„Music Ambassador for Germany“ Mike Kamp

Diese Musikzeitschrift kommt aus Bad Honnef

Mike Kamp in seinem Garten in Rommersdorf. Im Zwei-Monats-Rhythmus muss der Schottland-Liebhaber neue Folker-Ausgabe verantworten und stapelweise CDs rezensieren.

Mike Kamp in seinem Garten in Rommersdorf. Im Zwei-Monats-Rhythmus muss der Schottland-Liebhaber neue Folker-Ausgabe verantworten und stapelweise CDs rezensieren.

Siebengebirge. Mike Kamp wohnt in Bad Honnef und gibt die Musikzeitschrift Folker heraus. Der Schottlandliebhaber, Produzent und Juror erzählt über die Ursprünge der Zeitschrift und seine Leidenschaft zum Folk.

„Beware of the rabbit“, warnt ein Metallschild am Gartentor, „Vorsicht vor dem Hasen“. Heute aber muss Prince Puschel ohnehin drinnen bleiben, denn sein Herrchen, der bislang erste und einzige Musikbotschafter Schottlands, hat zum Gespräch geladen. Seine Residenz: ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus in der Rommersdorfer Straße. Dahinter eine bunt sprießende Oase, einem englischen Cottage-Garten nachempfunden, samt Vogelhäuschen, Pavillon und Gartenschaukel. Schöner lässt es sich als Folk-Botschafter mit britischem Faible kaum leben.

Mike Kamp öffnet die Tür mit herzlichem Grinsen, drei Ansichtsexemplare der Musikzeitschrift „Folker“ unterm Arm, die er seit nunmehr 40 Jahren herausgibt. Das Logo prangt auf seinem T-Shirt. Er ist stolz auf diese Leistung, und das zu Recht: In Anerkennung seines jahrzehntelangen Engagements für die Folk- und Weltmusik ist Kamp vor Kurzem von Showcase Scotland, einer Vereinigung zur Förderung der schottischen Musikszene, zum „Music Ambassador for Germany“ ernannt worden – als bislang einzige Person weltweit.

Ein Ehrentitel, klar, „also leider ohne Botschaftswagen und monatliche Apanage“, scherzt er. Aber sein Lieblingsgenre im Namen seiner zweiten Heimat offiziell repräsentieren und andere mit dem Folk-Fieber anstecken zu dürfen, das ist ihm ohnehin Ehre genug.

CD-Kritiker, Juror und Produzent

Seit rund einem Vierteljahrhundert lebt Mike Kamp, Jahrgang 1952, gemeinsam mit seiner Frau Mary John in Bad Honnef. Ursprünglich stammt er aus Bergneustadt nahe Gummersbach. Seit diesem Frühjahr ist der ehemalige Betriebswirt und IT-Fachmann pensioniert – „fühlt sich aber nicht so an“. Sein ehrenamtliches Engagement erfordert weiterhin volle Aufmerksamkeit an allen Fronten. Nicht nur muss er im Zwei-Monats-Rhythmus die neue Folker-Ausgabe verantworten und stapelweise CDs rezensieren.

Seit der Vereinsgründung vor 20 Jahren ist er zudem zweiter Vorsitzender von „Folk im Feuerschlösschen“ und dort insbesondere für die Vermittlung von Acts aus Großbritannien zuständig. Vierteljährlich produziert er für das preisgekrönte Internetradio byte.fm das Folker Mixtape, präsentiert darin eine Stunde lang das Neueste und Beste der internationalen Szene. Und Juror für den Preis der deutschen Schallplattenkritik ist er auch.

Schottland-Reise brachte Stein ins Rollen

Ein Leben ohne Folk scheint für Mike Kamp undenkbar. Schon in jungen Jahren begeistert von Bands wie den Dubliners und Fairport Convention, aber auch von deutschen Künstlern wie Hannes Wader, nahm seine Liebesbeziehung zum Genre mit Anfang 20 Fahrt auf. Nach Ende seines Zivildienstes verschlug es ihn in den frühen 70er Jahren nach Schottland, zum ersten Mal alleine im Ausland. „Ich hatte sofort das Gefühl, zu Hause zu sein“, erinnert sich Kamp und muss lachen. Seine Augen leuchten. „Beim ersten Mal hab' ich das noch abgetan als Spinnerei oder einfach zu viel Whisky, aber beim zweiten Aufenthalt war da wieder genau dasselbe Gefühl.“

Diese zweite Schottland-Reise brachte den Stein ins Rollen. Eines Abends fand sich Kamp in einer kleinen Kult-Kneipe im Herzen von Edinburgh wieder. Noch heute ist das „Sandy Bell's“ der Musiker-Treffpunkt schlechthin. Und während dort auch seinerzeit gespielt, gesungen und ein Whisky nach dem anderen gestürzt wurde, fiel Kamps Blick auf ein unscheinbares Szeneblatt, das hinten im Lokal auslag: das heute legendäre „Sandy Bell's Broadsheet“, nicht mehr als ein paar hektografierte DIN-A-4-Seiten.

