Karfreitag mal anders

Ahrweiler Gemeinde feiert Messe im Regierungsbunker

Zum Gottesdienst hatten sich die Gläubigen am Regierungsbunker versammelt.

Zum Gottesdienst hatten sich die Gläubigen am Regierungsbunker versammelt.

AHRWEILER. „Karfreitag anders“ lockte zahlreiche Gläubige in den Regierungsbunker in Ahrweiler. In der „Kathedrale des Kalten Krieges“, wie der Bunker auch genannt wird, stellten sich die Gläubigen existenziellen Fragen.

Mit vielen Gläubigen und Interessierten hat die Ahrweiler Kirchengemeinde am Abend des Karfreitag einen Gottesdienst aus der Reihe „anders“ gefeiert. Dazu ging es nicht etwa in eine der Stadtkirchen, sondern in die Weinberge oberhalb der Römervilla, in die „Kathedrale des Kalten Krieges“, wie der Regierungsbunker auch genannt wird.

Für die Sinnlosigkeit des gottverlassenen Todes Jesu Christi wurde das teuerste Bauwerk bundesrepublikanischer Geschichte als Kulisse gewählt, das im tatsächlichen Ernstfall keinen Schutz geboten hätte. Die sichtlich bewegten Besucher erlebten einen Gottesdienst, der die existenziellen Fragen von Leid, Tod und Ungerechtigkeit in den Mittelpunkt stellte und bewusst auf schnelle Antworten verzichtete.

Alexander Kelter ließ sein Saxofon schnarrend erschallen und Pfarrer Jörg Meyrer bediente die Handsirene. Auf dem gut gefüllten Vorplatz des Dokumentationszentrums wurde es mucksmäuschenstill und kalte Schauer liefen trotz frühlingshafter Temperaturen den Rücken der Zuhörer hinunter. Nadine Kreuser spielte eine Bundesbedienstete, die aufgrund des größten anzunehmenden Ernstfalls in die Kühle des Bunkers gerufen wird – ohne Familie und ohne Wissen um die Zukunft.

Mit ihr zusammen ging es in den engen Röhrengang, vorbei an dicken Toren, Gemeinschaftsduschen, der Kommandozentrale und den nachgestellten Räumlichkeiten des Bundespräsidenten. Der Weg mündete in der ausgeschalten Betonröhre, die noch heute die Dimensionen des über 17 Kilometer langen Baus erahnen lässt. Diese bot für das expressionistische Saxofonspiel Kelters und die geistlichen Impulse des Organisationsteams eine ebenso beeindruckende wie bedrückende Atmosphäre.

Es wurden die Fragen in den Raum geworfen, wie groß die Probleme werden müssen, bevor man die Tür vor ihnen verschließt und was in unserer heutigen Welt als sinnlos angeprangert werden muss.

Schreie, Grummeln, Brummen

Die Teilnehmer waren dazu eingeladen, ihre Gedanken ins Wort zu bringen. Ein Stimmengewirr mit Stichworten wie „Kriege“, „Terror“, „Hunger“, aber auch konkreten Klagen wie „Massentierhaltung“ hallten in der Leere wider. Oft bleiben der Klage aber keine Worte mehr. So nahmen die Gläubigen die Einladung gerne an, auch nur in Lauten ihren Schmerz zu artikulieren. Schreie, Grummeln, Brummen und Wimmern ließen den Beton dröhnen und mündeten in ein tief unter die Haut gehendes Saxofonlamento.

Die Gemeinde ertrug nicht nur gemeinsam die harten Inhalte und die bohrende Stille dazwischen, hier und da wurden auch Taschentücher gezückt oder betreten zu Boden geschaut. Nach einigen Evangelien schreit Jesus am Kreuz seine Todesangst mit den Anfangsworten des 22. Psalms aus. Nach diesem Vorbild wurde auch dieser biblische Impuls, zerfetzt in einzelne Wörter, dem Echo des Bunkers anvertraut.

Der Gottesdienst mündete in ein gemeinsames „Vater unser“ und das geistliche Lied „Hoffen wider alle Hoffnung“. Nur in einem winzigen Samenkorn schwebte Ostern durch den Bunker, als die Besucher ihn wieder verließen.