Was steckt eigentlich hinter...?

Die Stachelhardt ist die Startrampe ins Siegtal

Ruppichteroth/Hennef. Die Stachelhardt ist heute Startplatz für Gleitschirm- und Drachenflieger. Dort, wo die Sportler heute ins Siegtal schweben, blühte bis vor rund 100 Jahren der Weinanbau. Doch was steckt eigentlich hinter dem Namen der Anhöhe?

Ein kurzer Zug an den Seilen, eine geschickte Drehung, dann ein paar entschlossene Schritte Richtung Abgrund – schon schwebt Andreas Roßrucker mit seinem Gleitschirm über die Kante der Startrampe hinweg.

Locker und leicht wirkt der Start, doch der 54-Jährige hat zu kämpfen. Kräftige Windböen fegen über die Kuppe – die Stachelhardt hat es in sich. 210 Meter erhebt sich der bewaldete Hügel über das Siegtal. Nur auf seiner Spitze ist die Stachelhardt kahl.

Diese Schneise macht es den Drachen- und Gleitschirmfliegern des Delta-Clubs Rheinland zwar überhaupt erst möglich, von der Stachelhardt zu starten, andererseits aber können durch sie die Winde tückische Wirkung entfalten.

Einen anderen Vorteil hat die Schneise aber auch: Sie eröffnet ein unschlagbares Panorama mit dem Ölberg im Westen, den Türmen der Burg Blankenberg im Süden, der Sieg, die sich durch das Tal windet, und der Bahnlinie, auf der Züge die Landschaft durchqueren. „Fast wie eine Merklin-Landschaft“, sagt Roßrucker. Übertroffen werde der Ausblick nur noch aus der Luft. Roßrucker: „Von dort kann man manchmal bis zum Kölner Dom blicken.“ Nicht nur bei Gleitschirm- und Drachenfliegern ist die Stachelhardt beliebt, auch Wanderer und Fahrradfahrer zieht es auf den Berg. „Bereits im 19. Jahrhundert kamen Touristen im Zuge der Rheinromantik auch in das Siegtal“, sagt Bert Reichl.

Weinbau prägte früher die Region

Kaum jemand kennt sich auf den Wegen und Pfaden in der Region so gut aus wie der 66-jährige Kulturlandschaftsführer aus Bödingen. Als Gästeführer der Stadt Hennef begleitet Reichl Besuchergruppen. Die Teilnehmer seiner Wanderungen kommen aus dem Ausland, anderen Regionen Deutschlands und auch aus der unmittelbaren Umgebung. „Die meisten, die hier leben, denken, sie kennen schon alles. Sie sind dann überrascht, wie viel Unbekanntes es noch zu entdecken gibt“, sagt Reichl. Immer wieder führt sein Weg dann auch hinauf auf die Stachelhardt oder „den“ Stachelhardt. wie Reichl sagt. „Die einen sagen so, die anderen so“.

Woher der Name stammt, könne er nicht genau sagen. „Eine Hardt ist ein bewaldeter Berghang, so viel ist klar, aber worauf sich der Stachel bezieht – da muss ich passen“, sagt Reichl. Die Stachelhardt liegt zwischen den beiden Höhenzügen Leuscheid im Süden und Nutscheidt auf nördlicher Seite der Sieg. Hier soll bereits vor mehr als 2000 Jahren ein Handelsweg hergeführt haben, auf dem schon die Römer von Köln über Siegburg ins Siegerland gelangten, berichtet Reichl.

Erstmalig erwähnt wurde die Stachelhardt laut dem aus Much stammenden Historiker Hartmut Benz in einer Urkunde aus dem Jahr 1408. Jahrhundertelang prägte Weinanbau diese Region. Kaum vorstellbar, wenn man von der Spitze der Stachelhardt hinunterblickt: Auch über den steilen Südhang der Stachelhardt zogen sich die Reben. „Die Arbeit muss unglaublich mühselig gewesen sein“, sagt Reichl. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts, als etliche strenge Winter sowie Schädlinge den Weinbauern zu schaffen machten und immer mehr Wein importiert wurde, habe die lange Hennefer Weinbautradition geendet.

Blick vom Siegufer bei Bülgenauel auf die Stachelhardt.

Blick vom Siegufer bei Bülgenauel auf die Stachelhardt.

"Der schönste Aussichtspunkt im Rhein-Sieg-Kreis"

„Das Wappen der Stadt erzählt noch heute davon: Der Bergische Löwe hält rote Trauben in der Pranke“, erklärt Reichl. Und tatsächlich steckt der hiesige Weinanbau auch hinter dem Geheimnis des Namens der Stachelhardt. In einem Dokument von 1526 wird der „wyngart yn der stagelhart“ erwähnt, wie der Hennefer Heimatforscher Helmut Fischer erklärt. „Das Bestimmungswort Stachen bedeutet Weinbergspfahl“, so der Historiker.

In den Jahrzehnten nach Ende des Weinanbaus habe sich die Natur die Stachelhardt zurückgeholt, erklärt Reichl. Heute können Wanderer etwa im Ahrenbachtal und Adscheider Tal auf verschiedene Orchideenarten stoßen. Auch bedrohte Tierarten finden dort einen Rückzugsort, darunter verschiedene Fledermausarten. „Man kann sogar den Eisvogel sehen, wenn man Glück hat“, sagt Reichl.

Gleitschirmflieger Andreas Roßrucker (l.) und der Hennefer Kulturlandschaftsführer Bert Reichl.

Gleitschirmflieger Andreas Roßrucker (l.) und der Hennefer Kulturlandschaftsführer Bert Reichl.

Besondere Begegnungen machen die Gleitschirmflieger über der Stachelhardt. „Wenn Vögel sehen, dass wir in aufsteigender Warmluft aufdrehen, dann fliegen die zu uns“, berichtet Roßrucker. „Es ist einfach toll, wenn dann zum Beispiel ein Roter Milan auf Augenhöhe an einem vorbeikommt.“

Seit 1979 startet der Delta-Club bereits von dem gepachteten Gelände auf der Stachelhardt. Die Mitglieder kümmern sich um die Pflege des Aussichtspunktes. Leider hat der Verein immer wieder mit Vandalismus zu kämpfen – zuletzt als der Tisch einer Sitzgruppe angekokelt wurde. „Ich verstehe nicht, warum man so einen Ort nicht einfach nur genießen kann“, sagt Roßrucker. „Für mich ist es einer der schönsten Aussichtspunkte im Rhein-Sieg-Kreis.“

Abflug von der Stachelhardt im Video