Theater in Pech

Ersatzmann ist ein Glücksgriff

Stadthauptmann Skwosnik droht die Situation zu entgleiten. Derweil bändelt Chlestakow gleichzeitig mit seiner Frau und Tochter an.

Stadthauptmann Skwosnik droht die Situation zu entgleiten. Derweil bändelt Chlestakow gleichzeitig mit seiner Frau und Tochter an.

Wachtberg-Pech. Premiere im Theaterkeller stand vor einer Absage, weil der Hauptdarsteller für Gogols „Der Revisor“ erkrankte. Russische Komödie ist das Pendant zu "Der zerbrochene Krug".

Viele echte Komödien, die weder Schwank noch Satire sind, findet man nicht in der Theaterliteratur. Was die Frequenz der Aufführungen angeht, ist „Der Revisor“ von Nikolai Gogol das russische Pendant zu Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“: Kaum eine andere russische Komödie wird so oft gespielt, und jetzt ist sie auch im Theaterkeller Chateau Pech zu sehen, das damit sein 20-jähriges Bestehen feiert. Am Freitagabend war Premiere.

Es geht um eine Kleinstadt irgendwo in Russland, in der es die Menschen alle nicht so genau nehmen mit Recht und Gesetz: Im Hospital spart man sich den Einsatz teurer Medikamente, ob Menschen genesen oder sterben ist Sache des Schicksals. Alle sind irgendwie bestechlich, allen voran der Kreisrichter, und Stadthauptmann Anton Antonowitsch Skwosnik-Dmuchanowski, gespielt von Peter Meurer, missbraucht seine Amtsmacht nach Belieben. Als die Postmeisterin, die gerne Postsendungen liest – „Nichts geht mir über eine hübsche kleine Neuigkeit“ –, die Information erhält, dass ein Revisor aus Sankt Petersburg inkognito auf dem Weg in die Stadt ist, werden alle unruhig.

Im Wirtshaus fällt bald ein eloquent und gebildet auftretender Mann auf, der sich weigert, die Zeche zu zahlen, und alle sind sich einig: Das muss der Revisor sein. Sofort wird dieser Iwan Alexandrowitsch Chlestakow von allen hofiert, man zeigt sich von der besten Seite und freut sich, dass der Mann Geldspenden gegenüber nicht abgeneigt ist. Chlestakow zahlt eigentlich nur deshalb nicht, weil er all sein Geld verspielt hat. Bald stellt er fest: Die Rolle, die man ihm andichtet, ist lukrativ, also spielt er mit.

Nach zwei ernsten Stücken wollte Regisseurin Gundula Schroeder, die die Frau des Stadthauptmanns spielt, mal wieder eine Komödie auf die Kellerbühne bringen. Und „Der Revisor“ ist nicht nur amüsant, sondern auch nachdenkenswert, sagte zu Beginn Theaterchef Traugott Scholz: „Heute ist die Welt nicht viel besser geworden.“ An den Premiere-tagen am Freitag und Samstag wurde die Aufführung live von Violinist Konstantin Gockel und Akkordeonspieler Jakob Schkolnik begleitet.

Dass die Premiere überhaupt zustande kam, ist Hauptdarsteller Johnny H. Younès zu verdanken. Er war für die Rolle des Chlestakow ursprünglich gar nicht vorgesehen, aber Clint Christian Staak musste vier Wochen vor der ersten Aufführung aufgrund eines Trauerfalls in der Familie absagen. Younès sprang ein, eignete sich die Rolle in kürzester Zeit an und erwies sich als Glücksgriff. Er überzeugt vollkommen als wortgewandter Hochstapler, der den Kleinstädtern den Kopf verdreht, und veredelt das gute Ensemble. Er wird den Chlestakow in allen Aufführungen darstellen. Bei weiteren Terminen übernimmt Staack möglicherweise. Aber nicht nur wegen Younès lohnt sich der Besuch des Theaters, das die Kulturlandschaft seit 20 Jahren so bereichert.