Kolumne

Auf einen Absacker

Dr. Helge Matthiesen, Chefredakteur beim General-Anzeiger Bonn.

Dr. Helge Matthiesen, Chefredakteur beim General-Anzeiger Bonn.

Das kann doch nicht alles gewesen sein. Diese Einsicht am Ende eines reichhaltigen Mahles lässt den Blick meist direkt zur Getränkekarte wandern, um dort die Liste der Digestifs unter die Lupe zu nehmen.

Womit wir bei einem sehr ernsten gastronomischen Thema wären: der richtigen Getränkewahl. Wie gut, dass einer der Gastro-Trends des Jahres lautet: "Weniger, aber dafür besser trinken. Besser trinken! Was will man mehr?

Bei der Wahl des richtigen Getränks werden viele Fehler gemacht. Zum Beispiel der Fehler, den Moden auf den Leim zu gehen. Die tarnen sich derzeit gerne, indem sie den Produkten das Mäntelchen des Regionalen umhängen. Es gilt daher eine ernste Warnung auszusprechen vor trüben oder leicht öligen Schnäpsen, deren Herkunft niemand in der Heimat verorten würde: Whisky zum Beispiel oder zuletzt Gin.

Nicht alles, was da in den Gläsern schwappt, macht das Leben schöner. Was durch Produktion scheinbar am heimischen Küchentisch geadelt scheint, stürzt einen gelungenen Abend in eine vermeidbare Krise, vielleicht sogar in sein Ende. Trinken, um der heimischen Wirtschaft zu helfen, ist lobenswert, aber riskant, und bringt am Ende oft nur den Herstellern von Kopfschmerzmitteln schöne Umsätze. Guter Whisky kommt ja nicht zufällig aus Schottland. Es kommt also nicht nur auf das richtige Getränk, sondern auch auf die Region an.

Aber haben wir die Geduld, vor dem krönenden Abschluss eines schönen Essens über solche Dinge noch nachzudenken? Sicher nicht, und eine alte Faustformel mit sittlichem Nährwert hilft: „Sagen, was wahr ist und trinken, was klar ist“, lenkt auch das angeregte Gespräch nach dem einen oder anderen Schnaps gleich in die richtige Bahn.

Denn es gibt Alternativen zum modischen Trinken: feinste Brände zum Beispiel. Die füllen schon lange die Flaschen und Gläser, aber sie werden trotzdem immer besser. Im Schwarzwald und in Bayern, in Österreich oder Südtirol wird edelstes Obst in kleinen Mengen sortenrein vergoren, um von seiner irdischen Hülle befreit, zu reinem Geist zu werden. So schmeckt und duftet die Pflaume auch nach Jahren noch wie einst im August, und der Apfel strahlt mit 42 Prozent.

Gleiches gilt beim Korn, wo sich die heimische Landwirtschaft neu entdeckt und das Massenprodukt wieder zur Spezialität macht. In Sachen besser trinken sind Bonn und sein Umland ganz vorn. Wenn es schief geht, liegt es jedenfalls nicht an den Gastwirten.

Wer erst mal in diese Landschaften des guten Geschmacks eingetaucht ist, fragt sich nach jedem Schluck, ob das schon wieder alles gewesen sein soll? Wer nach reiflicher Überlegung zu einem eindeutigen Nein gelangt, hat morgen vermutlich nichts vor und sollte daher direkt in die Bar an der Ecke gehen, wo wenigstens die Gläser klar sind, in denen wunderbar bunte Getränke funkeln, verziert mit Trinkhalmen, Zitronenscheiben, Salzrändern, Zucker und anderem Schnickschnack.

Hier darf man, nein, hier muss man die alte Faustformel natürlich vergessen. Gin aus heimischer Produktion ist im Cocktail übrigens unschlagbar. Aber all diese Regeln und was man sich sonst so denkt, sind spätestens nach dem ersten Glas ohnehin vergessen. Auf einer Terrasse am Rhein unter leuchtenden Sternen im lauen Wind kommen irdische Maßstäbe schon mal abhanden.

Womit es an der Zeit ist, an den zweiten Teil des Gastro-Trends zu erinnern, den schwierigen Teil: Weniger trinken! Morgen fangen wir damit an.