Ein Jahrhundertleben

Sophie Freifrau von Boeselager wird 100 Jahre alt

SWISTTAL-HEIMERZHEIM. Sie hat zwei Weltkriege er- und überlebt. Kind im Kaiserreich, Jugendliche in der Weimarer Republik, junge Frau in der Nazi-Diktatur, Ehefrau und Mutter im demokratischen Deutschland - am Donnerstag wird Sophie Freifrau von Boeselager 100 Jahre alt.

Die "Chefin" der Heimerzheimer Boeselager-Familie ist trotz ihres hohen Alters immer noch fit. In ihrer Wohnung im Haupthaus der Burg kommt sie weitgehend alleine klar. Und das, obwohl sie gerade einen Beckenbruch überstanden hat. Tochter Dela unterstützt sie zurzeit.

Ihre Kindheit verbrachte die am 31. Oktober 1913 geborene Sophie in Eupen, das damals noch zum Deutschen Reich gehörte. Ihr Vater Levin Graf Wolff-Metternich war dort Bürgermeister. "Bei einem Luftalarm hat mich mein Vater in eine Decke gehüllt und in den Keller getragen", erinnert sie sich. Mit dem Versailler Vertrag ging Eupen-Malmedy an Belgien, so zog die Familie an den Stammsitz der Metternichs, Schloss Gracht bei Liblar.

In Liblar besuchte das Mädchen Sophie zunächst die Dorfschule, später schickten ihre Eltern sie in Internate in den Niederlanden, in der Schweiz und in England, wo sie Französisch und Englisch lernte. "Diese Sprachkenntnisse sind mir später bei Gesprächen mit Diplomaten und Freunden in Frankreich und England zugute gekommen", sagt die Jubilarin heute. Hauptwerke der französischen Literatur, aber auch Werke von Dostojewski und Tolstoi, zwei ihrer Lieblingsautoren, finden sich in ihrer Bibliothek.

1939 heiratete sie Hermann Freiherr von Boeselager. Schon bald sollte der Krieg die Familie auf eine harte Probe stellen. Weil seine Brüder Tonio, Georg und Wilderich im Krieg gefallen waren, musste der studierte Jurist Hermann von Boeselager 1942 die Landwirtschaft übernehmen. Über die Gräueltaten der Nazis klärten Sophie ihre Schwäger Georg und Philipp von Boeselager auf. Die beiden Offiziere waren an der Vorbereitung des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt.

Georg hatte ihr Monate vor dem Attentat im Euskirchener Lazarett von den Plänen erzählt. Sie durfte das aber nicht ihrem Mann weitersagen, um ihn nicht zu gefährden. Nach dem Krieg zog das junge Paar nach Gut Capellen bei Dünstekoven, wo die Kinder Marcus, Dela, Marion, Antonius, Lidvine und Hermann-Joseph zur Welt kamen. 1959 kehrte die Familie auf die Burg Heimerzheim zurück.

1960 begann das Ehepaar mit der Renovierung der Burg, an der zwei Weltkriege und die damit verbundene Unterbringung von Soldaten und Flüchtlingen deutliche Spuren hinterlassen hatten. Die Inneneinrichtung gestaltete Sophie von Boeselager nach eigenem Geschmack, so auch ihren gelben Salon mit altem Mobiliar und Porzellan.

Schon 1963 sollte der nächste Schicksalsschlag folgen. Am Steuer seines Wagens erlitt Hermann von Boeselager, gerade einmal 50 Jahre alt, einen tödlichen Herzinfarkt. "Durch die Kraft des Glaubens und die Hilfe meiner Familie habe ich das durchgestanden", blickt die Jubilarin zurück. Danach engagierte sie sich verstärkt im Krankendienst der Maltester und begleitete Krankenfahrten in den Wallfahrtsort Lourdes.

Sophie von Boeselager hatte gerne Gäste um sich. So lud sie beispielsweise Studenten zu Diskussionen mit dem späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und dem Deutsche-Bank-Chef Hermann-Josef Abs in die Burg. Zu den Gästen gehörten auch Franz Josef Strauß und Eugen Gerstenmeier. Ende der 1960er Jahre traf sich auch die Bundesregierung, die damals aus der Großen Koalition gebildet wurde, auf der Burg zu einer Tagung. Kanzler Kiesinger sowie Willy Brandt und Herbert Wehner begrüßte sie persönlich. Kiesinger schenkte ihr damals Aktenbände aus dem Auswärtigen Amt.

Die Freifrau verbringt heute ihre Tage mit kurzen Spaziergängen im Park der Burg und mit der Zeitungslektüre am Lesegerät, denn die Sehkraft lässt nach. Vor allem wünscht sie sich zum 100. Geburtstag noch eine "gute Zeit in Frieden, Eintracht und Gesundheit im Kreis der Familie und endlich Frieden auf der Welt".