Mit Kompass und Karte

Das G-A-Team testet den Orientierungslauf

Unser G-A-Team testet Sportarten in Bonn und der Region. Dieses Mal haben wir Volontär Laszlo die Sportart Orientierungslauf beim Skiclub Bonn ausprobieren lassen.

Unser G-A-Team testet Sportarten in Bonn und der Region. Dieses Mal haben wir Volontär Laszlo die Sportart Orientierungslauf beim Skiclub Bonn ausprobieren lassen.

Bonn. Das G-A-Team testet Sportarten in Bonn und der Region. Dieses Mal haben wir Volontär Laszlo die Sportart Orientierungslauf beim Skiclub Bonn ausprobieren lassen.

Sperrig, fast schon bedrohlich wirkt der Brombeerbusch, der am Waldrand am Bonner Kreuzberg wuchert. „Da müssen wir durch“, sagt Virginia Koch und springt mit Anlauf in den Busch, als wäre es ein Haufen Watte. Ich taste mich langsam vor.

Für das G-A-Team tausche ich heute Hemd und Schnürschuhe gegen Trikot, kurze Hose – gar nicht mal so eine gute Idee, wie ich später feststellen werde – und Laufschuhe. Ich versuche mich beim Skiclub Bonn im Orientierungslauf. „Wir fangen langsam an, du läufst erst einmal mit Virginia zusammen“, sagt der 50-jährige Ralf Wittiber, 2. Vorsitzender und Sportwart Nordisch des Clubs. Er drückt mir Kompass und Karte in die Hand und erklärt mir das Prozedere: Es gilt, in festgelegter Reihenfolge mehrere Stationen abzulaufen. Die können sich auf dem Waldboden oder aber im Dickicht befinden.

Google-Maps hilft hier nicht weiter

Wir laufen also los, und ich stelle schnell fest: Hier hilft mir heute keine Google-Maps-Karte. Schneller als gedacht blicke ich verwirrt in alle Richtungen und bin glücklich, mit Virginia einen echten Profi an meiner Seite zu haben. Die gebürtige Litauerin betreibt den Sport schon seit vielen Jahren, war früher Skilangläuferin. „Das Schöne ist, dass man beim Orientierungslauf auch geistig gefordert wird. Es ist wie ein Puzzle. Erst wenn alle Stationen beisammen sind, ist das Puzzle komplett“, so die 32-Jährige.

In ihrem Heimatland genieße der Sport eine Art Kultstatus. Das ist hier anders. „Es ist tatsächlich so, dass der Orientierungslauf in Deutschland nicht sehr populär ist. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass es bei uns sehr schwer ist, Genehmigungen für Wettbewerbe im Wald zu bekommen“, erklärt Wittiber, der schon seit gut 40 Jahren als Orientierungsläufer unterwegs ist – und dem einfaches Laufen zu langweilig war. Er sei erst durch den Orientierungslauf zum Laufsport gekommen, denn den brauche man als Grundlage.

Die ersten Stationen

Zurück auf die Strecke: Die ersten Stationen haben wir – na gut, eigentlich Koch plus Anhängsel – schnell erreicht, da steht sie plötzlich vor uns: eine riesige Ansammlung von Brennnesseln. Warum fallen mir ausgerechnet jetzt die Worte einer Orientierungsläuferin ein, die uns vor wenigen Metern entgegen kam? „Kurze Hose?“, rief sie mir trocken zu. „Mutig!“ Alles halb so wild, Brennnesseln sind ja schließlich gut für die Haut, denke ich noch. Mit leicht brennenden Knien kommen wir schließlich wieder am Startpunkt an. „Fürs Erste echt gar nicht schlecht“, sagt Koch. Jetzt habe ich Blut geleckt und bin bereit für die nächste Runde. „Dieses Mal aber alleine“, sagt Wittiber, der als Data-Scientist in der Airline-Industrie arbeitet. Selbstverständlich eine andere Strecke. Nach gefühlt zehn Metern bleibe ich zum ersten Mal stehen, um meine Karte und meinen Kompass neu aneinander anzupassen.

 

Trotzdem fällt es mir schwer, den richtigen Weg zum ersten Punkt zu finden. Eine kleine Legende, auf der die Stationen beschrieben sind, soll helfen – mir als absolutem Neuling aber leider weniger. Ich sehe mich schon im Wald übernachten, als plötzlich Wittiber hinter mir steht. Erlösung und Erleichterung lagen selten so nah beieinander: Hatte ich doch im ersten Moment ein Wildschwein hinter mir vermutet, dem ich als Möchtegern-Orientierungsläufer den Weg versperre.

Die wilden Tiere des Waldes

„Keine Angst, die sieht man sehr selten“, beruhigt mich Wittiber. Rehe begegnen den Läufern hingegen immer mal wieder. Und Jäger? „Das kann schon einmal passieren, dass sich ein Jäger von uns in seinem Jagdrevier gestört fühlt“, erklärt Wittiber. Mit ihm im Rücken und dem einen oder anderen Tipp schaffe ich es schließlich auch im zweiten Durchgang wieder zurück an den Start. Ich nehme erst einmal einen großen Schluck aus meiner Trinkflasche und atme tief durch. Das ständige Auf und Ab, über Baumstämme klettern, unter Ästen hindurch ducken und durch Brennnesseln hüpfen – das alles schlaucht spürbar.

An ein Trainingsende ist aber noch lange nicht zu denken: „Wir haben uns natürlich noch eine schöne Challenge für dich ausgedacht“, sagt Wittiber und deutet in Richtung der Bäume, die sich an der Straße am Kreuzberg aufreihen. „Da es in unserem Sport sehr wichtig ist, Entfernungen richtig abschätzen zu können, läufst du jetzt von hier genau bis zu dem Baum, der 100 Meter entfernt ist.“ Selbstsicher erzähle ich von meiner Vergangenheit als Leichtathlet, der 100 Meter leicht abschätzen könne.

100 Meter Entfernung schätzen

Ich laufe also los und bleibe nach 100 Metern am Baum stehen – denke ich zumindest. Dann läuft Wittiber los, bleibt aber – mir vollkommen unverständlich – nicht an meinem Baum stehen, sondern läuft noch gute 30 bis 40 Meter weiter. Ich habe also nicht nur in meiner Challenge gnadenlos versagt, sondern hätte auch lieber nicht so mit meiner sportlichen Vorgeschichte prahlen sollen. Wittibers 13-jähriger Sohn Arvid kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er hat die 100 Meter richtig geschätzt. Dann gibt er aber zu: „Ich hatte ein Schrittmaß dabei.“ Immerhin.

Am Ende eines anstrengenden, aber spaßigen Abends steige ich ins Auto und mache mich auf den Heimweg. Google Maps navigiert mich nach Hause. Wenn ich den Abend so Revue passieren lasse: Eigentlich traurig – denn mit Karte, Kompass und etwas Nachdenken geht es mindestens genau so gut.