Ein Amateurprodukt eben, „aber da steckte alles drin, was im Folk zu der Zeit abging“. Es war gerade die simple Aufmachung, die Kamp signalisierte: „Das fehlt in Deutschland, das kann ich machen!“ Ohne riesige Investitionen, ohne Journalistikstudium, ohne teure Druckanlagen. „Du musst nur machen, einfach anfangen.“

Erstauflage mit 254 Exemplaren

In der Augustausgabe der deutschen Musikzeitschrift „Sounds“ erschien kurz darauf eine Anzeige: „Folkfreunde geben ab Herbst 1977 eine spezielle Folkzeitung heraus. Wir brauchen noch viele interessierte Leute, die als freie Mitarbeiter mitmachen wollen.“ Die Tür eingelaufen habe man ihm nicht, meint Kamp mit einem kräftigen Schuss Ironie. Immerhin: Eine Handvoll Interessenten meldete sich, einige sind noch heute dabei. Die Nullnummer der „Michel Folkzeitung“ kam im November auf den Markt. Zwölf Seiten, auf der Schreibmaschine getippt, im Copyshop um die Ecke gedruckt, am Küchentisch händisch zusammengeheftet.

 

Die Erstauflage betrug 354 Exemplare, rasch verdreifachte sich die Leserschaft. Nach 20 Jahren, in denen Kamp alles selbst machte, kündigte sich jedoch eine Zäsur an. Immer dieselben Tausend Leser, diese Stagnation frustrierte das Michel-Team. „Wir traten auf der Stelle, Veränderung musste her.“ Und Veränderung kam. 1997 legte sich die Michel Folkzeitung mit ihrem ostdeutschen Pendant zusammen, dem Leipziger Folksblatt, das zuvor mit ähnlichen Problemen gekämpft hatte. Der „Folker“ war geboren.

Leidenschaft für Folk nicht erloschen

Auch 40 Jahre nach der ersten eigenen Zeitungsausgabe ist Mike Kamps Leidenschaft für den Folk nicht erloschen. Mit entflammter Begeisterung schwärmt er von jährlichen Ausflügen zum Rudolstadt-Festival und zu den „Celtic Connections“ in Glasgow. Diesen Oktober will er sogar die Polarkälte in Spitzbergen in Kauf nehmen, um bei der „Northern Music Expo“ dabei zu sein. „Das Feuer brennt noch immer.“

Diese „ehrliche, simple, virtuose Musik aus aller Welt“, wie er sagt, hat ihn noch immer im Bann. Und doch muss er einräumen: Beinharte Folk-Fans wie er selbst sind ein Relikt der Vergangenheit. In den 70er Jahren habe das große deutsche Folk-Revival auch ihn mitgerissen – „aber diese Generation ist älter geworden, und es kam nichts nach“. Sogar in Schottland floriere die Folkszene dank junger und enthusiastischer Musiker, „aber im Publikum sitzen immer dieselben ergrauten Gestalten“.

Ein Leben für die Musik

Es gibt aber auch Momente ohne Musik. „Manchmal setze ich mich einfach gerne hin und lese. Ganz still, ohne irgendetwas im Hintergrund.“ Oft, reminisziert Kamp dann, seien es gerade diese kleinen Dinge, die einem aufzeigten, dass 65 Lebensjahre nicht spurlos an einem vorübergegangen seien. Mehr als die Hälfte dieser Zeit hat er sich dem Folk verschrieben. Durch dieses Engagement hat das Genre in Deutschland, vor allem auch im Siebengebirge, an Präsenz gewonnen – und, wenn auch nur allmählich, wieder an Beliebtheit. Ein Leben für die Musik. Einen verdienteren Botschafter hätte sich der Folk ohne Zweifel kaum wünschen können.

Diesen Sonntag läuft um 23 Uhr auf byte.fm die aktuelle Ausgabe vom Mixtape.