Bollwerk gegen die Fluten

Entlastungskanal in Mehlem beinahe fertig

Mehlem. Nicht mehr lange, dann ist das millionenschwere Projekt zur Erweiterung des Hochwasserschutzes in Mehlem fertiggestellt. Falsche Berechnungen hatten das Projekt in die Länge gezogen.

Nun sind es nur noch ein paar Meter Erde, die die Mehlemer von einem vernünftigen Hochwasserschutz trennen: Kurz nach Pfingsten rechnet die Stadt mit dem Durchbruch in der Mitte des Entlastungskanals in Höhe der Brücke Meckenheimer Straße. Ab dann öffnet das Tiefbauamt den riesigen Röhreneinlauf am Mehlemer Bach an der Bachemer Straße. Sollte es dann sintflutartig regnen, bliebe der Ort wohl weitestgehend von Hochwasser verschont. Doch bis der Schutz für 54000 Liter Wasser in der Sekunde tatsächlich besteht – so viel floss 2010 zeitweise aus Wachtberg Richtung Rhein – wird es noch ein paar Monate dauern.

Ein großer Kran überragt die Häuser an der Bachemer Straße. Von seiner Kanzel ist das derzeit friedlich plätschernde Bächlein zu sehen, das sich in seinem neu gefassten Bett unter der Brücke hindurchschlängelt. Daneben befindet sich ein verschaltes, sechs Meter tiefes Loch: das künftige Einlaufbecken in den neuen Entlastungskanal, der bis zum Drachensteinpark 750 Meter lang unter Mehlem vorgetrieben wurde und sich dort in den Rhein öffnet.

Rechen aus massivem Stahl

Der Bach wird auf Bonner Stadtgebiet erst kurz vor der Brücke zu einem Problem, weil er davor vor allem durch Grünanlagen verläuft und dort höchstens ein paar Gartenhäuser überschwemmen kann. „Spannend wird es ab hier“, sagt Peter Esch an dem mächtigen Grobrechen aus massivem Stahl, der bei Sturzfluten die größten Äste und weiteres Treibgut davon abhalten soll, gegen die Brücke zu klatschen.

Bei den jüngsten Hochwassern war es so, dass der Brückendurchfluss verstopft war. Doch selbst wenn er frei gewesen wäre, war der Abfluss zu klein für all die Wassermassen, die vom Himmel und wie in einem Trichter vom Ländchen ankamen. Unabhängig davon, wie groß oder klein der alte Durchfluss Bachemer Straße war: Bei Unwetter kam es für die Bachanlieger dahinter grundsätzlich zur Katastrophe.

Die Idee der Planer war nun, die Öffnung so zu verkleinern, dass nur noch die Menge Wasser durchpasst, die im weiteren Bachverlauf keine Schäden verursacht. 14000 Liter pro Sekunde sind das, haben die Experten errechnet. Die Frage war nun, wie bekommt man die restlichen maximal 40000 Liter an dieser Weiche in den Einlauf des Entlastungskanals? Zum Vergleich: Derzeit plätschern gerade mal 80 bis 100 Liter pro Sekunde ins Tal.

Wasser steigt als reißender Strom

Die neuen Hochwasserschutzwände mit schmuckem Prägeputz vor der Brücke sind schon so gut wie fertig. Das Einlaufbauwerk wird später exakt so hoch sein, so dass es erst bei Hochwasser anspringt – also bei mehr als 14000 Litern pro Sekunde, die ja im Bach verbleiben dürfen. Das ist gar nicht so leicht, denn die Fluten steigen nicht friedlich wie in einem Becken an, sondern im reißenden Strom bildet sich eine stehende Welle. Deren Form lässt sich steuern, indem man die Fläche vor dem Einbaulaufwerk entsprechend gestaltet.

„Den Berechnungen habe ich aber nicht geglaubt“, sagt Esch und war auch mit einer Kontrollrechnung nicht zu frieden. So ließ er an der TH Köln ein Modell des Einlaufs im Maßstab 1:10 bauen. „Wir stellten fest, dass unser Bau nicht für 40000 Liter gereicht hätte“, so der Amtsleiter. „Unsere Planung wäre nicht in Ordnung gewesen."

Es sei aber auch nicht leicht, alles ohne Experiment auszurechnen, weil das ankommende Wasser voller Turbulenzen sei. So musste eine neue Planung her, sodass die Baustelle nicht – wie angedacht – in diesem April fertig werden konnte. So muss nun auf die Brücke eine Hochwasserwand, die vor überströmendem Wasser schützt. Sie ist sogar höher als das jetzige Geländer. Wahrscheinlich besteht sie oben aus Glas, „damit man noch was von dem Bach sieht“, sagt Esch.

Wie ein riesiger Trichter

Mittlerweile weiß man, dass Sturzbäche nicht gerade auf die Brücke zuschießen, so dass künftig das Wasser seitlich in das Einlaufbecken in eine Art riesigen Trichter hineinfließen wird und dann in den Kanal, der einen Durchmesser zwischen 2,80 und drei Metern hat. „Ich möchte gerne im Herbst restlos fertig sein“, sagt Esch.

Mit den veranschlagten 8,3 Millionen Euro kommt er nun nicht mehr hin, benötigt für den gesamten Hochwasserschutz etwas mehr als zehn, was aber alles im Haushaltsbudget sei. 60 Prozent zahlen Bund und Land. Die Mehrkosten kommen durch die Umplanung am Einlaufbecken, einem Kanalschaden beim Rohrvortrieb und einem geänderten Kanalverlauf an der Brücke Meckenheimer Straße zustande, auf den die Bahn bestanden hatte.