Digitale Revolution

Völlig neue Arbeitsfelder entstehen

Marc Bovenschulte bei einem Vortrag in Santiago de Chile.

Marc Bovenschulte bei einem Vortrag in Santiago de Chile.

Bonn. Der Wissenschaftler Marc Bovenschulte fordert eine aktive Rolle des Staates bei der Gestaltung der Digitalen Sozialen Marktwirtschaft.

Die Digitale Revolution stellt die Soziale Marktwirtschaft vor große Herausforderungen. Martin Wein sprach mit Zukunftsforscher Marc Bovenschulte über realistische Szenarien für die Entwicklung der Arbeitswelt, und wie Staat und Gesellschaft diese begleiten sollten:

Herr Bovenschulte, manche Experten glauben, in wenigen Jahrzehnten muss niemand mehr für Geld arbeiten, weil Algorithmen und Maschinen alles für uns regeln. Wenn die Zukunft der Arbeit definitiv endlich ist, brauchen wir uns also nicht mehr darüber zu unterhalten?

Marc Bovenschulte: Man kann diese Annahme verfolgen. Nach meiner Überzeugung wird es anders laufen. Der Mensch wird in vielen Bereichen leistungsfähiger und preiswerter bleiben. Und auch nicht alles, was aus technischer Sicht automatisierbar wäre, wird man auch Maschinen überlassen. Außerdem werden immer wieder völlig neue Arbeitsfelder entstehen, an die niemand gedacht hat. Nehmen Sie die ganze Freizeitindustrie. Die war vor 100 Jahren in diesem Umfang gar nicht vorstellbar. Oder, dass jemand mal von Youtube-Videos oder als Influencer auf Instagram leben könnte. Erst in weiter Zukunft könnte es zur einer "Wertschöpfungssingularität" kommen, wenn Maschinen alle potenziell entstehenden Beschäftigungspotenziale gleich selbst wieder bedienen.

Sind die Erwartungen zum Tempo der digitalen Transformation somit übertrieben?

Bovenschulte: In bestimmten Bereichen ja. Es gibt eine große Spannweite zwischen dem, was im Labor technisch möglich und was in der Fertigungspraxis sinnvoll einzusetzen ist. Und wenn wir nur noch über Dienstleistungen und datenbasierte Modelle sprechen - irgendwo muss ja auch noch ein materieller Kern der Wertschöpfung stattfinden.

Welches Szenario halten Sie für 2030 für realistisch?

Bovenschulte: All jene Berufe, die auf zwischenmenschlichem Kontakt beruhen - etwa die Pflege - wird es wohl am geringsten treffen. Auch viele andere Berufe, die wir heute kennen, wird es weiterhin geben, wenn auch sicherlich verändert. Denken Sie an die Medizin: Wenn es hart auf hart geht, wird kein Mensch sich auf die Wahrscheinlichkeitsberechnung einer Maschine verlassen wollen, so präzise die auch sein mag. Dann ist immer ein Arzt gefragt, der digitale Expertensysteme als Werkzeuge nutzt. Einfache Tätigkeiten hingegen sind oft zu preiswert, um sie durch Maschinen zu ersetzen. Ein Problem könnte im mittleren Qualifikationssegment entstehen. Hier gibt es viele Tätigkeiten, die sich recht gut formalisieren und somit automatisieren lassen. Da werden Stellen verschwinden.

Wie passt die Klage über Fachkräftemangel mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen zusammen?

Bovenschulte: Die Wirtschaft wächst derzeit so stark, dass der Wertschöpfungszuwachs durch die Digitalisierung das nicht ausgleichen kann. So gibt es immer noch Fachkräftemangel. Ich fürchte, wir werden einen Gleichlauf zwischen der abnehmenden Erwerbsbevölkerung und der fortschreitenden Digitalisierung nie hinbekommen, zumal das Angebot an Arbeitskräften sich nicht zwangsläufig mit den gesuchten Fachkräften decken muss.

Andererseits wird eine Erhöhung des Rentenalters diskutiert, um das Rentenniveau zu sichern. Muss die Rente bei abnehmendem Personalbedarf nicht auf ganz andere Pfeiler gestellt werden. Es gibt zum Beispiel die Idee einer Steuer auf Wertschöpfung oder Maschinen?

Bovenschulte: Die Diskussionen stammen ja schon aus dem letzten Jahrtausend und erleben jetzt eine Renaissance. Eine Studie vom IMK hat kürzlich deutlich gemacht, dass eine breite Arbeitsmarktpartizipation das beste Rezept ist, um im demografischen Wandel die Sozialsysteme zu sichern. Eine Umstellung auf ein anderes System würde vermutlich eine zeitweise Parallelfinanzierung bedingen. Die halte ich nicht für realistisch.

Das Internet hat viele Möglichkeiten zum Gelderwerb jenseits herkömmlicher Jobs geschaffen. Welches Potenzial steckt noch in der Digitalisierung?

Bovenschulte: In der nicht orts- und zeitgebundenen, also entgrenzten, Erbringung von Dienstleistungen durch Selbstständige steckt noch großes Potenzial. Auch dort kommt es auf die Bedingungen an, die in einer Digitalen Sozialen Marktwirtschaft gelten sollen. Hier müssen wir in der Flexibilität Verlässlichkeit schaffen. Das heißt, die Betroffenen sind ebenfalls in der Kranken- und Rentenversicherung und es ist fest definiert, wo sie ihre Steuern zahlen. Dafür wird es vermutlich internationale oder wenigstens europäische Regelungen brauchen.

Sehen Sie im Hinblick auf die digitale Transformation Handlungsbedarf für den Staat?

Bovenschulte: Wenn eine Digitale Soziale Marktwirtschaft Sinn machen soll, muss der Staat natürlich eine aktive Rolle haben, um Ausgleich zu schaffen, so dass wir in der Digitalen Sozialen Marktwirtschaft nicht komplett auf Selbstverantwortung jedes Einzelnen setzen können. Jedem muss aktiv die Möglichkeit gegeben werden, auf dieser Reise mitzufahren. In der Praxis gibt es heute dafür noch zu viele, teils absurde Auflagen. Man kann eine geförderte Fortbildung zur Industrie 4.0 belegen, muss dazu aber mindestens 40 Jahre alt und ein Jahr arbeitslos gewesen sein. Das ist nicht zielführend.

Das gilt auch fürs Schulsystem?

Bovenschulte: Grundschüler sollen heute schon fließend Chinesisch sprechen, unternehmerisch denken, das Finanzwesen durchschauen und über digitale Literacy verfügen. Das funktioniert nicht. Hier sollte auch die Wirtschaft ihre Erwartungen nicht zu nachdrücklich geltend machen, denn gerade für kreative Aufgaben gibt es noch andere Grundkompetenzen. Andererseits ist Deutschland im Weltvergleich in vielen Bereichen der Digitalisierung nicht auf einem Spitzenplatz. In einem der bekanntesten Universitätsrankings steht die beste deutsche Universität im Fach "Computer Sciences" aktuell auf Platz 42. Da ist erkennbar Luft nach oben, ohne dass jeder Grundschüler gleich ein IT-Spezialist sein muss.