Wie die Humboldt-Stiftung das Ausländerstudium verstand: Der Schatten der Vergangenheit | GA-Bonn

Wie die Humboldt-Stiftung das Ausländerstudium verstand

Der Schatten der Vergangenheit

Bonn.  In der Jean-Paul-Straße in Bad Godesberg kommt heute die ganze Welt vorbei. Denn dort hat die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) ihren Sitz. Sie fördert im Jahr rund zweitausend Spitzenwissenschaftler aus aller Herren Länder mit stattlichen Deutschland-Stipendien, meist für einen einjährigen Forschungsaufenthalt.
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Sitz der Alexander von Humboldt-Stiftung: Die Jean-Paul-Straße in Bad Godesberg.
											Foto: Repro: GA

Sitz der Alexander von Humboldt-Stiftung: Die Jean-Paul-Straße in Bad Godesberg. Foto: Repro: GA

Die AvH ist so ein Magnet für die internationale Vernetzung des Wissenschaftsstandorts Deutschland. Zu diesem Zweck greift das Außenministerium der Stiftung finanziell unter die Arme.

Hinter der Neugründung der AvH in Bonn 1953 liegt eine fragliche Vorgeschichte, die bald nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg beginnt und mit dem Zusammenbruch des Nazireiches endet. Der Bonner Historiker Holger Impekoven beleuchtet diese Vergangenheit in seiner jetzt veröffentlichten Doktorarbeit.

Nach der Kriegsniederlage 1918 befürchteten die Universitäten im Reich eine "weitere Niederlage", so Impekoven: Beispielsweise hatte ein internationaler Zusammenschluss von Akademien der Wissenschaften beschlossen, Deutsche auf die nächsten zwanzig Jahre von seinen Konferenzen auszuschließen. Vor dem Krieg war Deutschland in den meisten akademischen Disziplinen die weltweit führende Wissenschaftsnation gewesen.

Dem Boykottaufruf suchte das Auswärtige Amt durch ein Stipendienprogramm für ausländische Studierende zu begegnen. Es wurde bewusst unter dem Schleier einer vermeintlich staatsfernen Stiftung im Namen des großen Naturforschers Humboldt (1769 - 1859) aufgelegt. Die amtliche Leitidee war zunächst die "geräuschlose Propaganda im Auslande". Im Zweiten Weltkrieg wurde daraus Propaganda für ein "Neues Europa" mit den vermeintlich unterworfenen Nachbarvölkern.

Von Anfang an wurde die Stiftung in deutschnationalem Geist geleitet und später im Sinne der Nazi-Ideologie "gleichgeschaltet". Bewerber wurden hinfort danach ausgesucht, ob sie "rassisch tragbar" oder "erwünscht" waren wie zum Beispiel Flamen im Westen oder Balten im Osten.

Gute Karten hatten auch traditionell deutschfreundliche Bulgaren sowie Araber aus den Kolonien des Kriegsgegners England. Unter den studentischen Bewerbern gab es begeisterte "Ideologietouristen", aber auch andere, die hauptsächlich aus fachlichen Gründen kamen und gegenüber der Politik kritisch blieben.

Der politische Ehrgeiz, fremde Eliten von morgen über das Studium an Deutschland zu binden, spiegelt sich nicht zuletzt in den Stipendienzahlen. Vor der Machtergreifung Hitlers lud die AvH höchstens hundert Stipendiaten im Jahr ein, nachher bis zu zehn Mal soviel (1941/42), bei einer Gesamtzahl aller Studierenden im Reich von höchstens 100 000.

Prozentual liegt die Zahl der Auslandsstipendiaten heute (hauptsächlich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst) nicht höher. Das Ausländerstudium ist neben Diplomatie und Handel nach wie vor ein wichtiges Instrument der Außenpolitik. Impekovens historische Untersuchung zeigt, wie die Hochschulen dabei zur Marionette wissenschaftsfremder Strippenzieher wurden.

 

Drei Fragen zur Humboldt-Stiftung unter Hitler

Die Fragen an Generalsekretär Enno Aufderheide.

Die druckfrische Bonner Doktorarbeit von Holger Impekoven über die Alexander von Humboldt-Stiftung und das Ausländerstudium 1925 - 1945 wurde von Ihrem Hause angeregt und unterstützt. Worin sehen Sie das Hauptergebnis der Untersuchung?

Enno Aufderheide: Die Studie ist eine große Rechercheleistung, da die meisten Quellen bei Bombenangriffen vernichtet wurden. Sie zeigt, wie die damalige Stiftung als Instrument der propagandistischen Ziele und schließlich auch des Rassenwahns der Nazis genutzt wurde.

Was lehrt uns dieser Rückblick heute?

Aufderheide: Er ist eine Mahnung, wachsam zu bleiben gegenüber allen Versuchen, selbst so positive Maßnahmen wie den wissenschaftlichen Austausch zu missbrauchen.

Hat die Vergangenheit trotz aller Gefährdungen und "Sündenfälle" für Sie auch einen optimistischen Aspekt?

Aufderheide: Dass man das Deutschlandbild der Stipendiaten nicht manipulieren kann. Nicht wenige kehrten desillusioniert zurück und waren gewiss nicht zu Freunden der Nazis geworden. Erst nach dem Krieg wurden sie zu Brückenbauern für das demokratische Deutschland.

 

Holger Impekoven: Die Alexander von Humboldt-Stiftung und das Ausländerstudium in Deutschland 1925-1945.Von der »geräuschlosen Propaganda« zur Ausbildung der »geistigen Wehr« des »Neuen Europa«, V&R unipress, Göttingen 2012, 522 Seiten, 64,90 Euro.

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