Private Ausstellung

"Little Britain" in Linz soll verschwinden

Kretzhaus. Gary Blackburn hat auf seinem Grundstück in Linz-Kretzhaus einen Märchenwald samt Panzer geschaffen. Doch nun will der Kreis Neuwied, dass die private Ausstellung "Little Britain" schließt.

„Little Britain“ soll verschwinden. Die private und kostenlose Ausstellung des Briten Gary Blackburn in Kretzhaus ist laut einer Verfügung der Kreisverwaltung Neuwied mangels Baugenehmigung „sofort zu entfernen“ und das frei zugängliche Gelände samt dem Kasbach-Wanderweg abzusperren. „Sollten wir bis spätestens 10.08.2018 keine weitere Mitteilung Ihrerseits erhalten, so sehen wir uns gezwungen, die Beseitigung der Anlagen anzuordnen“, teilte die Behörde dem Eigentümer in einem Schreiben mit. Blackburn zeigte sich geschockt und will laut Deutscher Presseagentur Widerspruch einlegen.

Bei einem Besuch in Little Britain ist der Engländer vor einigen Tagen noch ganz gelassen. „Ordnung ist alles“, sagt er und räumt die riesige Kettensäge im Holzschuppen zurück ins Regal. Klingt eher typisch deutsch als typisch britisch, wollte man die Klischeeschublade bemühen. Doch in die lässt sich der 54-Jährige sowieso nicht einsortieren. „Manche denken, ich bin ein Freak“, sagt er mit breitem britischen Akzent und noch breiterem Lächeln. „Ich weiß nie so genau, wie sie das meinen.“

"Welcome to Little Britain"

Wer Gary Blackburn in Kretzhaus besucht, muss nicht lange nach dem Weg fragen. Hinter der Bahnunterführung gleich rechts, vorbei an den beiden Kühen in Union-Jack-Optik und an der britischen Telefonzelle in Signalrot. „Baumdienst Siebengebirge“ steht auf einem Schild, „Welcome to Little Britain“ auf einem zweiten. Dahinter erstreckt sich auf rund 3000 Quadratmetern ein Märchenwald der etwas skurrilen Art.

Ein lebensgroßer Merlin steht neben rostigen Ritterrüstungen und Shakespeare-Büste, zwei rote Doppeldeckerbusse und Mr. Beans apfelgrüner Mini parken auf einem Schotterplatz. Durch die üppig blühenden Blumenbeete wuseln Unmengen echter Kaninchen, die sich von den unechten Füchsen, Eulen und anderen Vögeln nicht sonderlich beeindrucken lassen. Die Queen thront als Gipsfigur in Robin Hoods' Holzhütte umringt von ihren Corgis und inmitten von Seidenblumen. „Ich liebe Fairy Woods“, sagt Blackburn. „Märchenwälder. Und schon als kleiner Junge habe ich Robin Hood gelesen. Ich lese ihn heute noch.“

Seit mehr als 30 Jahren in Deutschland

Als vor zwei Jahren die Briten für den Brexit votierten, entschied sich Blackburn, sein eigenes „Little Britain“ zu kreieren, typisch Britisches nach Kretzhaus zu holen und auszustellen, kein Eintritt, wer kommt, der kommt. „Die Älteren haben damals den Ausschlag für den EU-Austritt gegeben“, ist er sich sicher. Hätte er wählen dürfen, er hätte für den Verbleib gestimmt.

Vor mehr als 30 Jahren ist Blackburn aus seiner Heimat in Lincolnshire nach Deutschland gekommen. Da war Blackburn bereits ausgebildeter Bauminspektor, „Baumkümmerer“, wie er auch sagt. Der Berufsweg war alles andere als vorgezeichnet. Sein Vater – selbst Chef einer Stahlfabrik – schlug dem damals 16-Jährigen vor, doch Elektriker zu werden. Blackburn überlegte kurz und sagte dann entschieden „No“. „Ich wollte etwas in der Natur machen, unter freiem Himmel.“ Wo anders als im Sherwood Forest absolvierte er ein Praktikum, bestand später die Aufnahmeprüfung am Merrist-Wood-College in Südengland und „kümmerte“ sich fortan um Bäume, große und kleine, kranke und alte, heimische und exotische, von Normalbürgern, Adligen, Politikern, Prominenten.

Sechsfacher Vater

Mitte der 80er Jahre dann zog es ihn über den Kanal in Richtung Bundeshauptstadt Bonn, wo seine Dienste auch schon mal beim Mammutbaum im Bundeskanzleramt gefragt waren. Und natürlich landete Blackburn schließlich im Siebengebirge. „Als ich das erste Mal am Drachenfels stand, habe ich meine Eltern in England angerufen und gesagt: Mum, Dad, hier ist es so schön. Hier bleibe ich“, erzählt der 54-Jährige. Und machte umgehend Nägel mit Köpfen: Einige Jahre lebte Blackburn mit seiner Familie in einem Haus an der Drachenfelsstraße in Königswinter mit Blick bis zum Kölner Dom, vor einigen Jahren dann folgte der Umzug nach Kretzhaus, „weil es einfach mehr Platz für die Firma gab“. Und für die Familie.

