wolke.

Der künstlerische Output ist überschaubar

Auf die Frage, ob sie nicht doch eine Meinung habe, antwortete Domanovic am Donnerstag vor der Presse sibyllinisch: „Ich bin nicht gegen Wissenschaft.“ Worauf Mitkurator und Intendant Rein Wolfs in kleiner Runde sagte, das solle man nicht unbedingt glauben. Er besteht auf der ambivalenten, alles offen lassenden Haltung der Künstlerin. Die hat ihrerseits großen Rechercheaufwand betrieben, hat einen „Kalbträger“ aus dem 6. Jahrhundert vor Christus aufgetan, der 1866 im sogenannten Perserschutt auf der Akropolis gefunden wurde, den sie nun mit neuesten technischen Methoden in das Fragment einer Kalbträgerin verwandelt hat.

Thematisierte das antike Stück das Opfer an die Götter, geht es nun um das Opfer an die Wissenschaft – Jungbulle Spotigy etwa musste es erbringen. Domanovic hat auch Gespräche mit Gen-Forschern geführt, hat sich durch die Untiefen des Wissenschaftsbetriebs gewühlt. Allein: Der künstlerische Output ist überschaubar.

Das beste Exponat der Schau ist nicht von ihr: Ein Brief mit Piktogrammen von dem Forscher Boris Ephrussi an den Molekularbiologen James Watson, der 1953 für das Doppelhelixmodell der Molekularstruktur der DNA den Nobelpreis bekam. Und dabei die bahnbrechenden Arbeiten seiner Kollegin Rosalind Franklin einfach verschwieg. Der Brief von 1958 zeigt einen Totenkopf und ein Schwein und lässt sich so lesen: „Lieber Jim, bist du schon tot oder nur ein Chauvischwein?“

Bundeskunsthalle; bis 24. September. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr

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