Interview mit Intendant Walter Ullrich

Die Liebe zur Bühne hält auch mit 82 an

Intendant Walter Ullrich und der Erpeler Tunnel: Seit sechs Jahren ist dies eine gelungene Kombination. Hier führt er sein Erfolgsstück "Die Brücke" auf.

UNKEL. Mit 28 Jahren war Walter Ullrich einst der jüngste Intendant Deutschlands. Heute ist er 82 und der älteste der Republik. Sein Erfolgsstück "Die Brücke", das in den vergangenen fünf Jahren 75 Mal im Erpeler Tunnel aufgeführt wurde, ist ab August wieder an seinem Originalschauplatz zu sehen. Es erzählt vom Kampf um die Rheinbrücke zwischen Erpel und Remagen im Zweiten Weltkrieg, und es basiert auf dem dokumentarischen Roman "Die Brücke von Remagen" von Rolf Palm.

Herr Ullrich, fänden Sie es unhöflich, wenn ich Sie gleich zu Beginn fragen würde, ob Sie nicht langsam zu alt sind für eine Intendantenstelle?
Walter Ullrich: Unhöflich, nein, wieso denn? Ich würde doch auch viel lieber eine Weltreise machen, 137 Tage mit dem Schiff um die Erde schippern. Aber ein Nachfolger für mein Theater in Bad Godesberg ist trotz meiner sechs Kinder nicht in Sicht und mein Vertrag läuft noch bis 2019 ...

... Ihr Vertrag?
Ullrich: Den ich vor 44 Jahren unterschrieben habe. Um beim Umbau meines Privattheaters vom Land finanziell unterstützt zu werden, wollte es eine Garantie, dass dort 50 Jahre Theater gespielt wird. Der Stadt war diese Bürgschaft zu riskant, zumal Bad Godesberg 48 Stunden vor der Eingemeindung nach Bonn stand. Also unterschrieb ich. Und ich habe Verträge mein Leben lang immer eingehalten.

Sie sind längst auch im Kreis Neuwied bekannt. Als Intendant des Schlosstheaters in Neuwied, aber auch wegen Ihres Erfolgsstückes "Die Brücke" in Erpel. Was hat Sie an der Geschichte so fasziniert?
Ullrich: Das Buch liest sich wie ein Kriminalroman, so spannend, so intensiv. Ich las anlässlich des 60. Jahrestages der Eroberung der Brücke von Remagen zwei Stellen daraus vor. Im Anschluss sagte ich zu Edgar Neustein, damals noch Bürgermeister Erpels: Da machen wir ein Theaterstück raus. Er erwiderte spontan: Und das führen wir im Tunnel auf. Ich sagte nur noch: Ich mache das Stück und Sie den Tunnel klar. Das Ende kennen Sie und ich.

Gehen wir nochmal zurück an den Anfang: Hatten Sie denn gar keine Bedenken? Ein Theaterstück über eine wahre Begebenheit kann überfordern.
Ullrich: Wenn ich Hamlet oder Macbeth inszeniere, kann ich mir Szenen ausmalen, kann meine Fantasie mehr ausleben - das stimmt schon. Aber ein Original ist etwas ganz Besonderes. Ich wusste nur von Anfang an: Wenn wir es spielen, dann brauche ich alle Uniformen, ein Waffenlager, die Wehrmachtsberichte und alles bis ins letzte Detail geschichtsgetreu. Mittlerweile könnte ich schon selbst Krieg führen, mit dem, was im einbruchssicheren Tresor im Schlosstheater Neuwied liegt: Da liegen Panzerfäuste, Maschinenpistolen, Granatwerfer, Karabiner. Natürlich alles mit Waffenschein.

Anfangs hielt sich die Euphorie in Grenzen. Die Beliebtheit wächst jedoch Jahr für Jahr, so gut wie jede Aufführung ist ausverkauft, die 200 Zuschauer pro Abend kommen aus der gesamten Region. Überrascht Sie die Entwicklung?
Ullrich: Sehr sogar. Ich freue mich noch immer am meisten darüber, dass das Stück immer noch so gut besucht ist. Und dass der Kunst- und Kulturverein "Ad Erpelle" dadurch Rücklagen schaffen konnte, von denen er nun 20.000 Euro in eine Tribüne investieren will. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie es vorher im Erpeler Tunnel aussah.

