Siebengebirgsbahn

Vor 100 Jahren fuhr erstmals eine Elektrische vom Hansa-Eck in Bonn nach Oberdollendorf

OBERDOLLENDORF. Der Bonner General-Anzeiger jubelte. Am 18. Oktober 1911 meldete er, dass "wieder ein neuer Weg zum Lande rheinischer Sehnsucht, zum Siebengebirge, eröffnet worden ist". Vor 100 Jahren fand die Jungfernfahrt der Siebengebirgsbahn statt.

Die Bahngesellschaft hatte dafür einen kaiserlichen Tag gewählt. Wilhelm II. war zwar nicht an Bord, aber er weilte im Rheinland und weihte in Erinnerung an den 80. Geburtstag von Kaiser Friedrich III., den 99-Tage-Kaiser, in Aachen ein Reiterstandbild ein.

Die strombetriebene Kleinbahn startete am Hansa-Eck in Bonn und endete (vorerst) in Oberdollendorf. Einmal pro Stunde setzte sich der Vorläufer des Telekom-Express in Bewegung. 9,3 Kilometer lang war die Strecke. Die Siebengebirgsbahn ratterte über den Friedensplatz, weiter durch die Friedrichstraße und bog auf die Rheinbrücke nach Beuel, von wo aus es weiterging bis nach Oberdollendorf.

Anfang September war von Bonn aus bereits solch ein Schienenfahrzeug erstmals nach Siegburg gefahren. Beide Bahnen firmierten unter "SSB".

"Die schönen grünen Bergdome, die bei klarem Wetter so herrlich nah scheinen, sind tatsächlich nun auf 25 Minuten Zeit an uns herangerückt. Im Fluge wird uns die neue Elektrische nun hintragen", machte der General-Anzeiger an jenem Mittwoch Lust auf eine Tour zu den sieben Bergen.

Als "Ausflugsbähnchen" war die Siebengebirgsbahn bei Bonnern denn auch sehr beliebt. Im ersten Betriebsjahr wurden auf beiden Linien knapp 605.000 Fahrkarten verkauft. So richtig rollte es, nachdem ab März 1913 auch Königswinter angeschlossen war. Nun machte die Elektrische schon ordentlich Betrieb: Sie fuhr bereits im Halb-Stunden-Takt. Ab 1925 war Honnef Endhaltestelle.

Ein Fortbewegungsmittel auf Schienen war für die Oberdollendorfer ja nicht neu. Längst hatten sie Eisenbahnanschluss. Und fast auf den Tag 20 Jahre zuvor war die Heisterbacher Talbahn eröffnet worden. Dennoch dürfte die Jungfernfahrt die Schaulustigen angelockt haben. Am Endpunkt stand ein hübsches Bahnhofsgebäude mit gelbem Putz, grünen Läden und Schieferdach.

Spannend war es bereits am 17. Oktober. Die Strecke wurde landespolizeilich abgenommen. Technisch verlief alles perfekt. Dennoch traf die Bahn erst bei Dunkelheit in Oberdollendorf ein. Auch damals schon erzeugte solch ein großes Bauvorhaben Unmut. Es lagen viele Einsprüche vor.

Und denen widmeten sich die Beamten während dieser Probefahrt auch. Es ging streng zu. In der Dienstanweisung für das Personal hieß es: "Verboten ist das Mitnehmen von Personen, die als Häftlinge erkenntlich sind, sowie von Leichen. Ebenso darf betrunkenen Personen oder solchen ekelerregenden Aussehens das Besteigen der Wagen nicht gestattet werden."

Untersagt war den Fahrern jegliche nichtdienstliche Unterhaltung mit Schaffnern oder Fahrgästen an den Haltestellen. "Alle unnötigen Redereien, lautes Rufen und Pfeifen" waren zu unterlassen. Am Steuer hatten sie sich ohnehin nur auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Redselige Fahrgäste waren darauf hinzuweisen.

45 Pfennige kostete 1911 die einfache Fahrt von Oberdollendorf nach Bonn. Davon waren fünf Pfennige Brückengeld. Die Fahrscheine von 1949 zeigten die neue Bonn-Beueler Brücke. Die alte wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und die Bahn dadurch streckenweise stillgelegt.

Nun rollte sie wieder durchgängig. Immer wichtiger wurde sie für Berufspendler. Den Schaffner ersetzt längst der Fahrkartenautomat. Und die Haltestelle Oberdollendorf sieht auch nicht mehr aus wie zu Kaisers Zeiten. Beim Bau der B42 wurde sie in einen Trog gepackt. So ist das Siebengebirge für Minuten doch wieder weit weg.

Ansichten sind im virtuellen Brückenhofmuseum des Heimatvereins Oberdollendorf und Römlinghoven zu finden unter www.virtuelles.brueckenhofmuseum.de

"Elektrische Bahnen der Kreise Bonn-Stadt, Bonn-Land und des Siegkreises"

Wer heute von Siegburg über Bonn nach Bad Honnef fahren will und umgekehrt, hält Ausschau nach der "66". An den Werktagen nutzen diese Verbindung jeweils rund 50.000 Fahrgäste.Insgesamt sind es pro Jahr rund 16 Millionen Bahnfahrer auf der "66".

Das unterstreicht ihre wichtige Funktion. Längst ist sie nicht mehr nur "Ausflugsbähnchen" für Bonner und Kölner. Das gemütliche Bahnhofsgebäude von 1911 musste weichen, als in den 70er Jahren die B42 gebaut wurde.

Im Tunnel der Bundesstraße in Oberdollendorf liegen die Schienen der Bahn seither zwischen den beiden Richtungsfahrbahnen für Autos. Auch die Streckenführung ist nicht mehr identisch. Seit 30 Jahren fahren die modernen Wagen von Honnef kommend über Ramersdorf und die Südbrücke, durch Bonn über den Hauptbahnhof, weiter über die Brücke nach Beuel in Richtung Siegburg.

Verschiedene Linienbezeichnungen gab es vor der "66". Linie "S" oder "H" und "64". Bei der Abkürzung SSB ist es aber geblieben: Das ist eine Ableitung der Bezeichnungen Siegburger und Siebengebirgsbahn. 1909 wurde die Gesellschaft "Elektrische Bahnen der Kreise Bonn-Stadt, Bonn-Land und des Siegkreises" gebildet, um auf Wunsch des Sieg-Kreis-Landrates eine Bahn nach dem Vorbild der Rheinuferbahn der Köln-Bonner Eisenbahnen zu bauen. Seit der kommunalen Neuordnung 1969 heißt die Gesellschaft "Elektrische Bahnen der Stadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises".

Ziel war einst auch: die Zahnradbahnen im Siebengebirge an Bonn und Beuel anzuschließen. Kostenvoranschläge für den Bau mit Ankauf von Grundstücken beliefen sich auf 3,5 Millionen Mark für die Strecke nach Honnef und auf 1,7 Millionen für die Linie Bonn - Siegburg. Schwierig gestalteten sich die Verhandlungen über die Streckenführung. Als die Oberdollendorfer "schon auf der Schiene waren", diskutierten die Königswinterer noch über drei alternative Linienführungen. 1912 wurde mit der Stadt Königswinter vereinbart, dass die Bahn entlang des Rheins fahren soll. Bad Honnef hing erst 1925 am Netz.