Interview mit Robert Harting

"Machtlos, erniedrigt, unwichtig"

Robert Harting beim Interview mit GA-Sportchef Berthold Mertes.

Robert Harting beim Interview mit GA-Sportchef Berthold Mertes.

05.02.2016 Robert Harting steht vor seinem Comeback. Der Diskus-Olympiasieger schildert Probleme, die sein alternder Körper verursacht - und erklärt, wie sich Athleten angesichts der Funktionärskrise in der Leichtathletik fühlen.

Das Café Mirbach in Berlin-Weißensee ist in die Jahre gekommen, strahlt einen rauen Charme aus. Wie Robert Harting, der an diesem grauen Februar-Nachmittag von der Trainingshalle in Hohenschönhausen zum Interview mit dem General-Anzeiger rübergekommen ist. Mit kratziger Stimme bestellt der Diskuswurf-Olympiasieger einen Ingwertee mit Zitrone. "Halb so wild", sagt er, "Comeback nicht gefährdet." Robert Harting ist Querdenker, vielleicht Querkopf. Hört zwar auf seine Oma, die ihn bat, nach großen Siegen nicht mehr sein Trikot zu zerreißen. Aber nicht auf Funktionäre. Er zeigt Haltung im Anti-Doping-Kampf und wurde auch deshalb dreimal zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt.

Die Leistungen des 2,01-Meter-Mannes sind überragend: Seit dem ersten seiner drei WM-Titel 2009 ist er der Herr der Ringe. Dem EM-Gold 2014 ließ Harting noch den Heimsieg beim Berliner Istaf mit mächtigen 68,21 Meter folgen. Zwei Wochen später riss im Training das Kreuzband im linken Knie.

Seinen ersten Wettkampf nach 530 Tagen Pause will er am 13. Februar bestreiten - beim Hallen-Istaf in Berlin. Berthold Mertes befragte den 31-Jährigen zum Comeback, zu seinen Olympia-Hoffnungen und zu seiner Meinung über den neuen Präsidenten des krisengeschüttelten Leichtathletik-Weltverbandes IAAF.

Herr Harting, wie geht es Ihrem Knie?
Robert Harting: Das Knie ist eigentlich super. Ich konnte nach der Verletzung relativ schnell wieder laufen, so nach sechs Monaten. Auch mal wieder einen Ball schießen. Aber es ist schwer, die ganzen Automatismen wieder aufzubauen. Die sind total unterbrochen.

Können Sie das erläutern?
Harting: Der Körper geht sofort in die Schonhaltung. Die Bewegungsmuster, die immer intuitiv waren, sind weg. Das muss man sich alles wieder erdenken, und das kostet Zeit.

Nennen Sie eine Prozentzahl: wo stehen Sie physisch?
Harting: Nicht schlecht eigentlich. Zu einem vergleichbaren Zeitpunkt etwa vor den Spielen 2012 in London vielleicht bei 90 Prozent - gemessen daran, dass ich nach den Trainingswerten etwa 63,50 Meter werfen könnte. Das ist alles im Plan.

Wie wollen Sie zu alter Stärke zurückfinden?
Harting: Ich brauche Wettkämpfe, damit ich wieder die eigene Leistungsfähigkeit spüren kann. Das kann man von hier aus dem Café leider nicht. Da kann man nur viel erzählen.

Also ist es höchste Zeit für ein Comeback – kommt das Hallen-Istaf, quasi in Ihrem Wohnzimmer, gerade zur rechten Zeit?
Harting: Ja, ich brauche das jetzt zur Orientierung.

Auch weil Ihnen mental ein paar Prozent mehr fehlen als körperlich?
Harting: Das liegt nach einer so langen Pause auf der Hand. Jeden Tag aufzustehen, sich zu fragen: Bin ich leistungsfähig? Was tut weh, was nicht? Das ist eklig, das macht keinen Spaß. Man muss jeden Tag eine Enttäuschung in Kauf nehmen können und sich zusammenreißen.

Wie meinen Sie das?
Harting: Im letzten Sommer ging alles immer nur vorwärts. Jetzt kommt man wieder in diese ganzen nervigen Arbeitsprozesse hinein, die Feinabstimmung.

 

Spüren Sie Ihr Alter?
Harting: Ich habe ein bisschen meine körperliche Veränderung unterschätzt. Ab 30, 31 verändert sich der Körper eines Sportlers. Die Verletzung kam in einem blöden Moment. Nun habe ich zwei Störfelder, die ich gleichzeitig behandeln muss: Das Alter und die Verletzung.

Erleben wir wieder den Robert Harting, wie wir ihn vor zwei Jahren gesehen haben?
Harting: Nein, den alten Harting wird es nicht mehr geben. Ich muss im Wettkampf selbst erst einmal sehen, wieviel vom Rest noch übrig ist. So eine Vorherrschaft wird es nicht mehr geben.

Warum so skeptisch?
Harting: Es gab bisher nur einen Diskuswerfer, der nach einem Kreuzbandriss wieder unter die Top Ten gekommen ist. Das ist eine aussagekräftige Statistik.

