Kommentar zum Sommermärchen

Nur noch grau

Das Präsidium des Organisationskomitees für die Fußball-WM 2006 (l-r): Horst R. Schmidt, Theo Zwanziger, Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach.

Das Präsidium des Organisationskomitees für die Fußball-WM 2006 (l-r): Horst R. Schmidt, Theo Zwanziger, Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach.

Bonn. Das Sommermärchen kommt vor Gericht. Nach jahrelangen Ermittlungen erhebt die Schweizer Bundesanwaltschaft Anklage gegen die ehemaligen DFB-Topleute Niersbach, Zwanziger und Schmidt. Eine Entscheidung steht aus. Der Verdacht bleibt, kommentiert Tanja Schneider.

Es ist längst Herbst geworden. Das Sommermärchen ist im Grau versunken. Und die bisher ungeschoren gebliebenen Protagonisten des Skandals um die Fußball-WM von 2006 in Deutschland haben vermutlich gehofft, dass es genau dort auch bleibt. Im Grau. Bis zur Verjährung.

Auf der Zielgeraden hat die Schweizer Bundesanwaltschaft die Sommermärchen-Macher nun aber eingeholt und will sie in einem Prozess im Schnelldurchgang noch abfangen. Im November 2015 war das Verfahren eröffnet worden, spätestens im April 2020 soll ein Urteil fallen. Recht so.

Es geht konkret um 6,7 Millionen Euro, die 2005 vom deutschen WM-Organisationskomitee über den Weltverband Fifa mutmaßlich an den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus überwiesen wurden – und die dann „irgendwie“ zum früheren Fifa-Skandalfunktionär Mohamed bin Hammam nach Katar gelangten. Die Zahlung wurde vom DFB als Beitrag zum WM-Kulturprogramm deklariert. Eine Verschleierung, die sich zusätzlich steuermindernd auswirkte. Die deutsche Staatsanwaltschaft ermittelt. Das Frankfurter Landgericht verzichtete auf die Eröffnung des Hauptverfahrens, die Staatsanwaltschaft legte Rechtsmittel ein. Eine Entscheidung steht aus. Der Verdacht bleibt.

Niemand ist im Laufe der Jahre wirklich ungeschoren geblieben. Die schwerwiegenden Vorwürfe und Enthüllungen von schwarzen Kassen, Hinterzimmer-Diplomatie, Gemauschel und Korruption haben ihre Spuren hinterlassen. Sie haben in der Zwischenzeit die gesamte Verbandsspitze aus dem Amt gefegt und die Lichtgestalt des deutschen Fußballs nicht nur viele Lux gekostet. Heute ist Franz Beckenbauer so krank, dass das Verfahren gegen ihn abgetrennt wurde. Mit ihm wäre das nötige Eiltempo nicht möglich, denn der ehemalige OK-Chef ist nicht in der Lage, vor Gericht auszusagen.

Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger und Ex-Generalsekretär Horst R. Schmidt schießen scharf gegen die Schweizer Bundesanwaltschaft und betonen weiter ihre Unschuld. Auch beim Fan und zahlenden Zuschauer hat die Affäre ihre Spuren hinterlassen – inzwischen als nur noch eines von vielen Beispielen für die opportunistische Berufsethik von Sportfunktionären.

Es mag naiv sein: Aber wer nichts zu befürchten hat, der kann froh sein, wenn ein Gericht seine Unschuld bestätigt – und damit viel Ballast abwerfen. Am Ende wird es eine Entscheidung geben. Und dann haben die Schweizer Behörden Zeit, sich ähnlich akribisch um ihre Eidgenossen und (Ex-)Fifa-Bosse Sepp Blatter und Gianni Infantino zu kümmern.