Fall Trudel Ulmen

Bruder Thomas Lenerz kritisiert die Polizei

Thomas Lenerz, der Bruder von Trudel Ulmen, mit einer Ausgabe des General-Anzeigers.

Bonn/Rheinbach. Nach der Aufklärung des Tötungsfalls Trudel Ulmen kritisiert ihr Bruder, Thomas Lenerz, die Polizei. Im Interview des General-Anzeigers bedankt er sich zwar ausdrücklich bei der Bonner Mordkommission, kritisiert aber auch die Arbeit der Ermittler vor 16 Jahren, die ihn stets wie eine lästige Nervensäge behandelt hätten.

Sie planen, die sterblichen Überreste Ihrer Schwester aus dem Bad Honnefer Grab für unbekannte Tote nach Mayen umzubetten. Was wird in Trudels Heimatstadt auf dem Stein stehen?
Thomas Lenerz: Das Geburtsdatum, das Sterbedatum und "Trudel". Auf keinen Fall "Ulmen".

Welche Gefühle sind da neben der Trauer?
Lenerz: Große Verwirrung. Erleichterung. Endlich Klarheit. Kein Hass. Aber ich hoffe inständig, dass er für lange Zeit weggesperrt wird.

Auch Sie haben Trudels Ehemann zunächst vertraut...
Lenerz: Das stimmt. Exakt bis zu der Sekunde, als er Monate nach ihrem spurlosen Verschwinden plötzlich mitteilte, meine Schwester habe ihn erneut angerufen, sie sei bei einer Freundin. Ich sagte: Gib mir die Telefonnummer dieser Freundin. Er weigerte sich mit der Begründung, die Trudel wolle das nicht. Da begann das Misstrauen.

Wie geht es Ihrer 84-jährigen Mutter?
Lenerz: Sie schottet sich ab. Sie hat schon seit Jahren einen Panzer aufgebaut, von dem sie sich wohl Schutz erhofft. Ihr tiefer Glaube an Gott hilft ihr. Mit ihm macht sie alles aus.

Erfährt Ihre Familie seelischen Beistand in diesen Tagen?
Lenerz: Da ist zunächst einmal der Weiße Ring, dessen Außenstelle Mayen/Koblenz. Das sind pensionierte Kriminalbeamte von hier, die haben uns übrigens schon im Vorfeld sehr geholfen. Und da ist seit Montag der Herr Schmitz von der Bonner Kripo, der ist eigens für solche Fälle psychologisch ausgebildet. Der kommt jeden Tag aus Bonn, wir unterhalten uns, über alles Mögliche, auch über andere Dinge, heute haben wir sogar mal kurz lachen müssen über etwas. Herr Schmitz ist ein wunderbarer Mensch. Er hätte uns auch einen Notfallseelsorger vermittelt, aber das haben wir abgelehnt. Wir wollen jetzt nicht noch mehr fremde Menschen um uns haben.

Manche Menschen fragen sich nun, warum sich die Familie in Mayen erst jetzt, nach 16 Jahren, um die Vermisste gekümmert habe.
Lenerz: Wir hatten doch nie eine Chance. Alles wurde abgeblockt. Ich habe damals wochenlang bei der Bonner Polizei angerufen, meine Schwester Lore sogar ein halbes Jahr lang fast täglich; am Anfang sogar mehrmals täglich. Wir hatten immer das Gefühl, wir gehen denen in Bonn auf die Nerven. Die Antwort war immer dieselbe: Ihre Schwester ist eine erwachsene Frau, sie hat das Recht, ihren Mann zu verlassen und ins Ausland zu gehen, da könne die Polizei gar nichts machen.

Fühlten Sie sich denn ernst genommen, als die Bonner Polizei die Ermittlungen nach 16 Jahren wieder aufgenommen hatte?
Lenerz: Ganz ehrlich: nein. Zunächst überhaupt nicht. Meine Schwester Lore hatte da schon keine Kraft mehr. Aber ich bin so ein Terrier, das war schon beim Fußball so. Die Berichterstattung im General-Anzeiger hatte meine Energien wieder geweckt. In den ersten Wochen bekam ich aber erneut das Gefühl vermittelt, ich sei nur lästig und nervig. Ich habe der Bonner Kripo einen dicken Aktenordner mit Dokumenten regelrecht aufnötigen müssen. Wenig später bekam ich ihn zurück mit dem Satz: Da steht ja nichts Interessantes drin. Wieder Wochen später wollte ihn die Polizei dann noch mal haben. Da war er offenbar plötzlich interessant. Man hatte sich wohl beim ersten Mal keine Kopien gemacht. Um fair zu bleiben: Die Mitglieder der dann gebildeten Mordkommission nehme ich ausdrücklich aus. Die waren auch menschlich in Ordnung. Man wurde mit Respekt behandelt. Das gilt auch für Kriminaldirektor Kernenbach, der uns die Nachricht überbrachte.

Sie leben in einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Wie sind dort die Reaktionen?
Lenerz: Da ist viel Mitgefühl und Verständnis. Heute rief die alte Frau Klee an, Trudels ehemalige Lehrerin. Sie sagte, was meine Schwester für ein wunderbarer und hilfsbereiter Mensch gewesen sei. Und dann sagte sie: mein armes Trudelchen. Mir blieb echt die Luft weg, als würde mir der Hals zugeschnürt.

In Mayen lebt die 86-jährige Mutter des Festgenommenen...
Lenerz: Ja. Eine sehr liebenswerte Frau, die immer sehr freundlich war und die Trudel echt gemocht hatte. Wie durch eine Fügung bin ich ihr in den vergangenen vier Monaten kein einziges Mal in der Stadt begegnet. Ein wenig fürchte ich mich vor diesem Moment.

Zur Person: Thomas Lenerz wurde 1965 in Mayen als jüngstes der Lenerz-Kinder geboren. Die Schulferien verbrachte er oft bei seiner zehn Jahre älteren Schwester Trudel und deren Ehemann in Rheinbach. Lenerz arbeitet im Jugendamt der Stadt Mayen, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Der ehemalige Rheinlandliga-Fußballer wurde als D-Jugendlicher des TuS Mayen massiv vom FC Bayern München umworben, aber der Vater lehnte ab. Später engagierte sich Lenerz 19 Jahre lang als Fußballtrainer, zuletzt bei der SpVgg Burgbrohl.