Das hört sich nicht so an, als könnte es in Rio einen Olympiasieger namens Robert Harting geben.
Harting: Ganz ehrlich? Das stimmt! Mir fehlen noch Bausteine, Informationen. Dazu brauche ich jetzt Wettkämpfe.

Sie wirken grüblerisch. Gibt sich das bis Rio? Erwarten Sie die alte Geradlinigkeit und Klarheit zurück?
Harting: Ich arbeite daran, dass Letzteres passiert. Aber das Thema nervt mich. Ich bin seit eineinhalb Jahren raus, war auch mal eine Weile entlastet. Aber ich muss mich erst mal wieder da reinarbeiten.

Hört sich an, als fingen Sie ganz von unten an.
Harting: Im Sport geht es immer um Einordnen, Unterordnen, Durchsetzen. Vor der Verletzung musste ich mich nur noch durchsetzen. Jetzt bin ich zwei Schritte zurückgegangen, beim Istaf-Indoor folgt erst einmal wieder die Einordnung.

 

Wie wirkt sich das Erreichen der 30er-Marke konkret aus? Kommen Sie morgens schwerer in Gang?
Harting: Es gibt physische und psychische Punkte. Physisch merkt man in vielen Bereichen keine großen Unterschiede, aber leider in den entscheidenden. Zum Beispiel in der Schnelligkeit. Wenn ich nur ein Zehntel verliere, verliert auch der Diskus an Energie. Das sieht man von außen nicht, aber man merkt es beim Abwurf, am Wurfgefühl. Alle Werfer, Gerd Kanter und wie sie alle heißen, die sind alle ab 30, 31 langsamer geworden. Und das wartet auf mich genauso.

Und psychisch?
Harting: Man hat immer mehr Enttäuschungen. Mit 25 ging alles vorwärts, man konnte sich immer verbessern und hat dazugelernt. Das Thema ist mit 28 durch. Dann heißt es: Niveau halten durch Nachdenken. Wo kriege ich noch Leistung her? Ab 31 bist du auf dem absteigenden Ast. Und dann vergleicht man sich: Was ich vor fünf Jahren noch richtig gut konnte, kann ich jetzt viel schlechter. Da muss man einen klaren Kopf bewahren.

Wie schaffen Sie das?
Harting: Als Sportler braucht man neue Reize. Man kann sich das wie bei einem Handy vorstellen. Da hält der Akku am Anfang anderthalb Tage, nach zwei Jahren muss ich es abends aber auf jeden Fall aufladen. Mit dem Handy kann ich immer noch telefonieren und alles andere, aber ich muss mit weniger Akkuleistung auskommen. So ist das auch bei mir. Mein Akku ist schwächer geworden, das limitiert mich. Deswegen ist das Istaf-Indoor auch so wichtig für mich. Ich kann sehen, wie ich unter Stress reagiere, das habe ich eineinhalb Jahre nicht gehabt.

Was dominiert vor Ihrem Comeback: Vorfreude oder Sorge?
Harting: Alles. Alle Gefühle, Angst, Respekt, Freude, Motivation, Aufregung, der Stress des eigenen Anspruchs.

Die Leichtathletik steckt momentan in der Krise. Der Weltverband IAAF soll Dopingsünder gedeckt haben, Russlands Leichtathleten stehen unter Generalverdacht. Belastet das Ihre Psyche zusätzlich?
Harting: Das Schlimme ist die Pauschalisierung, das fehlende Diffenzierungsvermögen. Es gab schon viele Sportler, vor allem aus der deutschen Leichtathletik, die sich klar gegen Doping positioniert haben. Die mussten sich teilweise in Interviews fragen lassen, ob sie nicht einfach neidisch auf die anderen Nationen wären. Und nun werden sie auch noch in dieses ganze System mit hineingeschmissen.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat gesagt: „Schlimmer als die Fifa geht’s nimmer. Aber die Leichtathletik bekommt es hin.“ Fühlen Sie sich als Leichtathlet in Ihrer Ehre verletzt angesichts des schlechten Images Ihrer Sportart?
Harting: Natürlich. Es ist ideologisch erniedrigend, enttäuschend. Der gute Sport, der sportliche Wettstreit, der wird eben nicht von allen so betrieben. Aber das Schlimmste sind die Pauschalisierungen.

Was können Sie als Sportler konkret tun?
Harting: Wir haben ja letzten Sommer schon vor dem großen Skandal im Weltverband die Aktion „HitIAAF“ auf Youtube gestartet und wurden dann in unseren Ahnungen bestätigt. Viele Leute fanden es gut, dass die Athleten sich zu Wort gemeldet haben. Ich bin für eine Allianz zwischen Medien, Sportlern und Zuschauern. Da könnte man richtig viel Druck ausüben.

 

Der Druck ist ja schon teilweise entstanden. Sie haben selbst gefordert, dass der IAAF-Präsident Lamine Diack und seine Gefolgschaft weg müssen. Nun ist er weg.
Harting: Aber es ist nicht damit getan, dass drei, vier Leute ausgetauscht werden. Es muss einiges verändert werden.

