Unterwegs in Essig

"Wir sind eine lustige Dorfgemeinschaft"

SWISTTAL-ESSIG. Die ersten Sonnenstrahlen erstrecken sich über die Häuser und ihre Gärten. Ein Mann verteilt mit einer Sackkarre ausgerüstet Werbung, während eine Frau mit ihrem Hund spazieren geht. Ruhig, beschaulich und fast ein wenig verschlafen wirkt Essig, der kleinste der insgesamt zehn Ortsteile der Swisttaler Gemeinde.

Selbst einen Einkaufsmarkt, Bäcker, Arzt oder gar eine Kneipe sucht man in dem 430-Seelendorf, das sich in den vergangenen Jahren kaum einem Wandel unterzogen hat, vergebens.

Doch das kleine Örtchen, das im Jahr 1969 eingemeindet wurde, liegt direkt an den Bundesstraßen B 266 sowie B 56 und verfügt somit über eine ausgezeichnete Verkehrsanbindung. Schnell gelangt man auch zu Fuß an den Bahnhof in Odendorf.

"Wir haben hier viel Ruhe, kommen aber überall hervorragend hin", berichtet Ortsvorsteher Michael Bienentreu, mit dem es einmal kreuz und quer durch die Straßen Essigs geht.

Über enge Straßen vorbei an umgebauten alten Höfen die voller Geschichte stecken, führt die erste Station zum Mittelpunkt des Essiger Dorflebens: dem Josef-Bienentreu-Haus, benannt nach dem ehemaligen Ortsvorsteher und Vater Michael Bienentreus.

Schnell merkt man, dass der erste Eindruck des "ruhigen" Örtchens täuscht. Denn auf dem großzügigen Areal samt Spielplatz finden das ganze Jahr über große Feste, Benefizkonzerte, Treffen und unterschiedliche Turniere statt. "Hier ist immer etwas los. Die Veranstaltungen des Bürgervereins Essig ziehen besonders viele Besucher von außerhalb an", gibt Ortsvorsteher Bienentreu stolz zu Protokoll.

Aber auch der lebendige Adventskalender, Karnevalsumzug und Garagenflohmarkt sorgen immer wieder für jede Menge Trubel im Ort. "Wir sind hier eine lustige Dorfgemeinschaft. Wenn es hart auf hart kommt, halten wir immer zusammen", so Bienentreu, während er einem Fußgänger zuwinkt - man kennt sich halt.

Essig ist aber auch ein Ort voller Historie. Und so verweist auf dem Dach des Wohnhauses der Familie Brauweiler in der Sternstraße heute noch eine Windfahne mit einem siebenstrahligen Stern (dem späteren Ortswappen) auf die ehemalige Klosteranlage "Marienstern".

Auch der frühere Ortsname "Kloster Essig" und die heutigen Straßennamen "Sternstraße" und "Klosterstraße" erinnern daran. Von der Klosteranlage, deren Gründung sich auf das Jahr 1432 zurückführen lässt und die nach der Besetzung des Rheinlandes durch französische Truppen 1802 ihr Ende fand, ist heute nur noch wenig erhalten. Die alte Klosterpartie an der heutigen B56 und die dahinter liegende Scheune an der Sternstraße zerfallen inzwischen völlig. Der Grund: Die unter Denkmalschutz stehenden Gebäudeteile finden keinen Abnehmer.

"Man müsste einfach zu viel Geld investieren. Und dann ist man noch an Auflagen gebunden. Das schreckt sicher ab", mutmaßt Bienentreu.

Die Sternstraße wieder aufwärts herrscht in der Baumschule von Johannes Brauweiler viel Trubel. Man nutzt das gute Wetter aus. Auf rund 16 Hektar baut Brauweiler hauptsächlich Ziergehölze für den Außenbereich an, und er lockt so viele Kunden von außerhalb in den Ort. "Für uns ist die Lage einfach perfekt", so der Inhaber, der einen großen Teil der ehemaligen Klosteranlage aus Familienbesitz geerbt hat.

Gegenüber der Baumschule brennt im Heiligenhäuschen vor der Heiligen Maria eine Kerze. Einst war der Wegestock eine Station der insgesamt sieben Fußfälle des Ortes. Regelmäßig wird das Backsteinhäuschen von dem Ehepaar Schneider gepflegt. "Das machen die beiden sehr liebevoll", lobt Bienentreu, dem die Denkmäler des Ortes selbst sehr am Herzen liegen.

Doch auch das Haus mit der Nummer 27 in der Sternstraße ist dem Ortsvorsteher nicht egal. Denn die ehemalige Post ist in den vergangenen Jahren zu einem richtigen "Schandfleck" geworden: Zerbrochene Fensterscheiben, ein noch zum Teil vorhandenes und inzwischen verwahrlostes Inventar sowie übriggebliebene Baumaterialien sind besonders für Kinder und Jugendliche gefährlich. "Hier wird gespielt und gekokelt. Aber auch vor Plünderungen wird nicht zurückgeschreckt", berichtet Bienentreu. Da sich das Gebäude jedoch in Privatbesitz befindet, könne man an der Situation nichts ändern.

Gegenüber des "Schandflecks" hat Essig aber auch ein wahres "Schmuckstück" zu bieten - den "Pütz". Einst zogen die Hauderer mit ihren Pferdefuhrwerken über die ehemalige Bundesstraße, die frühere Bonn Schleidener Bezirksstraße, und machten an dem ehemaligen öffentlichen Brunnen Rast. Heute ist die unter Denkmalschutz stehende rund vier Meter hohe Wasserpumpe jedoch nicht mehr in Funktion.

Ortsvorsteher Bienentreu muss aber noch eine letzte Besonderheit vorführen. Und so geht es zum Haus "Büser", das heute im Besitz der Familie Janoschka ist. Auf umgebautem Areal betreibt das Ehepaar die kleine Reitschule "Birkenhof", die vor allem Reiten für Behinderte anbietet. Und so gibt es zum Abschied ein lautes "Wiehern!".