Die Tücken von Watutinki

Toni Kroos ist der Unantastbare im DFB-Team

Toni Kroos beantwortet Fragen der Journalisten bei der Pressekonferenz.

Toni Kroos beantwortet Fragen der Journalisten bei der Pressekonferenz.

Watutinki. Toni Kroos zeigte sich bei der ersten Pressekonferenz in Russland sehr gelöst. Um seinen Startplatz im Team muss er sich wohl keine Sorgen machen. GA-Redakteur Guido Hain berichtet aus dem deutschen WM-Quartier.

Dieses Watutinki hat schon seine Tücken. Besonders einladend sind die Hochhausschluchten nicht, selbst wenn hier und dort ein Birkenwäldchen die Betonwüste stört. Thomas Schneider hat die Tücken von Watutinki, besser: der dortigen DFB-Unterkunft „Recreation Komplex“, erfahren müssen. Aus dem Wasserhahn im Badezimmer des Löw-Assistenten floss zuerst kein Wasser. Es gab eben noch einiges zu werkeln in und an diesem Hotel, das Joachim Löw gerade erst mit dem „Charme einer guten, schönen Sportschule“ verglich. Dass dieser nach Malente oder Wedau klingende Liebreiz das Unternehmen Titelverteidigung stören könnte, glauben die Spieler offiziell natürlich nicht. „Sportschule klingt doch super“, hat Toni Kroos am Donnerstag darauf angesprochen gesagt. „Wir sind ja auch hier, um Sport zu treiben.“ Er sagte das mit einem Grinsen.

Ohnehin kam der Mittelfeldspieler so gelöst daher, als wirke der erneute Champions-League-Gewinn mit Real Madrid noch bis in die Sportschule Watutinki nach. Er strahlte tiefe Gelassenheit aus. Zumal er – anders als Schneider – gleich Wasser hatte. „Bei mir ist alles gut.“ Man kann das nicht anders sagen: Bei Kroos ist in der Tat alles gut. Sportlich ohnehin. Der Junge aus Greifswald ist zum Weltstar gereift, ist Weltmeister und viermaliger Gewinner der Königsklasse. Er hat längst Zutritt zu diesem Messi-Ronaldo-Neymar-Universum – und bereichert es mit seiner spielerischen Eleganz, seinen chirurgischen Pässen, mit seiner gestalterischen Klasse. Er ist der magnetische Mittelpunkt des Spiels – bei Real und im Nationalteam.

Tatsächlich hat es sich der 28-Jährige neulich nicht nehmen lassen, Trainer Löw und seine Kollegen warten zu lassen. Das liegt natürlich nicht daran, dass er der Unantastbare unter den Unantastbaren der deutschen Mannschaft ist. Und er schwänzte natürlich nicht ohne Erlaubnis des Freiburgers. Ins Trainingslager in Südtirol war er mit einigen Tagen Verspätung angereist. Weil er nach dem Finale in Kiew etwas Ruhe benötigte. „Nach so einem Sieg in der Champions League braucht man einige Tage“, sagte Kroos in Watutinki. Der Neigung, „dann runterzufahren“, ist auch er selbst nachgegangen. Inzwischen aber, versicherte er, sei er längst wieder im Wettkampfmodus. „Eine WM ist ja schließlich keine schlechte Motivation.“

Watutinki nicht Campo Bahia

Lange gebraucht habe er nicht, die „Vorfreude“ auf das Turnier zu wecken, den „Hunger“. Zwar ist Watutinki weit entfernt vom mystisch verklärten Campo Bahia, wo die Deutschen vor vier Jahren wohnten auf dieser unschlagbar schönen Halbinsel im brasilianischen Santo André. Das Verlangen, ähnlich Großes erneut zu schaffen, ist bei Kroos längst zurückgekehrt. Wahrscheinlich war es nie weg. „Wir wollen noch einmal das Gefühl haben, das wir schon einmal hatten“, sagte er.

Dass das tatsächlich so eintreten wird, hängt sehr stark ab von der Kroos-Qualität. Zwar hat Löw nach dem kleinen Ausverkauf nach der WM einen Umbruch eingeleitet, auf seine Weltmeister kann und will er aber nicht verzichten. Auch Kroos setzt auf Bewährtes. Es sei wichtig, über eine gewisse Achse zu verfügen, die „große und wichtige Spiele bestritten hat“. Ohne Manuel Neuer, Mats Hummels, Jerome Boateng, Sami Khedira und Thomas Müller, so Löws Befürchtungen, ohne die Achse des Guten also, könnte der fünfte Stern für Deutschland eine Illusion bleiben.

Zu den Etablierten gehört seit Jahren auch Mesut Özil. Dass am Mittwoch das Gespräch erneut auf das Treffen seines Mittelfeldpartners an der Seite Ilkay Gündogans mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan gelenkt wurde, löste bei Kroos keine Irritation aus. Mit einer Souveränität, die ihn auch auf dem Platz auszeichnet, widmete er sich dieser Causa. In der Mannschaft sei das kein Thema mehr, versicherte er, „die beiden brauchen unsere Unterstützung“. Und: „Man kann die Situation verurteilen. Dann darf man auf der anderen Seite aber auch nicht wollen, dass sie uns zum Titel schießen.“

Das allerdings war nur ein kleiner Ausflug ins ernste Fach. Viel mehr amüsierte ihn die journalistische Detektivarbeit beim Thema Watutinki. Selbst der Rasen des Trainingsplatzes hatte am Mittwoch noch nicht die offenbar in den offiziellen DFB-Richtlinien vorgesehene Länge. Löw bemängelte den „etwas stumpfen Rasen“. Am Donnerstag gab Kroos dann Entwarnung. „Alles wieder normal.“ Ein bevorzugtes Ziel wird Watutinki für ihn jedoch wohl nicht. Es sei zwar alles „absolut okay“, aber „so ist dann die Vorfreude auf einen möglichen Urlaub noch größer, wenn man es sich wieder selbst aussuchen kann“.