Gespräch am Wochenende

Wolfgang Bittscheidt liest seine Gedichte in Rheinbach vor

Die Schauspielerin Anja Jazeschann liest in der Rheinbacher Gnadenkirche Gedichte aus der Feder des Lyrikers und Arztes Wolfgang Bittscheidt.

Die Schauspielerin Anja Jazeschann liest in der Rheinbacher Gnadenkirche Gedichte aus der Feder des Lyrikers und Arztes Wolfgang Bittscheidt.

Rheinbach. Der Arzt Wolfgang Bittscheidt aus Rheinbach über zeitgemäße Lyrik, die Lesung seiner Gedichte in Rheinbach und die Wirkung von geistigem Heilen.

In Zeiten von Kurzmitteilungen und Gefühlsausdrücken via Emoji geraten Gedichte zusehends ins Hintertreffen. Einen Abend lang rücken die Evangelische Gemeinde Rheinbach und der Verein „Rheinbach liest“ Gedichte und Volkslieder ins Rampenlicht. In der Gnadenkirche spielt das neue Rheinbacher Volksliedensemble Feinsliebchen in der Reihe „Musik in der Gnadenkirche“. Außerdem liest die Kölner Schauspielerin Anja Jazeschann Gedichte des Merzbacher Mediziners und Lyrikers Wolfgang Bittscheidt. GA-Redakteur Mario Quadt sprach mit dem 73-Jährigen.

Was inspiriert Sie, Ihre poetischen und zeitkritischen Gedanken in Lyrik auszudrücken?

Wolfgang Bittscheidt: Lyrik war für mich schon immer ein Bereich, bei dem ich genau hinschaute, wie Dichter auch ihre subtilsten Gefühlsfacetten in Worte kleiden. Beim Gedicht habe ich das viel öfter erlebt als bei einem Prosastück oder einem Roman, dass ich von der Kraft des Wortes mitgetragen wurde – manchmal auch mitgerissen. Für die Hochzeit meines Patenjungen habe ich 1994 ein Gedicht geschrieben – 24 Strophen. Als ich das am nächsten Tag las, war ich enorm betroffen. Es war mir, als hätte ich das noch nie gelesen. Nun hatte ich aber eine große orthopädische Praxis zu betreuen, mit 70 bis 80 Patienten am Tag, und eine Familie mit vier Kindern. Da blieb nicht viel Zeit.

Was hat Sie dann dazu bewogen, regelmäßig Gedichte zu schreiben?

Bittscheidt: Ich weiß nicht, warum ich 2013 doch angefangen habe. Ein alter Klassenkamerad, der bei uns immer als Philosoph galt, hat Gedichte von mir gelesen und gesagt: Die taugen was. Als ich 40 Gedichte zusammen hatte, wollte ich mal jemanden von der Literaturseite hören. Ich konnte aber schlecht zu einem Literaturprofessor gehen und ihn fragen, ob er sich mal meine Gedichte durchlesen könnte. So bin ich zu einem Autorentreffen von „Rheinbach liest“ gegangen und durfte feststellen, dass die Gedichte ankamen. Das hat mir Mut gemacht. Im Dezember 2017 hatte ich dann ein Buch mit 60 Gedichten unter dem Titel „Wohin es dich führt...“.

Wie entscheiden Sie, was Sie in Verse packen? Setzen Sie sich hin und reimen oder führen Sie eine Kladde mit sich, in die alles reinkommt?

Bittscheidt: Nein, eine Kladde reicht nicht. Dafür mache ich die Gedichte zu spontan. Manchmal denke ich: Darüber würde ich jetzt gerne ein Gedicht schreiben. Dann fange ich einfach an. Ein Beispiel: Am 1. Januar 2016 war ich am Laacher See. Da lag am Feiertagsmorgen über dem Wasser so ein silberner Flimmer. Es war faszinierend. Zu Hause habe ich dann „Der Vulkan“ geschrieben – was übrigens am Sonntag vorgetragen wird. Das ist aber eher die Ausnahme: Manchmal nehme ich mir einen Liedanfang, der mir gerade einfällt, wie „Geh' aus mein Herz und suche Freud'“ und dichte dazu einfach etwas. Das kommt dann wie von selbst. Das wusste ich nicht, dass ich das so schreiben wollte.

