Fußball-Nationalmannschaft

Gomez spielt von Beginn an

Die Rückkehr von Mario Gomez (rechts) in die Startelf gegen England hat Bundestrainer Joachim Löw angekündigt. FOTO: DPA

Die Rückkehr von Mario Gomez (rechts) in die Startelf gegen England hat Bundestrainer Joachim Löw angekündigt. FOTO: DPA

26.03.2016 Berlin. Bundestrainer Joachim Löw hat vor den Länderspielen gegen England und Italien einige Baustellen in der Mannschaft.

Ob rund um den Ostbahnhof oder auf dem Hackeschen Markt, ob nahe der Siegessäule oder an vielen anderen Orten Berlins – Baustellen prägen das Bild der Hauptstadt wie die Bulette und die Currywurst den kulinarischen Geschmack der Berliner. Die 3,5-Millionen-Einwohner-Metropole wächst und wächst. Eine Stadt in Bewegung, rauschend, immer bereit für neue Abenteuer. Kein Wunder also, dass sich Joachim Löw, ganz Weltmann, dort äußerst wohl fühlt. Daher schlug er auch einige Stunden vor dem eigentlichen Treffpunkt der Fußball-Nationalmannschaft am vergangenen Dienstag in Berlin auf. In der pulsierenden Betriebsamkeit rund um den Potsdamer Platz, heißt es, fühlt er sich besonders wohl. Er hat dort eine Wohnung.

Viel zu sehen von seiner Zweitheimat bekommt der Bundestrainer in diesen Tagen allerdings nicht, nicht mal die Baustellen. Der Chefplaner, der die deutsche Auswahl im Sommer zum EM-Titel führen soll, könnte sich aber mit dem Gedanken trösten, dass er selbst für eine der größten Baustellen der gesamten Nation verantwortlich ist. Gerade sieht es so aus, als müsse der Badener wieder einmal eine architektonische Glanzleistung vollbringen, um bei der „Tour de France“ im Sommer möglichst sieben Etappen unbeschadet zu überstehen. Dass es durchaus möglich ist, einen angeschlagenen Kader auf den Punkt genau auf höchstes Niveau zu heben, hat er mit dem WM-Titelgewinn vor zwei Jahren in Brasilien deutlich gemacht.

Damals hat er sich einer Art Häutung unterzogen, hat alte Vorstellungen zugunsten neuer gekippt. Er hat sich losgelöst von seiner strikt stilbewusst geprägten Anschauung und einen gewissen Pragmatismus in seinem Weltbild verankert. Er hatte damit Erfolg. Nutznießer dieser neuen Löwschen Haltung ist auch und besonders Mario Gomez. Der kantige Stürmer galt unter Löw schon als Auslaufmodell. Eine Spielberechtigung für die WM 2014 bekam der frühere Bayern-Star jedenfalls nicht erteilt. Er passte, ebenso wie der Leverkusener Stefan Kießling, nicht in das Idealbild des Trainers von einem dieser polyvalenten, kultivierten Fußpfleger, die Tore schießen und sich auf keine Position festlegen lassen.

Nun steht der Strafraumstürmer Gomez wieder höher im Kurs. 19 Treffer hat er in dieser Saison für den türkischen Spitzenclub Besiktas Istanbul erzielt, die meisten der Liga. Das Selbstvertrauen bei Gomez, den mitunter eine gewisse Verzagtheit umweht, scheint zurück. Löw hat das registriert und ihm einen Einsatz im Testspiel an diesem Samstag (20.45 Uhr/live im ZDF) gegen England quasi zugesagt. „Mario hat spürbar sehr viel mehr Selbstbewusstsein“, sagte der Bundestrainer vor dem Klassiker gegen den Weltmeister von 1966. „Das merkt man in jeder Trainingseinheit, in all seinen Bewegungen, seiner Körpersprache. Ich plane morgen von Beginn an mit ihm.“ Dabei liegt die Korrektur im Konstrukt für Architekt Löw nahe. Seine Final-Helden Mario Götze und André Schürrle erwecken in ihren Vereinen nicht gerade den Eindruck titeltauglicher Entschlossenheit. Schürrles Motor läuft in Wolfsburg nicht eben hochtourig. Zu selten zeigt er, was er unter der Haube hat. Mal glänzt er, um sich dann wieder eine Zeit lang zu ducken.

Und Götze, der Hochbegabte? Sein Trainer in München, Pep Guardiola, verfrachtet ihn nach seiner Verletzung zunehmend aufs Abstellgleis. Vielleicht tun ihm ja nun die Löwschen Streicheleinheiten gut. Götze darf sich, wie Gomez, auf einen Einsatz in der Startelf freuen – im Testspiel am kommenden Dienstag (20.45 Uhr) gegen Italien. Er habe mit Götze, berichtete Löw am Freitag in Berlin, ein ausführliches Gespräch über dessen Zukunft geführt. Das Thema Vereinswechsel bekam in diesem Rahmen einen Ehrenplatz. Es sei, meinte Löw, ein „zentrales Thema“ gewesen. Was genau besprochen wurde, ließ er aber im Ungewissen. Götzes Befindlichkeit, das wurde klar, ist für den Trainer von entscheidender Bedeutung. Er plant mit ihm – auch über die EM hinaus.

Vier Monate nach den grausamen Attentaten in Paris und dem abgesagten Länderspiel in Hannover hat Löw seine Eliteschüler wieder um sich geschart. Noch wirkt der 56-Jährige entspannt. Seinen Spielern aber rät er schon jetzt zu erhöhter Alarmbereitschaft. Für jeden, meinte er, seien die beiden Klassiker eine gute Bühne, sich für die EM zu empfehlen.

Die will auch der Kölner Jonas Hector nutzen, der gegen die Engländer erneut auf der linken Abwehrseite beginnen wird. Als defensiver Mittelfeldspieler, als der er mitunter im Verein aufgeboten wird, sei Hector jedoch „kein Thema“. Selbst wenn auf dieser Position DFB-Kapitän Bastian Schweinsteiger wegen eines Innenbandteilrisses im Knie die EM zu verpassen droht. Und wer wird ihn ersetzen, wenn es nicht klappt? Es gibt also einige Baustellen. Nicht nur in Berlin. (Guido Hain)