In der Königswinterer Unterwelt

Auf Kontrollgang im Regenrückhaltebecken in Oelinghoven

Königswinter. Ohne Taschenlampe, Gummistiefel und Sicherheitsgeschirr geht nichts, wenn die Kontrolleure der Stadt Königswinter im Regenrückhaltebecken in Oelinghoven nach dem Rechten schauen. GA-Reporterin Heike Hamann war dabei.

Der Abstieg dauert 17 Leitersprossen. Der Platz auf jedem Tritt reicht gerade so, um zwei Füße in Gummistiefeln nebeneinander abzustellen. Etwa ab der Mitte wird es rutschig. Brauner Schmodder hat sich auf den einzelnen Stufen gesammelt, es riecht feucht, dumpf, modrig. Das Atmen fällt ein bisschen schwer. Auch das Tageslicht wird knapp. In fünf Metern Tiefe erhellt nur noch ein schwacher Lichtkegel, der von oben durch den geöffneten Schachtdeckel fällt, die Stelle unmittelbar um die Leiter. Ansonsten ist es finster.

Und sehr ruhig. „Imposant, oder?“, fragt Bernd Weiß, und seine Stimme hallt eindrucksvoll von den Betonwänden des Regenrückhaltebeckens wider. „Gruselig“, denke ich und sage: „Schon.“ Weiß ist einer von rund einem Dutzend Mitarbeitern des Abwasserwerks der Stadt Königswinter, die regelmäßig in die Tiefe steigen, um den Zustand der Kanäle und Regenrückhaltebecken zu kontrollieren. Wenn jemand Königswinter von unten kennt, dann sind sie es.

Der Plan vom Becken reicht über zwei Schreibtische

In das Büro von Albert Koch strahlt die Sonne. Der Geschäftsbereichsleiter Ver- und Entsorgung hat eine Karte des Regenrückhaltebeckens in Oelinghoven über zwei Schreibtische ausgebreitet. Lang ist der künstliche Bau, der 2003 erweitert wurde. Fast 123 Meter erstreckt er sich unterhalb der Felder und Pferdeweiden in fünf Metern Tiefe. „Das Becken fasst rund 4000 Kubikmeter“, sagt Koch. „Damit ist es vom Volumen her das größte der Stadt.“ Wenngleich auch nicht das tiefste: „Das Regenrückhaltebecken am Grünen Weg, das an das an der Cäsariusstraße anschließt, an dem gerade gebaut wird, ist rund zehn Meter tief.“

Wenn Koch, gelernter Umwelttechniker und seit mittlerweile 23 Jahren bei der Stadt Königswinter angestellt, über Abwasser, Kanäle und Regenrückhaltebecken spricht, fallen Worte wie Spülkippe, Schwallspülung und Einstauhöhe. „Ein bisschen wie eine eigene Sprache“, gibt er zu. Insgesamt sind es etwa 80 Pumpwerke, Regenklärbecken und ähnliche Einrichtungen, für die er in Königswinter zuständig ist. Das Kanalnetz der Stadt kommt auf eine Länge von rund 270 Kilometer.

Das Regenwasser wird kontrolliert wieder abgelassen

„Das Wasser aus dem Königswinterer Bergbereich wird der Kläranlage in Sankt Augustin zugeleitet“, sagt er. Gemeinsam mit den Städten Sankt Augustin, Siegburg und Hennef, die ebenfalls ihr Abwasser dorthin leiten, beteiligt sich Königswinter an den anfallenden Betriebs- und Investitionskosten. Das Abwasser aus der Königswinterer Talregion fließt in das Abwasserwerk nach Oberdollendorf.

99,2 Prozent der Königswinterer Haushalte sind an das Kanalnetz angeschlossen. In das Regenrückhaltebecken gelangt vor allem – wie der Name vermuten lässt – Regenwasser, das durch Kanäle in das Becken geleitet wird. Ein kleinerer Ablauf führt aus ihm heraus, sodass das Wasser im Becken erst gestaut wird und dann kontrolliert ablaufen kann. „Mit einer Geschwindigkeit von 62 Litern pro Sekunde“, wie Koch sagt.

Auch er ist regelmäßig in „seinen“ unterirdischen Gemäuern auf Stippvisite. „Die ersten Male, wenn man hinuntersteigt, ist es schon sehr beeindruckend“, sagt er. „Aber nach einer gewissen Zeit macht einem das nichts mehr aus.“ Den modrigen Geruch nehme er mittlerweile nicht mehr wahr. Was sein Mitarbeiter Bernd Weiß bestätigt. „Mir ist es lieber, im Sommer hinunterzusteigen“, sagt der gelernte Elektriker, der seit einem Jahr im Abwasserwerk arbeitet. „Im Winter kann es hier unten schon richtig ungemütlich kalt werden.“

Ein Kontrolleur steigt nie allein hinunter

Fünf Meter unter der Erdoberfläche sieht die Welt anders aus. Farbenfrohe Wiesen oben, nüchterne Technik unten. Nur mit Sicherheitsgeschirr ist der Einstieg erlaubt, Taschenlampen sind das wertvollste Accessoire. In gesetzlich vorgeschriebenen Abständen und nach jedem „Regenereignis“, wie Koch es nennt, müssen die Mitarbeiter des Abwasserwerks den Zustand der Becken kontrollieren. „Mindestens zu zweit“, wie er betont. Manchmal, wie in Oelinghoven, können auch schon einmal fünf oder sechs Mitarbeiter gleichzeitig in die Tiefe steigen.

Das jüngste Regenereignis hat hier noch seine Spuren hinterlassen. Zwei, drei Zentimeter hoch ist der undefinierbare Schlamm, der den Boden bedeckt. Jeder Schritt mit dem Gummistiefel schmatzt, die Rutschgefahr ist hoch. Gibt es Ratten? Weiß zuckt die Schultern, denkt einen Moment zu lange über die Antwort nach. Dann: „Gesehen habe ich noch keine.“

Die Kraft des Wassers sei beeindruckend, sagt er noch. „Eine Naturgewalt. Sie wollen nicht erleben, wie hier unten das Wasser durchschießt.“ Will ich nicht, und die Mitarbeiter des Abwasserwerks dürfen nicht. „Sollte Regen einsetzen, wenn die Kollegen auf unterirdischem Kontrollgang sind, müssen sie sofort wieder nach oben kommen“, sagt Koch.

Apropos oben. Eine halbe Stunde Königswinter von unten ist ausreichend. Mit zügigem Schmodderschritt nähere ich mich der Leiter, die ins Sonnenlicht führt. Dass ich im Schulsport an der Sprossenwand immer die Letzte war, habe ich Albert Koch erst gesagt, als ich wieder oben war.