Interview mit Klosterhalfen-Trainer

„Leistung von Klosterhalfen hat Eindruck gemacht"

London. Nach dem WM-Halbfinal-Aus von Konstanze Klosterhalfen bei der Leichtathletik-WM spricht ihr Trainer Sebastian Weiß im Interview über den kometenhaften Aufstieg der Läuferin, das Ausscheiden und erklärt, warum der Trainerberuf ein Traumjob ist.

Herr Weiß, wie bilanzieren Sie die WM mit ein wenig Abstand?

Sebastian Weiß: Klar waren wir ein bisschen enttäuscht, dass „Koko“ nicht ins Finale gekommen ist. Aber sie ist mutig und couragiert gelaufen. Und ich bin sicher: Diese Erfahrung bringt sie einen weiteren Schritt nach vorn.

Ihre Taktik, die Flucht nach vorn – war sie letztlich falsch?

Weiß: Nein, diese Taktik liegt ihr und hätte auch im Normalfall für das Finale gereicht. Klar muss sie noch ein besseres Gefühl dafür entwickeln, wie hart sie antritt, am Ende hat dann etwas die Kraft gefehlt. Aber diese Unbefangenheit, diese Lust aufs Losrennen – das will ich ihr nicht nehmen. Wann kommt es schon mal vor, dass eine Deutsche bei einer WM mit 20 Metern Vorsprung vorneweg rennt. Das hat Eindruck gemacht. Schade, dass am Ende ein paar Zehntelsekunden zum Finaleinzug fehlten.

Sie sind gerade 32 Jahre alt geworden. Ihr Aufstieg als Trainer ist ebenso rasant wie der Ihrer Musterschülerin auf der Bahn. Fühlen Sie sich gelegentlich überfordert?

Weiß: Überfordert nicht. Ich traue mir den Job zu, auch in meiner neuen Rolle als Bundestrainer für die Frauen-Mittelstrecke. Es ist eine Herausforderung und ein Lernprozess, den ich mit Konstanze gleichzeitig bestritten habe. Und zugegebenermaßen ging das alles sehr schnell. Von Rio 2016 über das Hallen-EM-Silber in Belgrad und den U23-EM-Sieg bis jetzt in London.

Ist die Zeit zum Verarbeiten zu kurz?

Weiß: Manchmal, weil alles Schlag auf Schlag geht. Ich betreue bei Bayer Leverkusen ja noch 20 weitere Sportler, davon eine Handvoll Bundeskaderathleten. Für mich ist es gerade eine Findungsphase. Ich muss schauen, was ich leisten kann. Wo ich meine persönlichen Prioritäten und Grenzen setzen muss.

Wie viele Wochenstunden kommen da zusammen?

Weiß: Das habe ich noch nicht ausgerechnet. Ich habe einen 40-Stunden-Vertrag. Unter der Woche hat man ein wenig mehr Luft, aber mit Trainingslagern und Wochenendarbeit ist es wirklich viel. Auch viel Reiserei.

Sie betreuen Konstanze Klosterhalfen schon seit fünf Jahren. Wann haben Sie gemerkt, da reift eine Weltklasseathletin heran?

Weiß: Dass sie großes Talent hat, war uns recht früh bewusst. Dass es aber wirklich so weit geht, war vor etwa eineinhalb Jahren klar. Wir haben alles kontinuierlich aufgebaut, mit viel Geduld. Vor einem Jahr hat sie begonnen, die Früchte zu ernten für das, was sie weit vorher gesät hat. Es war ein Prozess, in dem sie gewachsen ist. Ich sehe sie ja quasi täglich beim Training und deshalb überrascht mich das alles nicht so sehr.

Gab es ein einschneidendes Ereignis?

Weiß: Als sie Ende 2015 Cross-Europameisterin in der Jugend geworden ist und die Werte aus der Leistungsdiagnostik bärenstark waren, war klar: Da kommt was. Und 2016, als sie mit ihrem tollen Sieg bei den Deutschen Meisterschaften im Erwachsenenalter angekommen ist, und das immer noch als Jugendliche.

Motto: Erst Deutschland, dann Europa, dann die Welt?

Weiß: Könnte man so sagen. In der Vorbereitung auf diese Saison war mir schon sehr schnell klar, dass es unter vier Minuten gehen kann.

Worin liegen Konstanzes Topqualitäten?

Weiß: Erstmal ist es ihre mentale Stärke im Wettkampf. Sie setzt um, was sie trainiert hat. Außerhalb des Platzes ist sie zurückhaltend, auf dem Platz dagegen null: Sie läuft einfach ganz befreit. Außerdem ist sie im Trainingsprozess sehr diszipliniert und ordnet dem Laufen alles unter.

Hatten Sie schon einmal Angst, dass der Aufstieg zu schnell geht?

Weiß: Angst nicht. Aber es ist klar, dass man sich ab und zu fragt: Muss das schon sein? Wir wollen ja noch Ziele haben.

Anders als beispielsweise 800-Meter-Läufer Nils Schumann, der mit 22 Jahren bereits Olympiasieger wurde und im Nachhinein erkannte, dass dies seiner weiteren Karriere hinderlich war.

