Zeugnissorgen

Psychologen der Region helfen Schülern bei Ängsten

Rhein-Sieg-Kreis. Schuljahresende, Zeugnisvergabe - das ist für manchen Schüler eine Zeit voller Ängste: vor schlechten Noten, einer gefährdeten Versetzung. Doch nicht nur dann beraten die Experten vom Rhein-Sieg-Kreis.

Die Sommerferien in NRW stehen vor der Tür, Ende der Woche gibt es Zeugnisse. Dann geht es für manchen Schüler auch um die Frage der Versetzung – oft eine belastende Situation.

Der Erwartungsdruck, die schlechten Noten, das Sitzenbleiben, das Wiederholen einer Klasse, schlimmstenfalls der Wechsel der Schule, der als Abstieg wahrgenommen wird: All das sind Themen, mit denen sich der Schulpsychologische Dienst des Rhein-Sieg-Kreises beschäftigt. Er bietet Eltern Beratung an, bereits bevor die Kinder auf weiterführende Schulen wechseln.

Welche Auswirkungen schlechte Zeugnisnoten oder gar das Sitzenbleiben für Kinder und Jugendliche haben können, wissen die Diplom-Psychologen Alexander Elwert und seine Kollegin Sara Glashagen vom Schulpsychologischen Dienst des Rhein-Sieg-Kreises nur zu gut.

„Die Gründe dafür sind vielfältig. Das können eine Über- aber auch Unterforderung sein sowie Konflikte mit Klassenkameraden oder ein Todesfall in der Familie“, so Glashagen. Nicht nur in den schlechten Noten werden die Probleme sichtbar, sondern auch körperlich.

Hohe Erwartungen der Eltern können Kinder krank machen

Eltern, deren Kinder die Grundschule verlassen werden, nehmen die kostenfreie Beratung des Dienstes nach Angaben von Abteilungsleiter Elwert bereits zwölf Monate vor Ende der vierten Klasse in Anspruch.

„Für uns ist es wichtig, dass das Wohl des Kindes im Vordergrund steht. Wenn beispielsweise Eltern ihr Kind auf ein Gymnasium schicken wollen, aber es Hinweise gibt, dass diese Schulform eventuell nicht die geeignete ist“, erklärt Elwert.

Manche Eltern hätten klare Erwartungen: Abitur, Studium und somit gute Startvoraussetzungen ins Berufsleben. „Das ist auch nachvollziehbar. Aber vielleicht gibt es alternativ eine passendere Schulform für das Kind. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die es zu beachten gilt. In unserem durchlässigen Schulsystem gibt es viele Möglichkeiten – auch zu einem höheren Schulabschluss zu gelangen“, sagt er.

Psychologen sprechen auch unbequeme Realitäten an

Letztlich komme es auf die Persönlichkeit des Kindes an. „Wir sind auch manchmal dafür da, um unangenehme Realitäten anzusprechen. Dies ermöglicht, dass Eltern ihre schulischen Vorstellungen zum Wohle ihres Kindes überdenken.“

Wenn die Psychologen mit betroffenen Schülern über schlechte Noten und die Gefahr des Sitzenbleibens sprechen, nehmen sie die jungen Klienten ernst. Vorwürfe wegen des schlechten Zeugnisses gibt es nicht.

„Fehler sollten Eltern nicht nur negativ bewerten. Sie sind eine Chance für Lernprozesse und können Ansatzpunkte zur Veränderung bieten“, sagt Glashagen. Sie ist davon überzeugt, dass jeder Betroffene Stärken habe, an die man andocken müsse. „Das wird leider oft vergessen.“

Wenn es nach Christoph Kaletsch ginge, kommissarischer Schulleiter der Heinrich-Böll-Sekundarschule in Bornheim-Merten, würde überhaupt kein Schüler mehr sitzen bleiben. „Und, dass es nur noch eine weiterführende Schulform gibt. Nämlich die inte-grierte Gesamtschule“, sagt der Lehrer für Deutsch, Geschichte und Technik, der die Sekundarschule 2012 mitgegründet hat.

Wenn Sitzenbleiben gar nicht möglich ist

Wie ist das, wenn sich Schüler nicht mehr um ihre Versetzung sorgen müssen? Das Sitzenbleiben wegen schlechter Noten in den Hauptfächern Mathe, Deutsch und Englisch ist auf der Böll-Sekundarschule bis zur 9. Klasse nicht möglich. Den Hauptschulabschluss erlangen die Jugendlichen nach der 9. Klasse, nach der 10. Klasse erlangen sie, falls sie versetzt werden, die Fachoberschulreife (Realschulabschluss) oder sogar die Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe.

„Es ist gewollt, dass die Kinder nicht sitzenbleiben. Das gehört zum Erfolgsmodell“, betont Inge Hilger, Schulsozialpädagogin an der Sekundarschule und ergänzt: „Unser Credo lautet: 'Erziehungspartnerschaft und Transparenz.'“

Konkret: Wenn die Schüler in eine individuelle Krise wie Mobbing oder Scheidung der Eltern fallen und schlechte Noten schreiben, werden die Erziehungsberechtigten rechtzeitig informiert. Es gibt im Schuljahr zwei Elternsprechtage sowie einen Sprechtag für Schüler. Die Eltern werden nach den Quartalskonferenzen über die Abschlussprognose ihres Kindes informiert.

Sekundarschule will ihre Schüler von Anfang an begleiten

„Sollten die Leistungen eines Schülers abfallen, wird darauf sofort der Fokus gerichtet. Dann muss sich auch der Lehrer fragen: 'Ist das Kind überfordert? Was braucht ein Kind an individueller Förderung?'“, zählt Kaletsch die Möglichkeiten auf. Überraschungen bei den Noten sollte es nach diesem Prinzip nicht mehr geben.

„Ich habe noch nie erlebt, dass ein Kind partout nicht lernen will. Alle Kinder und Jugendlichen sehnen sich danach, ein guter Schüler zu sein. Allerdings gibt es Kinder, die nicht mehr an sich glauben. Und es braucht wieder Freude und Motivation, um sie ans Lernen zu bekommen“, sagt der Lehrer.

Dennoch weiß er, dass in der Gesellschaft schlechte Noten für Bildungsverlierer stehen. Das erhöhe den Druck bei den Betroffenen. In diesem Sommer machen an die 100 Schüler erstmalig ihren Abschluss. „Ein Viertel von ihnen bekommt die Empfehlung für die gymnasiale Oberstufe“, sagt Kaletsch. Nach seinen Angaben sei in den vergangenen sechs Jahren noch kein Schüler beim Übergang von der 9. zur 10. Klasse sitzen geblieben. Freiwillige Wiederholer zählen dabei übrigens nicht.