Interview mit Meckenheims Bürgermeister Bert Spilles

"Wir haben den Geschmack der Leute getroffen"

Schaut auf das vergangene Jahr zurück: Meckenheims Bürgermeister Bert Spilles. FOTO: AXEL VOGEL

Schaut auf das vergangene Jahr zurück: Meckenheims Bürgermeister Bert Spilles.

14.01.2016 Meckenheim. Jedes Jahr denkt man sich, es kann nicht intensiver werden, sagt der Meckenheimer Bürgermeister Bert Spilles. Doch dann steigert es sich noch. 2015 habe jedenfalls alles in den Schatten gestellt: Rathausplanung, Wasserschäden, Flüchtlingsunterbringung. Dennoch blickt Spilles optimistisch auf 2016. Mit ihm sprach Hans-Peter Fuß.

Sie haben beim Bleigießen zum Jahreswechsel 2014/15 der Stadt eine positive Entwicklung prognostiziert. Ist diese eingetroffen?
Bert Spilles: Ich denke schon. Obwohl 2015 uns schon einiges abverlangt hat. Wir haben eineinhalb Jahre Baustelle auf der Hauptstraße hinter uns. Die Resonanz der Geschäftsinhaber und aus der Bevölkerung ist positiv. Ich glaube, wir haben den Geschmack der Leute getroffen. Wir machen jetzt weiter von der Glockengasse inklusive Kirchparkplatz bis zum Obertorkreisel. Das wird bis zum Herbst fertig sein. Darüber hinaus bauen wir ein modernes, barrierefreies Rathaus und eine neue Jungholzhalle für 800 Besucher. Erfreulich ist, dass die Einwohnerzahl seit 2011 stetig ansteigt.

Welche Bedeutung wird der BioInnovationPark haben, den Sie mit Rheinbach, der Hochschule Bonn/Rhein-Sieg und der Uni Bonn im Campus Klein-Altendorf ins Leben gerufen haben?
Spilles: Er soll unsere Stärken wie den Obstbau und die Baumschulen mit Wissenschaft, Forschung und dazu passenden Unternehmen verbinden. Natürlich hoffen wir auch, dass sich später Firmen aus diesem Projekt in unserem Gewerbepark ansiedeln.

Welche Ziele wollen Sie Ende 2016 erreicht haben?
Spilles: Alles überragen wird das Thema Flüchtlinge und deren Integration. Wir freuen uns, wenn die Umbauarbeiten in der Hauptstraße abgeschlossen werden. Im Mai sollten die Wasserschäden in der Kita Sonnengarten behoben sein, so dass die Kinder aus dem Provisorium wieder ausziehen können. Die neue Kita im Verwaltungsgebäude Ruhrfeld wird am 1. Mai dreigruppig eröffnet. Im August kann die fünfgruppige Kita mit Familienzentrum im Baugebiet Merler Keil II bezogen werden.

Die Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge bindet Kräfte und Geld. Wie viele Mitarbeiter sind damit beschäftigt?
Spilles: Wir haben eine Stabsstelle eingerichtet, mit der viele Verwaltungsmitarbeiter zusammenarbeiten. Das kann man gar nicht exakt in Stellen beziffern. Wir haben bisher 420 Flüchtlinge untergebracht. 75 am Siebengebirgsring, 80 in der Fronhofhalle, viele in angemieteten Häusern. Im Februar kommt das Dorfhaus in Lüftelberg hinzu und kurzfristig vielleicht der Merler Saal. Mittelfristig werden wir am Altendorf-Ersdorfer Sportplatz Holzbauten für bis zu 60 Personen und auf der Werferwiese am Preuschoff-Stadion für bis zu 180 Personen aufstellen.

Mit wie vielen Flüchtlingen rechnen Sie 2016?
Spilles: Mit etwa 500. Ziel muss sein: Wohnen statt Unterbringen. Turnhallen können nur Provisorien sein. Wir bauen am Siebengebirgsring ein Haus für bis zu 80 Menschen. Es soll Ende 2016 fertig sein. Wir möchten die Flüchtlinge schnell über Sprachkurse integrieren. Bei der Koordinierung hilft ein Runder Tisch mit Vertretern der Caritas, der Diakonie, der Kirchen, der Stadt und Privatleuten. Ohne Ehrenamt geht es nicht. Aber auch das Engagement in der Verwaltung ist sehr hoch. Da wird nicht auf die Uhr geguckt, wenn ein Bus mit Flüchtlingen kommt, auch nicht am Wochenende.

