Wo Flüchtlinge Neubürger heißen

Malu Dreyer besucht Flüchtlinge in Waldorf

Waldorf. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer besuchte den 900-Einwohner-Ort Waldorf. Sie sagte: „Ich hab' noch nie eine solche Petition bekommen, in der alle Vereine des Dorfes sich für einen Flüchtling eingesetzt haben.“

Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat Waldorf besucht. Ein Dorf der Verbandsgemeinde Bad Breisig, das mit regem Briefverkehr in Richtung Mainzer Staatskanzlei ihr Interesse geweckt hatte. Der Grund: Der in Waldorf mit zehn Landsleuten lebende Eritreer Tesfaslase Elos Isak sollte abgeschoben werden. Dagegen lief Waldorf mit seinem streitbaren Bürgermeister Hans Dieter Felten Sturm.

„Ich hab' noch nie eine solche Petition bekommen, in der alle Vereine des Dorfes sich für einen Flüchtling eingesetzt haben. Und das unterstützt von mehr als 500 Unterschriften“, sagte Dreyer am Montagabend in der Vinxtbachhalle. „Besser kann Integration nicht gelingen“, erklärte die Ministerpräsidentin angesichts der Tatsache, dass bei knapp 900 Einwohnern sich nahezu alle Waldorfer Wahlberechtigten gegen die Abschiebung von Isak gewehrt hätten. Ergebnis: Er darf bleiben und hat sich per Flugblatt bei allen Bürgern des Ortes im Vinxtbachtal bedankt.

„Den Ort muss ich kennenlernen“, hatte Dreyer ob der für sie einmaligen Solidaritätsaktion beschlossen. So wurde Waldorf Station am ersten Tag ihrer diesjährigen Sommerreise, die sie bewusst auch in Dörfer führte, denn „den ländlichen Raum gilt es zu stärken und attraktiv zu machen“.

Das fand auch Bürgermeister Hans Dieter Felten und führte die Ministerpräsidentin, begleitet von vielen Bürgern und Mandatsträgern, durch den Ort, der vor 20 Jahren beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ die Goldmedaille auf Landesebene geholt hatte. Fachwerkhäuser, der Vinxtbach als Sprachgrenze zwischen Rheinisch-Ripuarisch und Moselfränkisch und Heimatmuseum ließen Malu Dreyer nicht unbeeindruckt: „Schön hier.“ Und beim Besuch im Dorfladen von Marion Klemke kam es zu einem zweiten Waldorfer Superlativ. „Ich hab' noch nie einen Hofladen mit so vielen Ramazotti-Flaschen gesehen“, bekannte die Ministerpräsidentin ihre Vorliebe für den Degistif aus Italien.

Die Flüchtlinge schenkten der Ministerpräsidentin Sonnenblumen

Sonnige Grüße gab es denn auch am Haus Hauptstraße 68. Im Hof des verwinkelten Fachwerkgebäudes hatten die in Waldorf nur Neubürger genannten Flüchtlinge bereits auf Dreyer gewartet. Ihr Dank, auch für die Hilfe für ihren Landsmann Isak: ein Strauß Sonnenblumen.

In der Vinxtbachhalle gab es dann einen großen Bahnhof für die Ministerpräsidentin, samt Orts- und Vereinsporträt durch Bürgermeister Felten. Dieser wartete dabei mit zwei Neuigkeiten auf: Zu den 13 alteingesessenen Vereinen von Junggesellen bis Möhnen und Kirchenchor gesellt sich aktuell die Flüchtlingshilfe Waldorf als 14. Verein. Auch hob er hervor, dass gerade die Vereine des Ortes eine Stütze der Integrationsarbeit seien. So sind mehrere junge Eritreer bereits Stammspieler der ersten Mannschaft der Waldorfer Kicker.

Felten berichtete aber auch von dem seit Jahren verfolgten Ziel, Waldorf als Umweltschutz-Gemeinde zu etablieren. Dabei verwies er neben den bereits seit zehn Jahren bestehenden Streuobstwiesen samt Lehrpfad auf ein neues Projekt: „Wir planen einen Photovoltaikpark.“

Das Dorf muss vieles selbst erledigen

Nicht ohne Stolz berichtete der Bürgermeister, dass es immer mehr junge Familien in den Ort ziehe. Der Kindergarten blühe förmlich. Grundvoraussetzungen wie schnelles Internet habe das Dorf auch ohne Zuschüsse mit privaten Anbietern stemmen können, doch das wichtigste im Dorf sei der Zusammenhalt. „Wir haben zwar kein Geld und müssen daher alles selber machen, aber gerade das macht uns reich“, sagte Felten dazu am Rande der Veranstaltung dem General-Anzeiger. Malu Dreyer nannte er ein Beispiel: „80 000 Euro sollte die umweltgerechte Umgestaltung des Vinxtbachbettes kosten, das haben wir in Eigenleistung für weniger als 10 000 Euro hingekriegt.“ Das Ehrenamt im Dorf stehe hoch im Kurs. Auch das erkannte Dreyer an: „Dieses zu fördern ist mir eine Herzensangelegenheit.“

Die Waldorfer brauchten für den Empfang in der 1979 errichteten und mehrfach in Eigenleistung umgebauten Halle samt eigenem Kühlhaus keinen Caterer. Die Häppchen hatten Claudia Felten und Frauen aus dem Ort selbst hergestellt. Und am Nachmittag bereits Halle und Vorfeld auf Hochglanz poliert, eingedeckt und geschmückt, samt kleinem Blumenstrauß auf der Damentoilette.

Tesfaslase Elos Isak kann der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion übrigens mittlerweile auch einen Job nachweisen. Er wird als Gemeindearbeiter eingearbeitet und wünscht sich: „Hier will ich für immer bleiben.“