Auf dem Weg nach Rio

Folge 29: "Ein Fall für zwei"

19.02.2016 BERLIN. Auf dem Weg nach Rio, Folge 29: Lena Schöneborns Trainingstag beginnt fast täglich um 7.15 Uhr und endet gegen 21.30 Uhr. Viel Zeit für den Partner bleibt da nicht. Gut, dass Alexander Nobis auch Moderner Fünfkämpfer ist.

Ständig im Training, bei der Physiotherapie – oder auf Reisen. Jedenfalls fast immer unterwegs: So ein Spitzensportler ist nicht unbedingt ein Traumpartner. Auf keinen Fall für jemanden, der die traute Zweisamkeit sucht oder den Typ Couch-Potatoe, der ruhige Abende mit der Chipstüte vor dem Fernsehgerät liebt. „Meine vorherigen Beziehungen sind daran gescheitert“, sagt Lena Schöneborn. Inzwischen ist die Olympiasiegerin seit fünf Jahren mit Alexander Nobis zusammen. „Wir sind schon ein altes Ehepaar“, sagt Schöneborn.

Die beiden geben das Bild eines Traumpaars ab. Nicht nur im Blitzlichtgewitter beim Ball des Sports oder immer im Dezember, wenn Deutschlands Sportler des Jahres in Baden-Baden gekürt werden. Auch auf der Wettkampfbühne: Letztes Jahr im Juni belohnte Lena Schöneborn ihren Liebsten im Ziel seines wichtigsten Saisonwettkampfs mit einem Kuss.

Der 26-Jährige hatte seinen ersten WM-Titel gewonnen, Team-Gold im Modernen Fünfkampf, und sagte: „Das ist 'ne Hausnummer.“ Wohl wahr – und dennoch alles andere als schlagzeilenträchtig in einer Sportart, über die viele seit Schöneborns Olympia-Triumph von Peking 2008 immerhin wissen, dass schwimmen, fechten, reiten, schießen und laufen dazu gehören. Selbst auf Wikipedia hat der Weltmeister Nobis keinen Eintrag. So ist sie, die vom Fußball regierte Welt des Sports, in der die anderen WM-Titel viel weniger geschätzt werden.

Bewegung gehörte schon immer dazu

Ohne das Bild mit seiner ungleich prominenteren Lebensgefährtin wäre dem Sportsoldaten noch weniger öffentliche Wahrnehmung zuteil geworden. Doch um die PR-Bilanz geht es Lena Schöneborn und Alexander Nobis im Kern nicht. Kann es auch nicht angesichts der vielen Entbehrungen, die sie auf sich nehmen.

„Warum ich das mache, ist schwer zu erklären. Sicher ursächlich wegen es Bewegungsdrangs – aber vielleicht auch einfach, weil ich da reingewachsen bin“, sagt Schöneborn und erinnert an ihre Schulzeit: „In Bonn hatte ich damals auch schon immer weite Wege – zum Reiten auf den Rodderberg war ich zwei Stunden mit Fahrrad und Bahn unterwegs, um eine Stunde zu reiten. Danach ging es mit der Bahn zum Schwimmen in den Sportpark Nord.“ Dort wurde sie von ihrem Vater abgeholt.

Damals, mit 14, 15 Jahren, galt für sie schon das selbe wie heute. „Es ist eine Riesenbelastung. Ich würde das nie komplett alleine machen wollen.“ Was jeder versteht, der einen Blick auf den aktuellen Tagesablauf der Olympiakandidaten wirft.

Es ist ein Februar-Tag am Alexanderplatz, ziemlich genau ein halbes Jahr vor dem Tag X bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, für die Lena Schöneborn das Ticket als Weltmeisterin bereits gebucht hat. Die Wahl-Berlinerin, die ihrem Heimatverein SSF Bonn die Treue hält, spricht über ihren Alltag in der Hauptstadt: „Gestern Abend hatte ich Fechttraining in Marzahn. Auf dem Heimweg um halb zehn bin ich am Schwimmbad in der Landsberger Allee vorbeigekommen. Im Wissen, heute früh um 7.15 Uhr dort durch die Tür zum Training zu gehen.“

Zwischen Training und Arbeit bleibt wenig Zeit

Das Schwimmen hat sie gerade hinter sich, jetzt sitzen wir am Alexanderplatz zum Interview. Nicht, um den Blick auf den Fernsehturm zu genießen, sondern weil es für Schöneborn auf dem Weg zur Arbeit liegt. Eine Stunde Zeit hat sie, dann geht es ins Büro an den Hackeschen Höfen. Vier Stunden strengt sie ihren Grips – derzeit täglich – für eine Eventagentur an.

Danach weiter zum Olympiagelände. Dort steht zunächst Physiotherapie auf dem Plan, dann Schießen. Anschließend weiter nach Potsdam. Fechtlektion. „Wenn ich die Zeit berücksichtige, in der ich mich von Disziplin zu Disziplin bewege, finde ich es erschreckend, wieviel Netto-Trainingszeit bleibt“, findet die 29-Jährige. 21.30 Uhr, endlich Dienstschluss für diesen Tag, zurück nach Charlottenburg in die gemeinsame Wohnung.

Am nächsten Morgen der übliche Reflex, den sie als „aus dem Bett fallen, in die Bahn fallen, rüberfahren“ beschreibt – und täglich grüßt das Murmeltier. Diesmal geht es nach Hohenschönhausen. 8 Uhr, Combined-Training: Schießen, kombiniert mit Tempoläufen. Wieder ins Büro. Die 20 Arbeitsstunden pro Woche begreift sie als „Teil der Regeneration“. Nicht bloß, weil sie dabei „hier und da tatsächlich die Füße hochlegen“ kann, sondern „weil es mir den Druck nimmt, den Sport gefühlt zum Hobby macht, zum Ausgleich“.

Zumindest leichter ist es mit einem Partner, der ähnlich tickt. Der vergleichbare Ziele anstrebt und die Sorgen und Nöte eines Menschen kennt, der alle Energie auf ein alle vier Jahre wiederkehrendes Ereignis fokussiert. Und während langer Trainingslagerphasen als Gesprächspartner da ist. „Es ist eine Frage des Verständnisses“, findet Schöneborn: „Die komplette Urlaubs- und Alltagsplanung richtet sich nach dem Sport. Und wenn du erkältet bist, schläfst du auf dem Sofa.“ Zustände wie bei einem alten Ehepaar. (Berthold Mertes)