Sie sind Chirotherapeut und Arzt für Orthopädie. Zur Behandlung einer schweren, chronischen Erkrankung bei Ihnen selbst sind Sie auf das geistige Heilwesen gestoßen und beschäftigen sich seit 15 Jahren auch therapeutisch damit. Da wird mancher Schulmediziner gefragt haben: Warum tust du das?

Bittscheidt: Dass ich mich geistig-energetischen Heilweisen zuwandte vor etwa 15 Jahren, war schon sehr ungewöhnlich. Aber ich selbst hatte in den 90er Jahren auf diese Weise wesentliche Linderung erfahren und sah keinen Grund, mich nicht mit dieser Therapiemethode zu befassen und sie schließlich auch bei meinen Patienten anzuwenden. Dazu kommt, dass ich die geistig-energetischen Heilweisen für eine notwendige Ergänzung unserer modernen konventionellen Medizin hielt, eine Auffassung, die heute von vielen ‚Schulmedizinern‘ geteilt wird. Und schließlich können wir heute das Heilen aus der Kraft des Bewusstseins, das geistige Heilen, sicher zu 80 bis 90 Prozent naturwissenschaftlich erklären – mit den Möglichkeiten der modernsten Bewusstseinsforschung und ihrer quantenphysikalischen Grundlagen.

Sie haben oft mit Menschen zu tun, die mit lebensbedrohlichen Krankheiten zu Ihnen kommen. Ist die Kraft der Poesie ein adäquater Ausgleich zur therapeutischen Arbeit?

Bittscheidt: Das könnte sein. Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Sie kommen durch diese Arbeit mit mehr menschlichen Schicksalen in Berührung als vielleicht mancher normale Arzt. Deswegen kann es sein, dass man das weiter bearbeitet. Dass ich irgendeinen Satz beginne und dann schaue, wohin er führt. Und dann habe ich plötzlich so ein Lebensthema drauf. Das ist bei meinen Gedichten sehr oft drin: der Trost der Hoffnung, die Chance der Verwandlung und die Kraft der Liebe. Manchmal prangere ich auch das Brutale in der Welt an. Ich habe ein Gedicht „Über den Gallischen Krieg“ oder die „Glocken von Nagasaki“ geschrieben.

Es kostet Überwindung, sich bei Formaten wie der „Textprobe“ vor ein Publikum zu stellen und Einblicke in seine Gedankenwelt zu gewähren. Was mögen Sie an solchen Formaten?

Bittscheidt: Ich mag es, von anderen ihre neuen Stücke zu hören. Und manchmal liegt mir daran, eine spontane Stellungnahme zu einem meiner Gedichte zu hören.

Die Schauspielerin Anja Jazeschann wird am Sonntag Ihre Texte in der Gnadenkirche lesen. Sie haben sich jüngst in Köln getroffen. Wie fühlt es sich an, wenn eine professionelle Stimme gefühlvoll ausspricht, was Sie selbst ersonnen haben?

Bittscheidt: Es ist mir erst bewusst geworden, wie wichtig Betonungen sind. Wissen Sie, was sie macht: Anja Jazeschann setzt nur ein paar Betonungen – oder sie färbt einen Zeilenteil ein. Aber: Das hebt das Gedicht auf eine andere Ebene. Ich war ganz fasziniert. Ich hätte das gar nicht gedacht. Gerd Engel von „Reinbach liest“ hat mir gesagt: Die Schauspieler holen immer noch was heraus. Und das habe ich gesehen. Sie wird auch „Der Vulkan“ lesen. Da bin ich gespannt...

Der Eintritt zur Lesung „Wohin es dich führt“ am Sonntag, 13. Mai, ab 18 Uhr, in der Gnadenkirche Rheinbach ist kostenlos, Spenden werden jedoch erbeten. Der Erlös der Veranstaltung ist für die Leseförderung der Kirchengemeinde bestimmt. Das Buch „Wohin es dich führt“ ist erschienen bei Pro Business digital und kostet 9,80 Euro.