Blackburn ist sechsfacher Vater, drei seiner Jungs arbeiten mittlerweile im Betrieb mit und klettern selbst bis in die höchsten Spitzen der Baumkronen – gesichert durch Gurte und mit langen Spikes an den Schuhen. „Erst vor Kurzem hatten wir einen Auftrag im Schwarzwald“, sagt Blackburn und kneift ein bisschen die wässrig blauen Augen zusammen. „Die Jungs mussten eine 50 Meter hohe Douglasie hoch. Sie fanden das toll, ich konnte es nicht mit ansehen.“ Er selbst hat das Klettern vor sechs oder sieben Jahren aufgegeben. „Man muss dafür ein bisschen crazy sein“, sagt er.

Ärger mit den Nachbarn

„Crazy“ urteilen zuweilen allerdings seine Kinder und seine Frau Monika, wenn es um Blackburns „Little Britain“ geht. Und um die Sache mit dem Panzer. Im vergangenen Jahr machte Blackburn bundesweit und bis ins britische Königreich Schlagzeilen, als er einen 52-Tonnen-Centurion-Panzer aus Schweizer Armeebeständen, Baujahr 1953, kaufte und in „Little Britain“ zwischen rotem Briefkasten und Robin Hoods' Holzhütte aufstellte. Kriegsgerät im Märchenland? „Geschmacklos“, „kriegsverherrlichend“ warfen ihm einige vor. „Ein Mahnmal für Frieden und Freiheit“ entgegnete Blackburn, der den Panzer mit Friedenstauben, klatschroten „Remembrance Poppies“ und entsprechenden Schildern dekorierte.

„Gerade hier in der Gegend hat es zum Ende des Zweiten Weltkriegs so viele Kämpfe gegeben“, sagt er. „Das darf die jüngere Generation nicht vergessen.“ Blackburn bekam Ärger mit Nachbarn, der Mainzer Landtag beschäftigte sich mit dem Thema. Das Landesinnenministerium befand: „Der Panzer steht auf einem Privatgrundstück, ist weder fahr- noch einsatzfähig und fällt damit nicht unter das Kriegswaffenkontrollgesetz.“

Stellungnahme der Kreisverwaltung

Doch der Panzerstreit in Kretzhaus schwelte weiter. Denn eigentlich bräuchte Blackburn nun eine Baugenehmigung, um das Kriegsgerät in seinem Garten aufstellen zu können, weil der Stahlkoloss nicht mehr bewegt werden kann. Bislang hat er den Antrag bei der Kreisverwaltung nicht gestellt und auch eine Anerkennung als Denkmal lehnen die Behörden ab. Blackburns Alternatividee: Elektroantrieb per Solarstrom, den ihm der Autohändler einbauen will, bei dem er den Panzer kaufte. Eine Weltneuheit. „Wenn ich den Panzer jedes Jahr nur ein bisschen bewege, wäre er offiziell kein Bauwerk mehr“, erklärt er spitzfindig.

Doch das wird wohl nicht reichen. Denn nun erreichte in das Schreiben der Kreisverwaltung, in der es im besten Beamtendeutsch heißt: „Die zu Deko- beziehungsweise Ausstellungszwecken in oder auf den von der Nutzungsuntersagung betroffenen Anlagen angebrachten (...) Figuren sind sofort zu entfernen.“ Dazu zählen auch die Hütten, für die auch eine Baugenehmigung fehlt. Zudem würde eine Absperrung auch die Kappung des populären Wanderwegs im Kasbachtal bedeuten. „Die meisten Wanderer sind begeistert“, versichert Blackburn. Und es gingen keinerlei Gefahren von seinem Park aus.

Die Pressestelle der Kreisverwaltung Neuwied teilte am Donnerstag mit, „die durch die Behörden formulierten Mängel an Herrn Blackburns 'little' Imperium sind ihm ja nicht neu. Nun hat er in der Tat abermals amtliche Hinweise auf diese mehr oder weniger kleinen schadhaften Stellen in seinem kleinen Reich erhalten. Wenn er sich vielleicht auch bislang keine ausreichenden Gedanken um die Behebung dieser 'kleinen' Fehler gemacht hat – so hat er nun noch einmal vier Wochen Zeit, sich zu überlegen, ob und wie und mit was er Widerspruch einlegt oder gar Abhilfe schafft“, so Sprecher Jürgen Opgenoorth. Generell sei es jedoch so, dass der Kreis als Bauaufsichtsbehörde über private Bauangelegenheiten nicht öffentlich zu berichten pflege.