Interview mit stellvertretender Superintendentin

Almut van Niekerk zur Flüchtlingssituation

Sankt Augustin. Über bewegende Momente, die Willkommenskultur und Flüchtlinge in Gemeindehäusern sprach Matthias Hendorf mit der Sankt Augustiner Pfarrerin Almut van Niekerk, die stellvertretende Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises an Sieg und Rhein (Ekasur) ist.

Frau van Niekerk, wie würden Sie das Jahr mit der Flüchtlingssituation aus Sicht der Kirche bewerten?
Almut van Niekerk: Dass so viel mehr Flüchtlinge kommen, war absolut absehbar. Wir als Kirche sind ja viel in der Welt unterwegs, unter anderem durch Aktionen wie "Brot für die Welt". Wir sehen, dass die Leute anderswo in größter Not sind und sich deshalb bessere Orte suchen. Eigentlich dachten wir, vor allem der Klimawandel und die damit einhergehenden Katastrophen lassen die Menschen flüchten, jetzt sind es eher Kriege.

Trotzdem hat es die Kommunen mehr oder minder unvorbereitet getroffen ...
Van Niekerk: Mich hat überrascht, wie überrascht die Kommunen waren. Erst jetzt legen sie ihre Schockstarre ab. Wir beobachten, dass es von Kommune zu Kommune sehr unterschiedlich ist, wie schnell und teamfähig sie reagieren - etwa wenn es darum geht, runde Tische zu organisieren. Wir können die Situation nur im Schulterschluss meistern.

War die Kirche vorbereitet?
Van Niekerk: Zumindest hatten wir als Diakonisches Werk schon seit sehr vielen Jahren eine feste Stelle zur Flüchtlingsberatung und einen Migrationsberater sowie eine Integrationsagentur.

Dennoch hat auch Sie vermutlich das Ausmaß der Flüchtlingszahlen überrascht?
Van Niekerk: Ja, klar. Das ist so.

Die Kirchen engagieren sich bei der Flüchtlingshilfe. Viele der Asylbewerber sind Muslime. Ganz platt gesagt: Schlägt in dem Fall Menschlichkeit Glaubensunterschiede?
Van Niekerk: Nein, das hängt mit der evangelischen Identität zusammen. Schon in der Bibel steht: Du sollst den Nächsten lieben. Da wird kein Unterschied gemacht, ob Fremder oder Nachbar. Asyl ist etwas, das schon vor 3000 Jahren gewährt wurde. Die Frage ist nicht: Was glaubst du? Sondern: Was brauchst du? Das ist keine getarnte Werbestrategie, um Menschen für uns zu gewinnen. Wir sind nicht nur exklusiv für Christen da, das wäre der völlig falsche Ansatz.

Beobachten Sie Schwierigkeiten?
Van Niekerk: Eigentlich nicht. Zum Beispiel nehmen Frauen mit Kopftuch an Sprachkursen in unseren Räumen teil, dort hängen auch Kreuze. Da gibt es keine Berührungsängste.

Was hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?
Van Niekerk: Emotional berührt hat mich die Geschichte eines 21-jährigen Iraners. Sein Bruder lebte schon in einer Notunterkunft in Sankt Augustin, aber der 21-Jährige wurde in Albanien ins Gefängnis gesteckt wegen illegalen Grenzübertritts. Mithilfe von Pro Asyl und dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen haben wir ihn rausbekommen. Und dann hat er hier schnell unsere Sprache gelernt und jetzt seine theoretische Führerscheinprüfung auf Deutsch bestanden und war stolz.

Was planen Ekasur und Diakonisches Werk für dieses Jahr?
Van Niekerk: Wir wollen eine weitere Stelle zur Flüchtlingsbetreuung schaffen, um die ehrenamtlichen Helfer besser zu vernetzen und entlasten. Ohne die würde das ganze System zusammenbrechen, deshalb müssen wir sie unterstützen. Sie gelangen an ihre Grenzen, sie hören ja auch die Schicksale der Flüchtlinge. Da müssen wir in der Seelsorge aktiv werden.

Käme es in Betracht, Flüchtlinge in Pfarrhäusern oder Kirchen unterzubringen?
Van Niekerk: Im Moment finden jede Menge Veranstaltungen in den Gemeindehäusern statt, etwa Sprachkurse. Deshalb sehe ich sie derzeit nicht als Wohnraum.

Zuletzt gab es in Sankt Augustin einen Aufschrei aus der Bevölkerung, als die vierte Sporthalle in der Stadt mit Flüchtlingen belegt werden sollte. Sehen Sie die Willkommenskultur gefährdet?
Van Niekerk: Nein, das sehe ich nicht. Da wird etwas herbeigeredet, was es nicht gibt. Die Älteren haben die Ängste der Flüchtlinge im Krieg erlebt. Und die Jüngeren kommen mit anderen Kulturen klar, weil sie oft in der ganzen Welt unterwegs sind. Die Hilfe zieht sich durch alle Generationen.