Erzählen Sie es mir.
Ullrich: Im Tunnel war weder Licht noch eine Heizung, eine Toi-lette oder Strom. Stattdessen: überall Müll. Der Eingangsbereich war marode. Was der Verein geleistet hat und immer noch leistet, ist unbeschreiblich.

Der Erfolg dürfte für all die Strapazen entschädigen. Was war für Sie das größte Kompliment?
Ullrich: Einmal saßen zwei ältere Damen im Publikum. Sie atmeten schwer, rangen zwischendurch nach Luft. Hinterher fragte sie Edgar Neustein, ob es ihnen nicht gut ginge. Doch es ging ihnen gut. Sie saßen damals selbst im Tunnel und durchlebten an diesem Abend all die Gefühle, all die Angst, all das Entsetzen erneut.

Sie spielen auch selbst im Stück mit. Die Frage, wann man für eine derartige Doppelbelastung zu alt ist, spare ich mir lieber.
Ullrich: Das ist keine Belastung. Ich liebe die Bühne. Da stehe ich seit fast 70 Jahren. Ich kann noch immer so wunderbar auswendig lernen, gerne über 1000 Zeilen. Selbst Stücke, die schon Jahrzehnte zurückliegen, liegen noch in Schubladen meines Gehirns, die ich jederzeit öffnen kann. Manche Passagen kann ich heute noch ... (macht eine Atempause und zitiert aus "Des Meeres und der Liebe wegen") ... ach, wissen Sie was: Ich will gar nicht mehr 20 sein.

Warum nicht?
Ullrich: Ich war groß, blond, blauäugig - und damit festgelegt auf die Rolle des jungen Helden. Ich musste immer Siegfried in den Nibelungen spielen, immer pathetisch. Das war nie mein Ding ... (wieder stockt er einen winzigen Moment und zitiert diesmal gestenreich aus den Nibelungen) ...

... faszinierend.
Ullrich: Ja, Text lernen fällt mir sehr leicht, Vokabeln lernen dagegen schwer. Wenn ich mir 20 eingeprägt habe, hatte ich beim Test am nächsten Tag 19 wieder vergessen.

Die Geschichte hinter dem Stück

"Die Brücke" erzählt die Geschichte rund um die Ludendorffbrücke zwischen dem 7. und 17. März 1945. Historiker schreiben der Eroberung der Brücke eine große Bedeutung für ein schnelleres Ende des Zweiten Weltkrieges zu.

So wurden durch die Entscheidung der amerikanischen Soldaten, am 7. März 1945 den Rhein von Remagen nach Erpel zu überqueren, sicher Tausende vor dem Tod durch weitere Bombenangriffe auf deutsche Städte und Dörfer bewahrt.

"Die Brücke" ist vom 23. August bis 14. September, mittwochs bis samstags um 19.30 Uhr und sonntags um 15.30 Uhr im Eisenbahntunnel zu sehen. Karten sind zum Preis von 16,50 und 19,50 Uhr beim Kleinen Theater Bad Godesberg unter der Rufnummer 0228/362839 erhältlich. Bei permanent 13 Grad im Tunnel ist warme Kleidung empfohlen.

Zur Person

Walter Ullrich wurde am 29. Januar 1931 in Mönchengladbach als Kind einer Theaterfamilie geboren. Die Eltern spielten beide am Theater, und so reifte der Wunsch auch in ihm früh, Schauspieler zu werden. Die erste Kinderrolle Walter Ullrichs war der Knabe in "Madame Butterfly" mit drei Jahren.

Mit 15 Jahren begann er ein Volontariat im Theater in Halberstadt: Dort erstellte er Plakate und hängte sie später in der Stadt auf, zog den Vorhang auf, war Mädchen für alles.

Weitere Spuren als Schauspieler hinterließ er beim Film. Er spielte in mehr als 120 Film- und Fernsehproduktionen mit und drehte sogar schon mit Richard Burton und Robert Mitchum. Derzeit ist er Intendant zweier Theater: beim Neuwieder Schlosstheater und dem Kleinen Theater im Park in Bad Godesberg.