Einzigartige Weihnachtszeit

Viele Besucher beim Weihnachtsmarkt auf Schloss Drachenburg

Märchenhafte Stimmung: Der Weihnachtsmarkt auf Schloss Drachenburg ist auch an den zwei kommenden Wochenenden geöffnet.

Märchenhafte Stimmung: Der Weihnachtsmarkt auf Schloss Drachenburg ist auch an den zwei kommenden Wochenenden geöffnet.

Königswinter. Viktorianisches Flair, ein liebevolles und abwechslungsreiches Angebot und nicht zuletzt das atemberaubende Rheinpanorama - das sind die Zutaten, die die "Einzigartige Weihnachtszeit" auf Schloss Drachenburg zu einem ganz besonderen Weihnachtsmarkt machen.

So verhasst der alte Geizhals auch sein mag – an Scrooge scheint doch tatsächlich ein Rockstar verloren gegangen zu sein. Eine wilde, stahlgraue Mähne inklusive. „Come on, come on, love me for the money“, röhrt es an Heiligabend inbrünstig aus seinem Arbeitszimmer, „come on, listen to the moneytalk“. AC/DC scheinen ihm geradezu aus der Seele zu sprechen. Da kann der Geist der vergangenen Weihnacht noch so laut mit den Ketten rasseln – der geldhungrige Greis lässt sich ausschließlich vom Klimpern der Münzen beeindrucken. Und zu allem Überfluss stürmt plötzlich auch noch ein junger AC/DC-Fan aus dem Publikum die Bühne, um mit dem alten Ebenezer für ein Foto zu posieren. Das Foto ist im Kasten, und weiter im Script. Das Angsteinflößen, scheint sich das verdutzte Gespenst zu denken, das hat früher auch schon mal besser funktioniert.

Ein bisschen anders sein, so lautet der Anspruch der „Einzigartigen Weihnachtszeit“ auf dem Gelände von Schloss Drachenburg. Auch im sechsten Jahr in Folge setzt der kleine, aber feine Adventsmarkt auf Gemütlichkeit und Atmosphäre und steckt – vom ein oder anderen ambitionierten Verpflegungs-Obolus abgesehen – den Kitsch und Kommerz der Citymärkte in die Tasche. Die Hauptattraktion: Neben dem atemberaubenden Rheinpanorama wartet die Königswinterer Ausgabe mit viktorianischem Flair im Stile der Dickens'schen Weihnachtsgeschichte auf.

65 kostümierte Schauspieler flanieren durch den Park

Rund 65 kostümierte Schauspieler des Theaterensembles „Faust III“ und des „Pirates Action Theater“ wandeln als lebensechtes Figurenkabinett durch den Schlosspark, bieten gemeinsam mit Dutzenden Ausstellern aus der Region ihre Waren feil und sind natürlich auch für manchen Spaß zu haben. In Selfie-Zeiten kommen selbst Sherlock Holmes und Florence Nightingale nicht um die ein oder andere Ablichtung herum – aber wenn schon, dann bitte stilecht. Vor den Stufen hoch zum Schloss macht sich eine viktorianische Magd umständlich an einem „historischen“ Fotoapparat zu schaffen. „So“, ruft sie der geduldig bereitstehenden Familie zu, „schauen Sie jetzt bitte auf das Vögelchen!“ Wie aufs Kommando ploppt ein kleiner Holzvogel über dem Gehäuse auf – und abgedrückt. „Geblitzt hat es nicht, oder?“ Noch einmal. „Jaja“, murmelt der kettenbehängte Weihnachtsgeist, der gerade eine Essenspause einlegt. „So ist das mit den neumodischen Erfindungen.“

Erstmals sind auch kostümierte Musiker dabei

Wenige Schritte weiter, das rot-grün-blau beleuchtete Schloss im Hintergrund, stellt sich ein viktorianisches Pärchen mit Akkordeon und Liederbuch auf und stimmt das historische Weihnachtslied „God Rest Ye Merry, Gentlemen“ an. Engagiert von Helge Kirscht, dem Vater der Seven Mountains Music Night, bereichert die kostümierte Musikerschar in diesem Jahr erstmalig den Weihnachtsmarkt. Sogar schon an der Talstation der Drachenfelsbahn – Wartezeiten von rund 20 Minuten oder länger sollten eingeplant werden – haben sich die Liedsänger in der eisigen Dämmerung formiert.

Den Gefrierpunkt-Temperaturen muss auch der Musikzug Bergklänge trotzen: Während die Blechbläser tapfer „Feliz Navidad“ posaunen, kuscheln und grooven die Besucher im Parkgarten gegen die Kälte. Dichtes Gedränge herrscht im Anschluss rund um die etlichen Wärmelampen und Glühweinstuben, die jede Ecke des Geländes zieren. Das Warenangebot kann sich sehen lassen: Ganz klassisch britisch gibt es Fish 'n' Chips und Tee aus dampfenden Kesseln, daneben deutsches Mandelgebäck, Flammkuchen und Schmuck aus dem Siebengebirge. Besonders begehrt: die heiße Kartoffelsuppe vom „Knastladen“ der JVA Siegburg.

Dickens Klassiker "Die Weihnachtsgeschichte" auf der Bühne

Einen Becher duftenden Glühwein in der Hand – respektive Punsch für die Kleinen –, geht es weiter zur mobilen Bühne, auf der das „Faust III“-Ensemble gerade seine ganz eigene, kreative Darbietung des Dickens-Klassikers aufführt. Erst Scrooge als Rocker, dann sprengen gar aufgebrachte Suffragetten die Szene: „Rechte für die Frauen! Go, go, go!“ Denn: „Wenn unser Geschlecht hier regieren kann, dann können wir ja wohl wählen!“

Scrooge aber will von Gerechtigkeit nichts wissen. Ungläubig fleht eine Spendensammlerin des Weihnachtslichts: „Aber die Kinder werden umkommen in der Kälte!“ „Dann sollen sie halt!“, fährt Scrooge genervt dazwischen. „Es gibt eh zu viele Menschen auf dieser Welt.“ Nun liegt es am Geist der zukünftigen Weihnacht, den alten Ebenezer zur Vernunft zu bekehren. Doch angesichts des unwiderstehlichen Charmes, den die „Einzigartige Weihnachtszeit“ auf Schloss Drachenburg versprüht – wie könnte Scrooge da auf Dauer hartherzig bleiben?