Singen in Gemeinschaft boomt

Chorlandschaft im Rhein-Sieg-Kreis ist im Wandel

Kreischorleiter Wolfgang Harth an der Orgel der Wallfahrtskirche in Hennef-Bödingen.

Kreischorleiter Wolfgang Harth an der Orgel der Wallfahrtskirche in Hennef-Bödingen.

Rhein-Sieg-Kreis. Nicht das Ende vom Lied: Die Männerchöre sterben, doch das Singen in Gemeinschaft boomt. Auch im Rhein-Sieg-Kreis. Kreischorleiter Wolfgang Hardt vom Chorverband Rhein-Sieg spricht von einem Wandel.

Im August 2016 löste sich der MGV Sängerlust Mülldorf nach 148 Jahren auf, im März 2017 der Hennefer Madrigalchor nach 39 Jahren. Ein Schicksal das in den vergangenen Jahren viele Chöre – vor allem Männerchöre – teilten. Nachwuchsmangel bei gewachsenen Chören, Gesangvereine, die ums Weiterbestehen bangen oder gar schon beschlossen haben, den Verein ruhen zu lassen. Ist der Chorgesang am Ende? Nein, sagt Wolfgang Harth, seit über 30 Jahren Chorleiter und Musikpädagoge und als Kreischorleiter im Chorverband Rhein-Sieg für zurzeit 103 Chöre mit 3128 Sängerinnen und Sängern beratend tätig. Er spricht eher von einem Wandel in der Chorlandschaft.

Denn neben den verlorenen Chören sind etliche neu entstanden. Gospelchöre, Jazzchöre oder auch Projektchöre, die sich nur für bestimmte Projekte kurzzeitig zusammenschließen, schießen aus dem Boden. Allein in den ersten drei Monaten 2016 hat der Chorverband NRW 28 neugegründete Chöre aufgenommen.

Trendwende kommt für Viele zu spät

Nur kommt die Trendwende für viele MGVs zu spät. Das größte Problem sieht Harth bei traditionellen Vereinen darin, sich Veränderungen gegenüber zu verschließen. Es sei wichtig, sich schon vorzeitig Neuem zu öffnen. Die Frage sei doch: Wann hat denn der Chor, der jetzt aufgibt, überhaupt mal einen neuen Sänger bekommen? In den 70er Jahren, oder in den 80ern? „Welcher 20-Jährige, der gerne singt, soll denn zu einem Männerchor kommen, wenn der jüngste Ansprechpartner dort schon 70 Jahre alt ist?“, so Hardt. Jung und Alt unter einen Hut zu bringen, sei einfach schwierig. „Im Grunde ist eine komplette Generation an Sängern verloren gegangen, weil sich die Gesangvereine nicht oder viel zu spät um die Akquise von Nachwuchs gekümmert haben.“

Dass immer häufiger Chorgemeinschaften gebildet werden, indem sich MGVs und Frauenchöre zu einem gemischten Chor zusammenschließen, sieht der 59-Jährige als pragmatische Lösung. „Das funktioniert“, sagt er, „es fragt sich nur, für wie lange.“ Das eigentliche Problem werde dadurch nämlich nicht gelöst, sondern nur hinausgezögert. Auch, einfach nur das Repertoire zu modernisieren, indem man sich an Popsongs oder Musical-Stücke wagt, reiche nicht. Wenn kahle Köpfe „Hair“ singen, wirkt es eben nicht glaubhaft und geht an den Erwartungen des Publikums vorbei.

Geisteswandel für etablierte Chöre

„Was mir vor allem fehlt, ist das Brennen bei vielen Chorleitern“, sagt Hardt. „Es gibt Chorleiter, die betreuen gleich mehrere Chöre, um finanziell über die Runden zu kommen. Sie reisen dann von Chor zu Chor und üben mit allen dieselben Stücke mit immer gleichen Arrangements.“ Das mache zwar weniger Arbeit, ist aber auch langweilig und uninspiriert.

„Etablierte Chöre müssen einen Geisteswandel vollziehen, um zukunftsfähig zu sein. Die Einstellung, 'das haben wir schon immer so gemacht', ist immer noch bei vielen anzutreffen“, weiß Hardt zu berichten. Das erfordere auch mal ein hartes Wort von seiner Seite aus, wenn er um Hilfe gebeten wird. Wer sich verändern wolle, müsse vieles auf den Prüfstand stellen, die Chorliteratur und vielleicht auch den Chorleiter. „Aber wo der Wille zur Veränderung da ist, klappt es oft auch.“

Und da, wo Ideen am Start sind, kann man die Sänger halten. Harth weiß, wovon er spricht: 2009 hob er gemeinsam mit seiner Ehefrau Wilma Hardt, einer Profisängerin und Stimmbildnerin, das Hennefer Chorprojekt „MusicAl Dente“ aus der Taufe – ein gemischter Chor, dessen Schwerpunkt auf Pop- und Musicalwerken liegt. Zudem leitet er die Chöre „Junge Singfonie“ und „SingIn' Harmonie“. Wenn er zu den „Musical Voices Sieg“ nach Hennef einlädt, steht er mit allen drei Chören und damit 150 Sängern auf der Bühne. Dann singen auch Musicalgrößen wie Jesper Tydén oder Kevin Tarte mit und der Musical-Director des Apollo Theaters, Bernd Steixner. kommt, um mit Harth zu musizieren.

Ein weiteres Beispiel ist der Rheinbacher Chor „Cäcilia“ Queckenberg. Stolze 70 junge und ältere Sänger zählt er. Auch sie singen ein modernes Repertoire. Im vergangenen Jahr beispielsweise die 20 Siegersongs des Eurovison Song Contests. Drei Abende füllte der Chor damit die Stadthalle.

Projektchöre sind stark im Kommen

Aber es ist nicht nur das Repertoire, das manchen Chor kränkeln lässt. Verein und Ehrenamt – das schreckt viele potenzielle Sänger ab. Kaum einer möchte neben Arbeit und Familie noch ein zeitaufwendiges Ehrenamt übernehmen, sich mit Papierkram herumschlagen und Auftritte organisieren. So mancher schreckt davor zurück, sich an 50 Wochen im Jahr zur Probe zu verpflichten. Gerade deswegen seien Projektchöre so stark im Kommen. Doch viele Mitstreiter entdecken in Projektchören ihre Freude am Singen und bleiben aktiv.

Was im Chorverband auch beobachtet wird: Zunehmend entstehen sogenannte unorganisierte Chöre, die sich nicht als Verein eingetragen haben oder unter dem Dach eines Verbands organisiert sind. So gehören dem Chorverband Rhein-Sieg zurzeit 103 Chöre an, aber mehr als doppelt so viele Chöre gibt es tatsächlich im Rechtsrheinischen, Tendenz steigend. Dabei hat der Anschluss an den Verband seine Vorteile: „Der Chorverband bietet unter anderem Fortbildungen für Chorleiter und Sänger an“, so Harth.

Egal, ob etablierter Chor oder neu gegründeter Gesangverein: Für alle ist auf Dauer überlebenswichtig, ein Programm zu bieten, an dem die Sänger selbst, aber auch die Zuhörer Spaß haben. Denn begeistertes Publikum ist der beste Nachwuchs-Lieferant.