Benötigen Sie zusätzliche Stellen?
Spilles: Wir benötigen noch einen Hausmeister, einen Sozialarbeiter und eine Stelle im Gebäudemanagement.

Sehen Sie die Gefahr, dass städtische oder dörfliche Strukturen zerstört werden, wenn Bürgerhäuser oder Sporthallen belegt werden?
Spilles: Die im Rat beschlossenen mittel- und langfristigen Baumaßnahmen sollen gerade verhindern, dass Hallen belegt werden. Wenn es überhaupt notwendig wird, dann zeitlich begrenzt. Wichtig ist besonders, dass die Flüchtlinge dezentral verteilt und nicht an den Stadtrand gedrängt werden.

Befürchten Sie, dass die Willkommenskultur irgendwann leidet?
Spilles: Ich sehe das nicht. Vielmehr erfahre ich eine positive Einstellung der Bevölkerung.

Unterstützen Sie Ihren Kollegen Stefan Raetz in seiner Forderung nach einer Obergrenze?
Spilles: Ich weiß nicht, wie das praktiziert werden soll. Ich erwarte eine gerechtere Verteilung im Bundesgebiet, nicht nur nach der Einwohnerzahl, sondern passend zur Infrastruktur. Wir müssen es schaffen, dass das Potenzial der Flüchtlinge zum Tragen kommt, sie müssen raus aus ihrer Perspektivlosigkeit. Was wir jetzt investieren in Unterricht, Sozialarbeiter und Ausbildung, wird sich auszahlen.

Wie ist der aktuelle Stand bei der Entwicklung neuer Wohngebiete?
Spilles: Die Sonnenseite ist mit 85 Wohneinheiten fertig, Auf dem Rott sind 15 Wohneinheiten entstanden. Im Gebiet Merler Keil II sollen 185 Wohneinheiten entstehen, davon sind 85 Prozent fertig. Auf dem Steinbüchel haben wir 95 Wohneinheiten. Es ist geplant, das Viethenkreuz in Altendorf-Ersdorf mit 55 Wohneinheiten zu bebauen.

Wie sieht es mit dem zweiten Bauabschnitt der Sonnenseite aus?
Spilles: Voraussetzung dazu ist zunächst der Bau der Umgehungsstraße L163n über die Bahnstrecke zwischen der L158 und der L163. Dazu führen wir seit Jahren langwierige Verhandlungen mit allen Beteiligten - Deutsche Bahn, dem Bund und dem Land. Uns sind dabei die Hände gebunden.

Wie läuft die aktuelle Erweiterung des Meckenheimer Industrieparks Kottenforst?
Spilles: Die Erweiterungsfläche umfasst 50 Hektar, die Netto-Gewerbefläche 23 Hektar. Die Grundstücke sind fast alle angekauft. Die Bauleitplanung läuft. Vorgesehen ist die Zufahrt über einen Kreisel auf der Meckenheimer Allee (L261). Wir müssen mit den Flächen verantwortungsvoll umgehen, denn es sind die letzten Gewerbeflächen in unserer Stadt für die nächsten Jahrzehnte.

Nach welchen Kriterien werden Sie die Firmen auswählen?
Spilles: Die Firmen müssen zu Meckenheim passen. Unser Leitmotiv "Gerne im Grünen leben und arbeiten" muss erkennbar sein. Wir werden uns zudem für Firmen entscheiden, die zusätzliche Arbeitsplätze schaffen und nicht nur Flächen versiegeln.

Wann wird die Unterführung am Bahnhof fertig sein?
Spilles: Ich hoffe, dass sich die Bahn an die Zusage hält und bis September alles fertig ist. Der Optimismus fällt mir allerdings schwer, denn bisher hat die Bahn sich bei diesem Projekt nicht mit Ruhm bekleckert.

Wie gefällt Ihnen die neue Altstadt?
Spilles: Sie hat wesentlich an Weite und Freundlichkeit gewonnen. Besonders die moderne und barrierefreie Gestaltung sorgt für eine neue Aufenthaltsqualität.

Wann steht das neue Rathaus?
Spilles: Nach dem Abriss der Jungholzhalle beginnen wir im Februar mit dem Neubau der Halle und des Rathauses. Im August sollte der Rohbau stehen und im Mai 2017 alles fertig sein. Das gesamte Projekt kostet 18,5 Millionen Euro, die wir über 30 Jahre in Form von Miete an den Investor abbezahlen. (Hans-Peter Fuß.)