GA-Interview

Landrat Pföhler warnt vor Gewerbegebieten der Region

KREIS AHRWEILER. An Ahr und Rhein ist die Wirtschaft gut aufgestellt. Doch Landrat Jürgen Pföhler warnt im Interview mit dem General-Anzeiger vor der Sogwirkung neuer Gewerbegebiete im benachbarten Rhein-Sieg-Kreis.

Es gibt wenig Arbeitslose, selten Insolvenzen. Obwohl das Statistische Landesamt für den Kreis Ahrweiler einen Bevölkerungsrückgang prognostiziert, gibt es aktuell zumindest in den größeren Städten, aber auch in der Gemeinde Grafschaft einen Zuzugsdruck. Über die wirtschaftliche Lage des Kreises Ahrweiler äußert sich Landrat Jürgen Pföhler im Gespräch mit dem General-Azeiger.

Die Wirtschaft im Kreis Ahrweiler brummt. Die konjunkturellen Aussichten sind positiv und auch die Arbeitslosenquoten sind seit Jahren auf einem niedrigen Stand. Woran liegt das?

Jürgen Pföhler: In der Tat ist die Arbeitslosenquote seit Jahren auf einem niedrigen Stand. Aktuell haben wir eine Quote von 3,5 Prozent. Seit Jahrzehnten liegen wir damit unter dem Landes- und Bundesdurchschnitt und vor allem auch unter der Arbeitslosenquote von Bonn mit derzeit 6,4 Prozent und Rhein-Sieg mit 4,9 Prozent. Ein Grund dafür ist unser breit aufgestellter Mittelstand. Er ist das Rückgrat unserer heimischen Wirtschaft. Mit innovativen und investitionsfreudigen mittelständischen Unternehmen, einem gesunden Branchenmix und guten Infrastrukturen können wir im Kreis einen stabilen Mittelstand aufweisen, der auch in konjunkturschwachen Zeiten vieles abfedern kann. Er ist der entscheidende Jobmotor in unserer Region.

Welche Rolle spielen Gründungen und Gewerbeanmeldungen im Kreis?

Pföhler: Eine große, denn sie spiegeln wider, wie attraktiv der Kreis als Standort ist. Die Zahlen bestätigen unsere gute Arbeit in diesem Bereich: Bei Unternehmensneugründungen liegen wir auf einem hervorragenden Niveau. 2017 gab es im Kreis Ahrweiler rund 90 Gewerbeanmeldungen je 10 000 Einwohner. Damit nehmen wir in Rheinland-Pfalz den Spitzenplatz ein.

Wie wichtig sind die Hebesätze und die Quadratmeterpreise für Gewerbetriebe?

Pföhler: Unternehmer finden bei uns günstige Quadratmeterpreise und niedrige Steuersätze bei der Gewerbe- und Grundsteuer, ein hohes Potenzial an qualifizierten Arbeitskräften sowie eine hohe Lebensqualität mit vielfältigen Freizeitmöglichkeiten. Ein weiterer Standortvorteil ist die Einbettung in die Wissenschafts- und Wirtschaftsregion Bonn. Das lässt sich auch an den Statistiken unseres Baugenehmigungsmanagements belegen: Seit 2007 haben wir im Genehmigungsmanagement bis heute weit über 480 Millionen Euro Investitionsvolumen am Wirtschaftsstandort Kreis Ahrweiler genehmigt. Allein im Jahr 2017 wurden über 65 Millionen Euro investiert – eine Rekordsumme.

Mit der Haribo-Ansiedlung in der Grafschaft ist ein besonderer Wurf gelungen.....

Pföhler: Sie hat eine große Signalwirkung, von der wir noch viele Jahre profitieren werden. Insbesondere mit Blick auf die Arbeitsplätze, die Gewerbesteuereinnahmen und das Image unseres Kreises als Wirtschaftsstandort. Ich bin überzeugt davon, dass sich hier das wirtschaftsfreundliche Klima auszahlt, das der Kreis und die Kommunen pflegen.

Wo sehen Sie aktuell auch dunkle Wolken für den Wirtschaftsstandort Kreis Ahrweiler?