Was denn konkret?
Harting: Der Absolutismus muss weg. Das Hierarchische dieses Verbandes, der die Sportart nicht zusammenhält, sondern abgrenzt. Und zwar, um so viele eigene Vorteile wie möglich daraus zu ziehen. Diack ist schweinereich geworden, weil er Leute bestochen und alles in seine Tasche gewirtschaftet hat. Ihm ging es nicht um die Sportart. Auch Thomas Bach hat als DOSB-Präsident vor allem persönliche Ziele verfolgt – er wollte IOC-Präsident werden. Das hat er nun geschafft.

Der Sturz des Ancien Regime kann doch nur von den Sportlern ausgehen.
Harting: Das ist völlig richtig.

Sie müssen also eine Athletengewerkschaft gründen.
Harting: Ich? Nein.

Aber jemand müsste es machen.
Harting: Es wird sicherlich einen Verbund geben, der versucht, Einfluss zu nehmen. Ich bin nicht unbedingt ein Freund von Gewerkschaften, weil ich nicht darauf aus bin, Kompromisse zu suchen. Aber es muss etwas passieren, und es gibt Bewegung. Ich kann darüber noch nicht allzu viel reden, das ist alles noch im Wachstumsstadium.

Geht es um die Leichtathletik oder um den deutschen Sport insgesamt?
Harting: Um die Leichtathletik. Der deutsche Sport ist weit entfernt von einer Sportlergewerkschaft. Ich denke, den meisten Athleten geht es noch zu gut, sonst würden sie sich nicht alles gefallen lassen.

Ihr Image ist im Positiven als das eines Querdenkers besetzt. Ist Robert Harting nach seiner Karriere in einer Verbandsverantwortung vorstellbar?
Harting: Ich sehe mich nicht als Funktionär, weil ich kein Interesse an übermäßigem Konsens habe. Übermäßiger Konsens bedeutet Stagnation, und davon haben wir genug.

Also sind Sie doch eher Gewerkschaftsführer?
Harting: Das bedeutet ja auch Konsens. Ich bin auch dazu nicht prädestiniert, weil ich für mich selber und mein Team kämpfe.

IAAF-Präsident Sebastian Coe ist einer, der total diplomatisch wirkt, der Menschen zusammenbringt. Haben Sie ihn schon einmal außerhalb einer Medaillenzeremonie erlebt?
Harting: Leider nicht. Ich habe ihn aber ein paarmal angetwittert.

Hat er zurückgetwittert?
Harting: Nein, natürlich nicht. In einem Posting habe ich ihm einmal ein paar Fragen gestellt, auch darauf hat er nicht geantwortet. Jetzt habe ich ihn „entfolgt“.

Kann ein so diplomatischer Mensch genau der Mann sein, der die Kultur im Weltverband verändert?
Harting: Das glaube ich nicht. Wer so was jahrelang gemacht hat, weiß nicht mehr, was das Beste ist. Neuen Wind bekommst du nur, wenn du neue, frische Gedanken reinbringst. Ich glaube nicht, dass eine absolutistische Institution in der Lage ist, andere Denkweisen anzunehmen.

Ihre Zuversicht, dass sich wirklich etwas ändert, wirkt äußerst gering, richtig?
Harting: Das stimmt.

 

Sie wissen nun, Ihr Verband hat jahrelang Dopingbetrug gedeckt. Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie selbst in den Ring steigen?
Harting: Ein Gefühl von Machtlosigkeit, Erniedrigung, Unwichtigkeit. Meine Werte sind völlig zerstört. Eigentlich müsste jeder Athlet, der sich betrogen fühlt, eine Anzeige stellen. Aber das macht ja keiner.

Der britische Leichtathletikverband will alle Weltrekorde löschen lassen, um einen Neuanfang zu ermöglichen. Das hat der damalige DLV-Präsident Helmut Digel schon vor der Jahrtausendwende gefordert. Was halten Sie davon?
Harting: Historische Rekorde, dann neu anfangen, das wäre korrekt gewesen. Ich verstehe nicht, warum das nicht geklappt hat. Ich wäre auf jeden Fall dafür.

Obwohl Rekorde auch als Mahnmal einer unrühmlichen Dopingära verstanden werden können?
Harting: Es sollte nichts reingewaschen werden, in dem Sinne, dass es nicht stattgefunden hätte. Aber die ständige Spiegelung mit der Vergangenheit für die heranwachsenden Athleten würde wegfallen. Und bei Weltmeisterschaften würde man nicht immer von damals reden.

Motto durchatmen, neu anfangen - welche positiven Effekte sähen Sie noch, außer dass Robert Harting auch zum Weltrekordler werden könnte?
Harting: Es würde den Zustand der Leichtathletik verändern. Man könnte das übrigens mit einem einfachen Kunstgriff hinkriegen. Indem man zum Beispiel festlegt, dass der Diskus ab sofort 2001 Gramm wiegen muss statt bisher 2000. Schon hätte man neue Listen. Mit dem Löschen der Rekorde würde Sébastien Coe ein eindeutiges Zeichen setzen.

  (Berthold Mertes)