Kreis Ahrweiler

Akademikerflut bremst Handwerk

KREIS AHRWEILER. Der "Ausbildungsgipfel" beklagt die wachsenden Fachkräftelücken. Option ist eine duale Berufsausbildung.

Den Kreis Ahrweiler zeichnet ein gesunder Branchenmix aus Handwerk, Dienstleistungen, Industrie, Handel und Tourismus und gute Infrastrukturen aus. Damit ist die Region sicherlich weniger anfällig für konjunkturelle Schwankungen als vergleichbare Landkreise mit weniger ausgeglichener Wirtschaftsstruktur. Dennoch: Längst hat sich Angst vor Fachkräftemangel und fehlenden Auszubildenden breitgemacht. Landrat Jürgen Pföhler hatte daher zu einem "Ausbildungsgipfel" eingeladen, in dessen Mittelpunkt ein Vortrag des Remagener Sozialwissenschaftlers Stefan Sell stand. "Es muss nicht immer Studium sein! Jedenfalls nicht sofort" - so sein Credo.

Laut Berechnungen des statistischen Landesamtes werden im Kreis Ahrweiler im Jahr 2030 rund acht Prozent weniger Einwohner leben. "Dies sind etwa 10.000 Menschen weniger in unserem Kreis", rechnete Landrat Pföhler vor. Die Schülerzahl sinke kontinuierlich. Das wiederum führe zu sinkenden Zahlen geeigneter Bewerber.

"Im Jahr 2020 wird die Zahl der 16 bis 26-Jährigen allein in Rheinland-Pfalz um 13 Prozent geringer sein als noch im Jahr 2010. Auch bei uns haben Betriebe bereits heute Schwierigkeiten, ihre angebotenen Ausbildungsstellen zu besetzen", so Pföhler. Derzeit betrage die Fachkräfte-Lücke drei Prozent. Dieser Bedarf werde sich in wenigen Jahren schätzungsweise fast verdoppeln.

Betriebe, die ihre angebotenen Ausbildungsplätze nicht mit geeigneten Bewerbern besetzen könnten, zögen sich - auch aufgrund fehlender Fachkräfte und Kapazitäten - aus der Ausbildung zurück und ließen damit ein wichtiges Instrument der Fachkräftesicherung ungenutzt. Könnten die Fachkräftelücken nicht geschlossen werden, habe dies weitreichende Folgen nicht nur für die jeweiligen Unternehmen, sondern für die Infrastruktur der Regionen und letztlich auch für den Wirtschaftsstandort.

Längst suchten Schulabgänger vermehrt ihren Karriereweg auf Hochschulen und strebten eine akademische Zukunft an. Die Folge sei eine denkbare Akademikerschwemme. Zum einen könnten nicht alle eine adäquate Beschäftigung finden, zum anderen führe dies aber auch zu einem eklatanten Mangel an Fachkräften im Industrie, Handwerk und im Dienstleistungssektor, was der Remagener Hochschulprofessor Stefan Sell nur unterstreichen konnte.

Inzwischen habe die Zahl der Studienanfänger die Zahl derer übertroffen, die eine duale Berufsausbildung beginnen - was nicht zuletzt auch am Elternwillen liege, so Sell. "Ohne Abitur bist Du nichts!" laute die Botschaft in den Familien. Was dank allgemeiner Niveauverflachung dazu führe, dass auch weniger Begabte den Weg in die Hochschulen fänden. Die hätten sich auf die neuen Schulabgänger mit sehr differenzierten Angeboten eingestellt: Dass es inzwischen gar einen "Bachelor of Coffeemanagement" gebe, bezeichnete Sell als schon skurril. Trotz der maßgeschneiderten, individuellen Vielfalt der Hochschulangebote gebe es eine stattliche Zahl an Studienabbrechern. "Viele wären in einer dualen Berufsausbildung viel besser aufgehoben", meinte Sell.

Zumal ihnen dort keine Wege verbaut seien. "Ein Studium nach der Berufsausbildung ist nahezu immer möglich", erklärte der Hochschulprofessor, es gebe immer die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln.

Das konnte Kreishandwerksmeister Frank Wershofen nur bestätigen. Er verwies nicht nur auf die vielen ungeahnten Möglichkeiten, die das Handwerk böte, auf die vielen freien Stellen und die guten Chancen für eine spätere Betriebsübernahme, sondern stellte auch klar: "Eine Ausbildung im Handwerk ist keine Verlegenheitslösung."