Pföhler: Grundsätzlich befinden wir uns in einem Wettbewerb der Standorte. Diesen Wettbewerb haben wir in den letzten Jahren produktiv gestaltet und viele Gewerbeansiedlungen ermöglicht. Das führt dazu, dass aktuell nur noch wenige großflächige Gewerbeflächen im Kreis Ahrweiler verfügbar sind. Deshalb appelliere ich an unsere Städte und Gemeinden, dort, wo es möglich ist, neue großflächige Gewerbeflächen auszuweisen. Zum einen, um bereits vorhandenen Unternehmen notwendige Wachstumsoptionen zu ermöglichen. Zum anderen, weil wir auch die Entwicklung in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis genau beobachten. Dort sind große interkommunale Gewerbegebiete geplant, insbesondere ein neues Gewerbegebiet in Meckenheim direkt an der Gemeindegrenze Grafschaft. Dieses Vorhaben im Regionalplan des Rhein-Sieg-Kreises könnte möglicherweise auch eine Art Sogwirkung auf Firmen aus dem Kreis Ahrweiler haben. Wir brauchen also dringend neue Flächen.

Wo sehen Sie Probleme für die Wirtschaft?

Pföhler: Hier muss man ganz klar den Fachkräftemangel nennen. Die Unternehmen spüren die demografische Entwicklung besonders dann, wenn sie ihre Ausbildungsplätze besetzen wollen. Ein Beispiel von vielen ist die Hotel- und Gastronomiebranche. Im vergangenen Jahrgang haben nur 33 auszubildende Gastronomen und Hotelfachleute ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Vor zehn Jahren waren es mehr als 100. Generell waren Ende Juni 2018 noch 310 Ausbildungsstellen im Kreis unbesetzt. Diese Entwicklung führt zu einem eklatanten Mangel an Fachkräften in Industrie, Handwerk und im Dienstleistungssektor.

Wie kann der Kreis helfen?

Pföhler: Vor allem ländlich geprägte Regionen werden von jungen Menschen oft nicht als interessante Wohn- und Arbeitsorte wahrgenommen. Dabei haben wir vielfältige und interessante Unternehmen mit attraktiven Ausbildungsplätzen. Daher sollten gerade Unternehmen die Chance nutzen, sich frühzeitig bei Schülern aus dem Kreis Ahrweiler zu präsentieren. Eine gute Gelegenheit dazu ist der Ausbildungstag Ahrweiler, den wir kürzlich zum zweiten Mal veranstaltet haben. Auch der Berufsinfomarkt an der Berufsschule wird gut angenommen. Um Nachwuchs- und Fachkräfte anzusprechen, haben wir ein regionales Jobportal eröffnet, das ab sofort online ist.

Ohne Nachwuchs gibt es auch keine Unternehmensnachfolge. Wie sehen Sie hier den aktuellen Stand?

Pföhler: Unternehmensnachfolge ist ein wichtiges Thema, aber auch ein komplexes. Einen geeigneten Nachfolger in der Unternehmensführung zu finden und einzuarbeiten, braucht viel Zeit, die rechtlichen Fragen sind kompliziert. Der Fachkräftemangel erschwert die Problematik. Viele Unternehmen schieben die Nachfolgefrage deshalb zu lange auf. Eine aktuelle Befragung in Rheinland-Pfalz zeigt, dass ein Drittel der befragten Unternehmer über 55 sich noch nicht mit einer Nachfolgeplanung befasst habe. Die Kreiswirtschaftsförderung bietet Beratungen an, um Führungskräfte bei dieser Thematik zu unterstützen. Unter anderem hierfür haben wir die Senior Experten Kreis Ahrweiler ins Leben gerufen.

Was leisten diese Senior Experten?

Pföhler: Sie bestehen derzeit aus 23 pensionierten Firmenchefs und Führungskräften, die ihr Wissen an Existenzgründer und Jungunternehmer weitergeben. Sie beraten und begleiten Jungunternehmer, die von der Kreiswirtschaftsförderung vermittelt werden. Im Rahmen ihrer Beratung begleiten die Senior Experten auch Nachfolgeprozesse.

Was können Kreis und Kommunen leisten, um einen attraktiven Wirtschaftsstandort zu gewährleisten?

Pföhler: Es ist wichtig, gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Damit sich Arbeitnehmer langfristig bei uns wohlfühlen, müssen wir bezahlbaren Wohnraum anbieten können, Kindergärten und gut ausgestattete Schulen. Da arbeiten wir erfolgreich Hand in Hand mit den Kommunen zusammen. In einer aktuellen Studie belegen wir Platz 64 der lebenswertesten Orte Deutschlands – im Gesamtranking von 401 Kreisen und Städten. Aber wir dürfen nicht nachlassen. Im Gegenteil, deshalb arbeiten wir tagtäglich mit den Kommunen an der Fortentwicklung des Kreises.