Flüchtlingsfamilie in Alfter

Die Nachbarn aus Afghanistan

Die ehemalige Bürgermeisterin von Alfter, Bärbel Steinkemper, und ihr Mann Hans Günter.

ALFTER. Wenn die Kinder das Hotel Mama verlassen, wird das Haus still. Und zu groß. Ein Jahr nach dem Auszug des letzten ihrer drei Kinder ist bei Bärbel und Hans Günter Steinkemper wieder Leben eingekehrt: Sie haben umgeräumt und in ihrer Einliegerwohnung eine Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan aufgenommen.

Seit März leben sie mit ihr in ganz normaler Nachbarschaft. "Ich denke, es gibt viele Häuser, in denen man ohne großen Aufwand Wohnraum separieren könnte", meint Bärbel Steinkemper (68), von 1989 bis 2009 Bürgermeisterin der Gemeinde Alfter. Die Not der Verwaltung, geeignete Unterkünfte für Asylbewerber zu finden, ist ihr bekannt. "Das kenne ich von früher. Wenn der Strom anschwillt, ist auch Alfter betroffen." Dies führte letztlich zu einem Anruf beim zuständigen Fachbereich Sozialwesen im Rathaus in Oedekoven und einem Besichtigungstermin im Hause Steinkemper, wo die Familie seit 1980 lebt.

"Wir wohnen über drei Etagen. Das ist doch Blödsinn. Da können wir ja Versteck spielen", beschreibt Hans Günter Steinkemper (71) die Ausgangslage. Der Jurist, der zuletzt als Verwaltungsbeamter an der Deutschen Sporthochschule Köln tätig war, hatte mit seiner Frau das Haus neu aufgeteilt. Anfang Februar schlugen sie die freie Einliegerwohnung als mögliche Flüchtlingsunterkunft vor. Das Angebot nahm das Sozialamt, das in diesen Fällen der Mieter mit allen Rechten und Pflichten wird, gerne an.

"Wir waren mit dem Renovieren noch nicht ganz fertig, da waren sie schon da", berichtet Hans Günter Steinkemper über die schnelle Belegung. Nachdem der Gemeinde im März neue Asylbewerber angekündigt worden waren, quartierte das Sozialamt eine Familie mit zwei kleinen Kindern aus den beengten Wohnverhältnissen in Witterschlick um. Die Familie lebt schon länger in Deutschland und wird voraussichtlich auf Dauer hier leben, die Eltern sprechen relativ gut Deutsch.

"Mit Kindern ist es immer etwas lauter, aber das wissen wir ja von früher", meint Bärbel Steinkemper. "Wenn wir das anderen Leuten erzählt haben, wurde erst ein bisschen skeptisch geguckt", erzählt Hans Günter Steinkemper. "Wisst ihr, auf was ihr euch da einlasst?", war die häufigste Frage. In dem Fall verließ man sich vertrauensvoll auf die Gemeinde, und nach den guten Erfahrungen würden die Eheleute die Einliegerwohnung gegebenenfalls erneut anbieten. Auch die Kinder der Steinkempers unterstützen das Ganze: Wenn sie zu Besuch kommen, können sie noch einen anderen Teil des Hauses nutzen.

Die Ausstattung der Wohnung für die Flüchtlingsfamilie haben Bärbel und Hans Günter Steinkemper vorher mit dem Sozialamt abgestimmt, das nicht nur eine Unterkunft, sondern auch die Einrichtung besorgen muss. Gern wurden Einbauschränke, Regale, Tisch und Stühle übernommen, die das Paar selbst nicht mehr brauchte. Den Rest der Erstausstattung hat die Gemeinde geliefert. Und wie funktioniert das Zusammenleben sonst?

Bärbel Steinkemper nimmt die neue Nachbarin gerne zum Einkaufen mit und hat sie als Laiendarstellerin für die aktuellen Aufführungen des Freilichtwandertheaters Alfter gewinnen können. Während des Ramadan bekommen Steinkempers schon mal Kostproben der Speisen, die bei den Mitbewohnern zum Fastenbrechen auf dem Tisch stehen. Im Gegenzug bringt Hans Günter Steinkemper Obst aus dem Garten vorbei. "Die Verständigung klappt gut", sagt Bärbel Steinkemper und ist noch über etwas anderes sehr froh: "Das Haus ist bewohnt, wenn wir verreist sind." Die Mitbewohner kümmern sich auch um die Post und stellen die Mülltonnen heraus.

Steinkempers sind sich einig, wenn die Harmonie stimmt, sind Mieter im Haus keine Belastung. Die entscheidende Frage, die sich andere Besitzer zu groß gewordener Eigenheime stellen müssten, sei zuallererst: "Will ich mit jemandem Fremden im Haus leben?" Und als nächstes: "Sind getrennte Sanitärbereiche vorhanden oder könnten sie ohne große Investitionen geschaffen werden?" Auch wenn aktuell auf der Rathauswiese in Oedekoven eine zentrale Unterkunft für 60 Asylbewerber entsteht, ist die Gemeindeverwaltung weiterhin an privatem Wohnraum für Asylbewerber interessiert.

Kontakt: Markus Jüris, Leiter des Fachbereichs Sozialwesen im Rathaus, Tel. 0228 648 4179.