Altersarmut in der Kreisstadt

Das Leid wohnt nebenan

Dem sozialen Leben den Rücken zugewandt: Immer mehr Menschen werden künftig vom Armutsrisiko im Alter bedroht sein.

KREIS AHRWEILER. Verwahrloste Wohnungen, in denen es kaum Essen und kein Telefon gibt, alte Menschen, die seit Jahren nicht beim Arzt waren, vereinsamte Senioren ohne jeden Kontakt zur Außenwelt: So präsentiert Marion Eisler, seit 35 Jahren fürs Diakonische Werk, die Kirche, den Betreuungsverein und die Ahrweiler Tafel aktiv, das hässliche Gesicht der Altersarmut in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Die Kurstadt, die bebaut ist mit Stadtvillen für Gutbetuchte, bietet so gut wie keinen bezahlbaren Wohnraum für Senioren, die Grundsicherung nach SGB XII - auch Hartz IV für Ältere genannt - beziehen. Das heißt im Klartext: 399 Euro monatlich plus eine Miete, die jedoch höchstens 295 Euro betragen darf, was bei maximal 50 Quadratmetern einem Preis von 5,90 Euro pro Quadratmeter entspricht. Es gibt keine Beihilfen mehr für Kleidung, Schuhe, Renovierung, Brillen, Fahrten zum Arzt oder beispielsweise kaputt gegangene Haushaltsgegenstände. Stirbt der Partner, muss binnen sechs Monaten der Betroffene, bei dem das Geld nicht reicht, in eine "angemessene" Wohnung ziehen. "Womit wir wieder beim nicht vorhandenen Angebot plus der derzeitigen Situation, dass jeder Meter Wohnraum für Flüchtlinge benötigt wird, sind", so Eisler zum Teufelskreis.

Sie stellte zusammen mit Sozialamtsleiter Dirk Reuter dem Seniorenbeirat um Ingrid Frick, die auch Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt ist, im Rathaus der Kreisstadt die dramatische Entwicklung vor. Von den rund 28 000 Einwohnern sind heute 10 563 über 60 Jahre alt. In den kommenden drei Jahren kommen 1430 hinzu. "Das ist eine enorme Zahl, die zeigt, dass wir uns gravierend mit dem Thema beschäftigen und diese riesige gesellschaftliche Herausforderung angehen müssen", appellierte Eisler. Reuter ergänzte, dass von den 369 Personen, die Sozialhilfe erhalten, rund 200 über 60 Jahre alt sind. Auch hier: Tendenz steigend.

Reuter: "Bad Neuenahr-Ahrweiler lässt sich schwer mit anderen Städten vergleichen. Auf der einen Seite hat sie eine Sogwirkung, weil Kliniken, Ärzte, Geschäfte, eine gute Infrastruktur vorhanden sind, auf der anderen Seite steht die Besonderheit des Wohnungsmarktes." Welche Lawine gerade erst anrollt, das machte Eisler klar: Langzeitarbeitslose werden ebenso in der Grundsicherung landen, wie Menschen mit geringem Einkommen. Selbst der Mindestlohn von 8,50 Euro reicht nicht aus und wird im Alter dorthin führen. "Alle Aufstocker, also Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, durch Niedriglöhne aber Leistungen vom Jobcenter erhalten, gehen in die Grundsicherung. Die, die Kinder erzogen haben, also immer noch schwerpunktmäßig Frauen, sind bedroht. Zwangsverrentungen durch das Jobcenter, also vorzeitige Altersrente mit Abschlägen mit 63 Jahren, kommen in Frage. Wir können uns anhand der Arbeitslosenstatistik ausrechnen, was da auf uns zukommt." Die Dimension zeigt auch der gerade erschienene Armuts- und Reichtumsbericht des Landes, der attestiert, dass das Armutsrisiko für ältere Menschen in Rheinland-Pfalz wegen landwirtschaftlicher Prägung und der damit verbundenen schwächeren Wirtschaftskraft deutlich über dem Bundesschnitt liegt. Beispiel: Seit 2005 stieg die Risikoquote bei Frauen ab 65 Jahren um drei Prozentpunkte auf 22,2.

"Was können wir konkret tun?" wurde aus der Runde des Seniorenbeirates - Bindeglied zwischen Bevölkerung und Stadtrat - gefragt. "Wir, die täglich mit Menschen in Not zu tun haben, wissen, dass aus der materiellen Armut oft auch eine soziale Armut entsteht. Manche wissen nicht, dass sie Anträge stellen können oder sind nicht in der Lage, sie auszufüllen. Viele schämen sich und nehmen keine Hilfe in Anspruch. Mein Appell: Schauen Sie links und rechts in Ihrer Nachbarschaft genau hin. Kümmern Sie sich", forderte Eisler auf.

Für sie ist die Einführung eines "Topfes für aktive Hilfe" unabdingbar. "Ich fände es schön für eine Stadt mit solch unermesslichem Reichtum, wenn die Solidargemeinschaft in diesen Topf einzahlt für die, die aus dem Leben geschmissen wurden. Das stünde einer Stadt wie unserer gut zu Gesicht." Selbst die Ahrweiler Tafel, die von Spenden lebt und in Ahrweiler und Sinzig 635 Menschen versorgt, wovon 13,1 Prozent Grundsicherung bekommen, sei zwei Jahre ernsthaft vom "Aus" bedroht gewesen. "Wir mussten den Zugang schließen, weil immer mehr Menschen kamen, wir aber keine Lebensmittel mehr hatten. Wir änderten die wöchentliche in eine 14-tägige Ausgabe. Es gibt immer noch einen Haufen Geschäfte in der Stadt, die lieber Essen vernichten, als es zu spenden." Mit den Themen "Spendentopf", bezahlbarer Wohnraum und einem preiswerten ÖPNV will sich der Seniorenbeirat nach Beratungen an den Stadtrat wenden.