Weiß: Ein langfristiger Aufbau ist sehr wichtig und wir wollen ja, dass Konstanze viele Jahre in der Weltspitze mitlaufen kann. Klar wollte sie bei der WM gut aussehen und das hat sie trotz des verpassten Finales auch geschafft. Aber sie hatte auch nichts zu verlieren, denn als souveräne U23-Europameisterin hatte sie ihr Saisonziel schon mit Auszeichnung erreicht. London war die Zugabe, ein Sahnehäubchen.

Rückschläge hat Konstanze noch nicht erlebt. Kann man sich dagegen wappnen?

Weiß: Egal, wie man sich darauf vorbereitet: Zu spüren bekommt man es erst, wenn es so weit ist. Und dann muss man sich da rausarbeiten. Dass es nicht so rasant mit den Bestzeiten weitergehen kann, ist doch klar.

Konstanze hat eine extrem hohe Eigenmotivation. Wie ist sie zu bremsen?

Weiß: Es ist sehr schwer, sie zu bremsen. Indem man ihr zum Beispiel beim ersten Höhentrainingslager – das war in Südafrika in diesem Frühjahr – ganz klar sagt: Da musst du vorsichtig rangehen. Wir können nicht Vollgas geben die ganze Zeit. Es geht darum, Ihr zu erklären, dass es auch vernünftig ist und für die Leistung wichtig, mal ruhiger zu machen und zu regenerieren.

Wie erklären Sie das?

Weiß: Indem ich ihr klarmache, dass es um ihr Wohl geht, dass ich sie im Endeffekt nicht bremsen möchte. Wir wollen ja, dass sie am Ende eine Topleistung bringt. Wir wollen, dass sie abräumt. Sie muss das Bremsen als etwas Positives und Wichtiges für die Leistung empfinden.

Versteht sie das immer?

Weiß: Nicht immer, aber wenn sie erstmal überzeugt ist, dann setzt sie das auch um. Im Nachhinein hat sie häufig gesagt: Das war genau richtig. Danke, dass wir es so gemacht haben.

Parallel zu Konstanzes Aufstieg kommt Ihrer zum Frauen-Bundestrainer. Bleibt da noch die Zeit, sich so intensiv wie notwendig um sie zu kümmern?

Weiß: Ein Vorteil der Konstellation: Sie ist in den DLV-Trainingslagern dabei, die ich leite. Da ist genug Zeit für sie. Und Leverkusen bleibt als Bundesstützpunkt ein wichtiger Standort. Derzeit suchen wir einen starken Jugendtrainer, um mich zu entlasten.

Konstanzes Erfolge erhöhen den Druck – nicht zuletzt durch Medien- und Sponsoreninteressen. Wie wird sie geschützt?

Weiß: Wichtig ist, dass sie sich auf das Training und ihre Wettkämpfe konzentrieren kann und nicht von anderen Dingen abgelenkt wird. Deshalb packen wir das genauso professionell wie den sportlichen Bereich an – mit einem Management-Puffer bei größeren Dingen.

Sie waren selbst Athlet. Wo liegen ihre persönlichen Rekorde?

Weiß: Ich bin, wie „Koko“, hauptsächlich 1500 Meter gelaufen, wenn auch in der zweiten Garde.

Und Ihre Bestzeiten?

Weiß: Über 800 Meter 1:52, über 1500 Meter 3:53 und über 5000 Meter 15:03 Minuten.

Über 5000 Meter war Konstanze schon schneller. Kommt sie auch an Ihre 1500-Meter-Marke heran?

Weiß: Hoffentlich nie. Im Ernst: Gerne natürlich. Aber das wäre noch ein sehr weiter Weg.

Was wären Sie geworden, wenn nicht Trainer?

Weiß: Management war auch mal so ein Ding, während des Sportstudiums habe ich in der Kölner Agentur Rosenbaum & Nagy für das Diabetes-Programm Deutschland gearbeitet. Da habe ich gemerkt, dass es mir liegt, beides zu vereinen, die Organisation und das Auf-dem-Platz-stehen, also nicht nur vor dem Rechner zu sitzen. Jetzt kann ich zudem meine Leidenschaft leben – deshalb ist Trainer mein Traumjob.

Sie kommen aus der Nähe Bremens, arbeiten in Leverkusen. Seit rund einem halben Jahr aber wohnen Sie in Bonn. Wie kam’s?

Weiß: Ich habe während meiner Studienzeit und danach in einer Kölner WG gewohnt. Irgendwann war die Zeit reif, mit meiner Partnerin zusammenzuziehen, die in Bonn arbeitet. Jetzt haben wir eine schöne Wohnung in Endenich und ich habe mir mein erstes Auto gekauft, um nach Leverkusen zu pendeln.

Was schätzen Sie an Bonn?

Weiß: Bonn ist eine sehr schöne Stadt mit toller Atmosphäre, Endenich mit der Kulturmeile gefällt mir sehr gut und die Nähe zum Siebengebirge macht Bonn sehr attraktiv. Eine gute Mischung aus Großstadt und Überschaubarkeit.