Nachtführung im Cargo-Bereich von Köln/Bonn

Auf dem Airport nachts um halb eins

BONN. Zu später Stunde zeigt der Flughafen Köln/Bonn sein zweites Gesicht: 39 Frachtmaschinen aus Europa, Asien und Nordamerika ergießen dann ihre eilige Fracht ins europäische Luftdrehkreuz von UPS.

Achterbahn der Globalisierung. Wie ein endloser Lindwurm schlängeln sich die hölzernen Kippschalen eines Förderbandes im weißen Neonlicht durch die 400 Meter lange Industriehalle auf dem Firmengelände von UPS am Flughafen Köln/Bonn. In steilen Kurven windet sich das Laufband, angetrieben von 8500 Motoren, um Gittertreppen, Laufstege und Gerätschaften. Breite Gummibänder saugen beständig Nachschub in die Anlage hinein. Über dem Kopf rumpeln schwere Pakete in 2500 Plastikschlitten.

Damit die Wege auf den 40 Kilometern Laufband nicht zu lang werden, winden sich stets zwei Anlagen in beiden Richtungen durch die Hallen. Computer ermitteln für jede Sendung die optimale Richtung. 19 Meter unter den Füßen lässt eine der Förderschalen jetzt wie von Geisterhand ihre Fracht über eine Rutsche in einen durchsichtigen Transportsack gleiten. „Melbourne, Australia“ steht auf dem Etikett über dem Sack, dessen Inhalt hier zu einem Frachtstück für Übersee konfektioniert wird.

„Das Vorfeld ist schon gut gefüllt“, berichtet Martina Biron über ihr Sprechsystem. Die Frau aus dem Welcome-Center des Fracht-Dienstleisters meint: Das europäische Luftdrehkreuz von UPS läuft gerade auf Hochtouren. Um 0.30 Uhr sind fast alle Standplätze auf dem Vorfeld belegt. Aus London, Dublin und Madrid, aus Rom, Kopenhagen und Istanbul, aber auch aus Newark in den USA oder Shenzan und Shanghai (China) sind insgesamt 39 Frachtmaschinen gelandet, um ihre eilige Fracht zu teilen und neue aufzunehmen.

90 Minuten vorher ist von all dem noch wenig zu sehen. Ein winziges Schild weist den Fußweg vom ausgestorbenen Terminal 1 hinüber zum Frachtbereich des Flughafens. Der erwacht erst jetzt zum Leben. Hunderte Männer und Frauen strömen der Sicherheitskontrolle in weißen Holzbaracken entgegen. 3000 Menschen beschäftigt das größte Cargo-Unternehmen am Standort Köln/Bonn. Auch FedEx und die Deutsche Post/DHL unterhalten kleinere Stützpunkte. Gearbeitet wird fast nur nachts zwischen 23 Uhr und 3 Uhr früh – zum Verdruss vieler Anwohner in der Einflugschneise.

Besucherzentrum gegen die Kritik

Auch um auf die Kritik zu reagieren, hat UPS ein Besucherzentrum eingerichtet, das jährlich mehr als 5000 Gäste in festen Gruppen begrüßt. Bei Kaffee und Cola macht dort Christoph Kohlhaas zuerst etwas Werbung fürs Unternehmen. Am 15. September 1986 hätten sie mit 40 Beschäftigten im provisorischen Zelt in der Wahner Heide angefangen, erzählt Kohlhaas, der selbst vor 20 Jahren in der Sortierung angefangen hat. Das gute Flugwetter in der Kölner Bucht, die zentrale Lage in Mitteleuropa mit 100 Millionen potenziellen Kunden um Umkreis von 500 Kilometern und der 24-Stunden-Betrieb sprechen für den Standort. Schließlich sind internationale Sendungen über Nacht für den Logistikkonzern das Brot- und Buttergeschäft. „Wichtige Dokumente oder Pharmaka können oft nicht warten“, erklärt Kohlhaas, warum Cargo-Flieger in der Nacht kommen müssen.

Und wenn sie kommen, muss das System wie am Schnürchen laufen. Nur eine Viertelstunde soll ein Brief oder Paket in der Anlage verbringen. 1,9 Meter in der Sekunde sind dafür das Zeitmaß des Welthandels. Mit diesem Tempo befördern die Bänder jede Sendung vom Wertbrief bis zum 70-Kilo-Paket durch die Anlage. Das Ein- und Ausladen der Luftfrachtcontainer, das richtige Umdrehen der Sendungen und manchen anderen Handgriff erledigen Hilfskräfte noch immer zuverlässiger von Hand. 190.000 Sendungen bearbeiten sie in der Stunde.

Gesteuert wird das System im obersten Stock aus dem Kontrollraum, der auch einer Mondmission würdig wäre. Zwei Dutzend Mitarbeiter sitzen dort vor ihren Monitoren, kalkulieren Flugrouten und Transportmengen. Röntgentunnel und 70 Scanner machen die Fracht für die Logistiker transparent. Nur wenige Sendungen müssen ausgeschleust werden, wenn etwa Zollinformationen nicht vollständig sind oder die Zollbeamten im hauseigenen Zollbereich mit ihren Spürhunden einen Blick darauf werfen wollen.

Plastikplanen gegen den Regen

Über den Kontrollraum erhalten die Frachtmitarbeiter auf der untersten Ebene auch minutengenaue Wetternachrichten. Ein Regensturm ist im Anzug. Vorsichtshalber entfalten sie Plastikplanen über den speziellen Flugcontainern aus Aluminium und Plexiglas. Dann ziehen zwei oder drei Männer auf dem Rollenboden die verplombten Container mit bis zu zwei Tonnen Gewicht aus der Halle. 3000 Transportfahrzeuge bringen einen Großteil der Fracht auf dem Landweg von der Wahner Heide zu seinem Bestimmungsort in Deutschland und den Nachbarländern.

Der Rest landet im Bauch eines der wartenden Flugzeuge. Die Boeing 767-400 aus Shenzan ist um 1.30 Uhr noch komplett leer. „Sie geht als einer der letzten Flieger raus“, erklärt Martina Biron. Wegen der Zeitverschiebung habe man keine Eile. Im Frachtraum können Mitarbeiter die Container per Joystick über ein System von Rollen und Sicherungen an die richtige Stelle bugsieren. Erst wenn alles bereit ist, kommt die drei- oder vierköpfige Crew aus der eigenen Lounge, um den Flieger zu übernehmen. Mit dem Abflug der Maschine in den Fernen Osten um 5.30 Uhr kehrt dann wieder Ruhe ein im Cargo-Bereich von Köln/Bonn.

Und während die Vögel bereits singen, warten drüben am Terminal 2 die ersten Urlauber auf ihren Abflug – in die Ferien.